Der Dichter als Führer
Von Arnd Beise
Aus dem Satz: »Ich entstamme, wenn ich alten Traditionen glaube, einem uradeligen Kärntner Adelsgeschlecht«, wurde in der Bearbeitung des Lexikographen 1896 die mit Gewissheit geäußerte Information: »RILKE, René Maria Cäsar, entstammt einem uralten Kärntner Adelsgeschlecht«.
Das war aber allenfalls Wunschdenken, genährt durch die Lektüre alter Chroniken, in denen Akteure namens Rylke oder Rülko vorkamen. Ob sich Rilke wirklich adelige Wurzeln einbildete? In Wahrheit waren seine väterlichen Vorfahren böhmische Bauern, seine mütterlichen Vorfahren Abkommen elsässischer Emigranten, die in Prag allerdings zu angesehenen Bürgern wurden. Die Phantasie offenbart gleichwohl eine zeitlebens gehegte Sehnsucht nach »Höherem«. Das »Höhere« war zunächst einfach ein materiell besser gestelltes Leben. »Mein Kindheitsheim war eine enge Mietswohnung in Prag.« Die Eltern lebten »kleinbürgerlich«, wie Rilke einmal in einem Brief schrieb.
Das Elternhaus, in das René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke am 4. Dezember 1875 als zweites und letztes Kind geboren wurde, war schon bald nach der Heirat 1873 »von Zwietracht zerspalten«. Die Mutter nahm dem Vater übel, dass seine Militärlaufbahn fallierte und er »nur« »Offizial« (Lagerverwalter) und dann Revisor bei einer Eisenbahngesellschaft wurde. Vielleicht legte Renés Mutter seinem Vater unbewusst sogar den frühen Tod der erstgeborenen Tochter zur Last? Jedenfalls musste der nachgeborene Sohn die 1874 verstorbene Tochter ersetzen und wurde als solche behandelt: »Ich musste sehr schöne Kleider tragen und ging bis zur Schulzeit wie ein kleines Mädchen umher.«
Erst mit der Einschulung 1882 verwandelte René sich in einen Jungen. Der aber sollte dann nach Absolvieren der Grundschule – ein Besuch des Gymnasiums kam aus finanziellen Gründen nicht in Frage – auf Beschluss der seit 1884 getrennt lebenden Eltern die dem Vater versagt gebliebene Offizierslaufbahn ansteuern. Seit September 1886 besuchte er die Militärunterrealschule in St. Pölten, wo er immerhin zu den besten Zöglingen zählte. 1890 wechselte er an die Militäroberrealschule in Mährisch-Weißkirchen; doch hier brach Rilkes Weg zu einer Offizierskarriere schon nach drei Monaten ab. Zuerst wurde Rilke »krankheitshalber« beurlaubt, dann am 6. Juli 1891 entlassen. Was genau war passiert?
Zum »Menschentum« berufen
Wir wissen es nicht. Rilke »erzwang« nach eigenen Worten den Austritt, weil er – nachdem er die ersten vier Jahre »ertragen« habe – die vorgesehenen nächsten sechs Jahre nicht mehr ertragen konnte, obwohl sie ihm mindestens den Leutnantsrang und eine lebenslange Versorgung eingetragen hätten. Später sprach Rilke von einer »Heimsuchung meiner Kindheit« und der »täglichen Verzweiflung«, die ihn in der Militärschule beherrscht hätte, so dass er sie endlich als »ein Erschöpfter, körperlich und geistig Missbrauchter« verlassen musste (Brief an Cäsar von Sedlakowitz, 9.12.1920).
Rilke wollte nicht Offizier, sondern Schriftsteller werden. Im Juli 1891 schrieb er an seine Mutter, er sei nun »ganz Literat«. Doch galt es zunächst, irgendeine Ausbildung zu absolvieren. Nach einem erfolglosen Semester auf einer Handelsschule setzte der reiche Onkel Jaroslav Rilke ein Stipendium aus, wenn der Neffe binnen drei Jahren den Stoff der Gymnasialausbildung nachhole, die Matura bestehe und anschließend Jura studiere. Rilke folgte, paukte sich durch den Schulstoff und bestand die Reifeprüfung »mit Auszeichnung, freilich wenig Lohn für die zerrüttete Gesundheit«, wie er 1896 beklagte. Anschließend schrieb er sich als Student zunächst der Literatur, Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Prag ein, wechselte dann aber aus familiärer Rücksicht an die juristische Fakultät.
Es war klar, was Rilke eigentlich sein wollte: ein Dichter; und zwar ein »Dichter von Rang«. Wie viele Jünglinge um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war er davon überzeugt, dass »Dichter« kein Beruf oder gar eine Beschäftigung sei; dass Dichtertum nicht auf einem erlernbaren Schreibhandwerk beruhe, sondern dass es um eine Berufung zu abermals »Höherem« gehe, diesmal um ein gesteigertes »Menschentum«, in dem die Widersprüche des normalen Lebens aufgehoben wären. »Dichter sein« galt als eine Existenzweise, die im schroffsten Gegensatz zur bürgerlichen Existenz stehe. Und von »Deutschlands bedeutenden Dichtern war niemand unbürgerlicher als er«, rief Rudolf Kassner dem verstorbenen Freund nach (Frankfurter Zeitung, 6.1.1927).
Bis zum Herbst 1896 blieb Rilke in Prag. Er studierte wenig, arbeitete als Schriftleiter der Zeitschrift Jung-Deutschland und Jung-Oesterreich und publizierte ansonsten einige Bücher: 1894 erschien »Leben und Lieder«, 1895 die Gedichtsammlung »Larenopfer« sowie im selben Jahr noch zwei Psychodramen (»Murillo«, »Die Hochzeitsmenuett«), Anfang 1896 »Wegwarten« (»Lieder, dem Volke geschenkt«) und Ende des Jahres der neoromantische Lyrikband »Traumgekrönt«.
In dieser Zeit geriet er »in die heftigste und ausdauerndste Auflehnung«, erinnerte er sich 1921. Die Vorstellung des Vaters, die Kunst als Jurist nur nebenbei zu treiben, empfand er als Zumutung, der er sich durch Übersiedlung nach München entzog. Hier studierte er noch weniger und widmete sich in hektischer Betriebsamkeit vor allem der Literatur.
Im Mai 1897 lernte er die bekannte Autorin Lou Andreas-Salomé kennen, der er vordem schon anonym Gedichte zugesandt hatte. Ob wohl die 14 Jahre ältere Schriftstellerin Rilkes »Überschwenglichkeit« nicht besonders mochte, erlag sie schließlich seinem Werben. Seit dem Sommer 1897 lebten sie zusammen; sie machte ihn endgültig zum Mann (er verwarf den genderneutralen Vornamen René und nannte sich nunmehr Rainer) und zu dem Dichter, dem so viel Ruhm beschieden sein sollte. Andreas-Salomé veranlasste ihn, gegenständlicher zu schreiben und die verquaste Neoromantik des Frühwerks hinter sich zu lassen.
»Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn, / wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören, / und ohne Füße kann ich zu dir gehn, / und ohne Mund noch kann ich dich beschwören. / Brich mir die Arme ab, ich fasse dich / mit meinem Herzen wie mit einer Hand, / halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen, / und wirfst du in mein Hirn den Brand, / so werd ich dich auf meinem Blute tragen.«
Auf die Trennung Andreas-Salomés von ihm nach der zweiten Russland-Reise (7. Mai bis 24. August 1900) reagierte Rilke verstört (»Ich steh im Finstern und wie erblindet, / weil sich zu Dir mein Blick nicht mehr findet. (…) Du warst das Zarteste, das mir begegnet, / das Härteste warst Du, damit ich rang. / Du warst das Hohe, das mich gesegnet – / und wurdest mir der Abgrund, der mich verschlang«), wandte sich dann aber – vielleicht aus Trotz – vorübergehend einem völlig anderem Lebensentwurf zu.
Sehen lernen
Statt sein Wanderleben weiter zu verfolgen, siedelte er sich in Worpswede (bzw. Westerwede) an, in der Nähe des Malers Heinrich Vogeler, den er 1898 in Florenz kennengelernt hatte. Nun lebte er als Künstler unter Künstlern (in »Worpswede«, 1903, schrieb er über die Maler Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Fritz Overbeck, Hans am Ende und seinen Freund Heinrich Vogeler). Besonders angetan hatten es ihm die Malerinnen und Bildhauerinnen Paula Becker und Clara Westhoff. Letztere heiratete er am 28. April 1901. Am 12. Dezember 1901 wurde die gemeinsame Tochter Ruth geboren. Doch die häusliche Gemeinschaft zerbrach rasch. Für Rilke war eine »gute Ehe« etwas, wo »jeder den andern zum Wächter seiner Einsamkeit bestellt (…). Ein Miteinander zweier Menschen ist eine Unmöglichkeit und, wo es doch vorhanden scheint, eine Beschränkung (…), welche einen Teil oder beide Teile ihrer vollsten Freiheit und Entwicklung beraubt« (an Emanuel Bodman, 17.8.1901).
Nach dem ersten Familienwinter floh Rilke nach Paris, gab seiner Frau brieflich Ratschläge, wie der Haushalt aufgelöst werden sollte; verfügte auch, dass die Tochter bei den Großeltern mütterlicherseits untergebracht werden und dass die Gattin nachkommen sollte. In Paris lebte das Ehepaar in getrennten Wohnungen, »ein jeder als eingeschränkter Jungeselle« (wie Rilke etwas schief in Hinsicht auf seine Frau formulierte), »wie vorher, der Arbeit« (an Julie Weimann, 25.6.1902).
Clara Westhoff hatte den Bildhauer Auguste Rodin schon im Jahr 1900 kennen gelernt. Nun brachte sie Rilke mit ihm zusammen, der den deutsch-böhmischen Dichter 1905/06 sogar für acht Monate als Privatsekretär anstellte.
Die Großstadt Paris war für Rilke zunächst ein Schockerlebnis, das er in dem Roman »Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge« verarbeitete: »So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank. Die Leute versammelten sich um ihn, das ersparte mir den Rest. (…) Die Gasse begann von allen Seiten zu riechen. Es roch, soviel sich unterscheiden ließ, nach Jodoform, nach dem Fett von pommes frites, nach Angst. (…) Dass ich es nicht lassen kann, bei offenem Fenster zu schlafen. Elektrische Bahnen rasen läutend durch meine Stube. Automobile gehen über mich hin. Eine Tür fällt zu. Irgendwo klirrt eine Scheibe herunter, ich höre ihre großen Scherben lachen, die kleinen Splitter kichern. Dann plötzlich dumpfer, eingeschlossener Lärm von der anderen Seite, innen im Hause. Jemand steigt die Treppe. Kommt, kommt unaufhörlich. Ist da, ist lange da, geht vorbei. (…) Das sind die Geräusche. Aber es giebt hier etwas, was furchtbarer ist: die Stille. (…) Lautlos schiebt sich ein schwarzes Gesimse vor oben, und eine hohe Mauer, hinter welcher das Feuer auffährt, neigt sich, lautlos. Alles steht und wartet mit hochgeschobenen Schultern, die Gesichter über die Augen zusammengezogen, auf den schrecklichen Schlag. So ist hier die Stille. (…) Ich fürchte mich. Gegen die Furcht muss man etwas tun, wenn man sie einmal hat.«
Er tut etwas dagegen: Der Protagonist des Romans fängt an sehen zu lernen. »Habe ich es schon gesagt? Ich lerne sehen. Ja, ich fange an. Es geht noch schlecht. Aber ich will meine Zeit ausnutzen.« Auch Rilke nutzte seine Zeit, studierte die moderne Kunst, wurde in Paris, wo er – unterbrochen durch eine Vielzahl von Reisen – bis 1914 hauptsächlich lebte, ein modernistischer Autor.
Mäzene und Schlossfräuleins
Gesundheitlich stand es bei Rilke allerdings nicht immer zum Besten. Vom 6. März bis zum 19. April 1905 hielt er sich zum zweiten Mal im Sanatorium »Weißer Hirsch« bei Dresden auf. Hier gewann er aber »neue Freunde«, wie das entsprechende Kapitel in Ingeborg Schnacks »Rilke Chronik« (1975) überschrieben ist: Angehörige der Aristokratie, die künftig für sein Überleben als Dichter notwendig waren, weil sie ihn immer wieder beherbergten oder mäzenatisch versorgten: Als erstes die Gräfin Schwerin auf Schloss Friedelshausen bei Marburg, später die Prinzessin Marie von Thurn und Taxis in Duino oder gegen Ende seines Lebens die Industriellengattin Nanny Wunderly-Volkart in der Schweiz. Aus Rilke wurde der Dichter, der »mit seinen Versen Backfische und Schlossfräuleins bezirzte«, wie Julian Schütt unlängst lästerte.
Niemals mehr ließ sich Rilke auf eine längere Beziehung ein, oftmals konnte die brieflich angebahnte Beziehung in der Realität emotional nicht einlösen, was die Briefe versprochen hatten, so zum Beispiel in der Beziehung zu der Pianistin Magda von Hattingberg. Rilke entschied sich in dem Konflikt zwischen Leben und Werk immer für das Werk.
Ebenfalls 1905 übernahmen Anton und Katharina Kippenberg den Insel-Verlag, der nunmehr zur festen Verlagsheimat Rilkes wurde. Hier erschienen in der Folge die Titel, die ihn berühmt machten: »Das Stundenbuch« (1905), »Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke« (2. Fassung, 1906), »Neue Gedichte« (1907), »Der Neuen Gedichte anderer Teil« (1908), der »Malte«-Roman (1910), »Duineser Elegien« und »Die Sonette an Orpheus« (beide 1923).
Rilkes Pariser Jahre endeten abrupt, während er bei den Kippenbergs in Leipzig weilte. Die Kriegserklärung des Deutschen Reichs an Frankreich am 3. August 1914 verunmöglichte die Rückkehr nach Paris, wo Rilkes Eigentum eingezogen wurde. Er zog nach München, wo er bis 1919 blieb (unterbrochen vom Militärdienst in Wien vom 4. Januar bis zum 9. Juni 1916). Von einer Vortragsreise in die Schweiz, die er am 11. Juni 1919 von München aus antrat, kehrte Rilke nicht mehr zurück nach Deutschland – obwohl er »die Schweiz (…) weder Ort noch Fortschritt« für sich nannte, »nicht einmal bequem, ein Wartezimmer, in dem man rückenrecht an der Wand sitzt« (an Agnes Brumof, 29.7.1920).
Statt dessen gab es Reisen innerhalb der Schweiz, nach Venedig und Paris; längere Aufenthaltsorte waren: Locarno, Schönenberg bei Pratteln, Genf, Berg am Irchel, Siders und endlich das Château de Muzot sur Sierre im Wallis, das der Mäzen Werner Reinhart 1921 erwarb und Rilke als Wohnsitz zur Verfügung stellte.
Am 29. Dezember 1926 starb Rilke, »auf eine elende und unendlich schmerzhafte Weise erkrankt«, nämlich an Leukämie, in der Klinik von Valmont im Wallis. Am 2. Januar 1927 wurde der Leichnam in Raron, 25 Kilometer östlich von Muzot, beerdigt.
Kunst und Leben
In Bezug auf Leben und Werk ist bei Rilke häufig die Rede davon, dass sich bei ihm beides noch weniger voneinander trennen lasse als bei anderen Autoren. Zumindest war es auch ein Anspruch Rilkes, »Kunst und Leben nicht voneinanderzureißen«, weil »sie irgendwann und irgendwo eines Sinnes« seien. In gewisser Weise wollte Rilke sogar sein Leben als Kunstwerk gestalten – nur ist ihm dies nicht geglückt.
Als Rilke sich nach zwei Jahren Funkstille 1903 wieder Lou Andreas-Salomé (zunächst nur brieflich) annäherte, bekannte er ihr: »Ich bin immer noch Lebens-Anfänger« (30.6.1903), oder in einem anderen Brief: »ich bin ein Ungeschickter des Lebens« (11.8.1903). Wenn er dies zu überspielen versuchte, erschien er seinem Gegenüber ziemlich schnell als »Snob«, wie ihn Angela Rohr (Rilke lernte sie als Angela Guttmann kennen) kurzum nannte.
»Rilke war so ziemlich das Gegenteil eines Lebenskünstlers«, schrieb Silvia Henke einmal prononciert; und er wusste um seine Lebensunfähigkeit. Dabei waren es nicht die äußeren Faktoren, die ihn behinderten, so Henke, »der eigentliche Störfaktor lag in ihm selber, in seinem Anspruch, in jedem Moment Künstler zu sein, das Leben ganz in den Dienst der Dichtung zu stellen. Mit diesem Anspruch hat er sich krank gemacht, dieser Anspruch hat ihn auch anderen Lebensansprüchen gegenüber blind, ungeschickt oder grausam werden lassen.«
Mag Rilkes Leben in gewisser Weise kläglich gewesen sein, so hat er doch ein bedeutendes Werk geschaffen, dessen Nachwirkung immens ist. »Generationen deutscher Leser galt und gilt er als die Verkörperung des Dichterischen«, hielt Marcel Reich-Ranicki zu Recht fest: Sein »Name wurde zum Inbegriff des Poetischen«. Als der Westdeutsche Rundfunk im Mai 2000 nach den Lieblingsgedichten seiner Hörerinnen und Hörer fragte, war die Resonanz überwältigend: Rund 3.000 Einsendungen gab es, und nach Goethe war es Rilke, von dem unter den einhundert Spitzenreitern am meisten Gedichte genannt wurden: »Herbsttag« (Platz 3), »Der Panther« (5), »Herbst« (12), »Ich lebe mein Leben …« (31), »Liebes-Lied« (59), »Blaue Hortensie« (70), »Advent« (90).
Wertet man, wie es Hans Braam getan hat, alle erreichbaren Lyrikanthologien vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis um die letzte Jahrtausendwende aus, dann sind dies die berühmtesten Gedichte Rilkes (in der Reihenfolge der Abdrucke): 1. »Der Panther«, 2. »Herbsttag«, 3. »Das Karussell«, 4. »Archaischer Torso Apollos«, 5. »Liebes-Lied«, 6. »Römische Fontäne«.
Bis auf das noch zum Frühwerk zählende Gedicht »Advent« (1897) und dem immerhin schon im nüchterneren Ton des »Stunden-Buchs« geschriebenen »Ich lebe mein Leben …« (1899) stammen alle anderen genannten Gedichte aus den Jahren zwischen 1902 und 1908, mithin der Epoche der »Neuen Gedichte«, die die Basis bilden für Rilkes Ruhm.
Diese »Neuen Gedichte« haben nichts mehr gemein mit der »parfümierten Wortakrobatik« (Klaus Wagenbach) der ersten Gedichte, sie sind aber auch nicht so verrätselt wie die letzten Gedichtzyklen (»Duineser Elegien« und »Die Sonette an Orpheus«), sondern tendenziell episierende Betrachtungen einzelner Erscheinungen (Tier, Pflanze, Vorgang) als »Ding« mit »einem eigentümlichen Gefühls-Raum«, wie Rilke es am 27. Oktober 1919 eine Lesung einleitend sagte.
»Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. / Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, / und auf den Fluren lass die Winde los. // Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; / gieb ihnen noch zwei südlichere Tage, / dränge sie zur Vollendung hin und jage / die letzte Süße in den schweren Wein. // Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, / wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben / und wird in den Alleen hin und her / unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.«
Aus der letzten Strophe des Gedichts »Herbsttag« mag für manche Lesende vor allem das Mitleid mit dem Einsamen sprechen. Aus den ersten Versen dieser Strophe spricht aber auch eine Art von Mitleidslosigkeit, die manche Rilke-Verehrer, die wie Paul Valéry in ihm nur »den zartesten und geisterfülltesten Menschen« sehen, erstaunen könnte.
Heilsame Gewalt
Es gehört zu den Abgründen der von Widersprüchen beherrschten Seele Rilkes, dass er, der angeblich so unpolitische Poet, am Ende seines Lebens ein leidenschaftlicher Verehrer des italienischen Duce war. Seiner Mailänder Brieffreundin, der Herzogin Aurelia Gallarati-Scotti, die sich über mangelnde Freiheit und die Gewalttätigkeit des Faschismus beklagte, antwortete Rilke am 17. Januar 1926: »La Liberté! Mais n’est-ce point d’elle que le monde est malade?« (Freiheit! Aber ist es nicht gerade sie, an der die Welt leidet?) Die »Sowjets« hätten vorgemacht, wohin der Weg der Freiheit führe … Selbst wenn die Freiheit »maßvoll« und »gerecht« angewendet würde, lasse sie einen »auf halbem Wege stehen, im engen Raum unserer Vernunft«. Rilke sprach sich im Namen der »Ordnung« für »eine heilsame und sichere Gewalt«, eine »zeitlich beschränkte Gewaltanwendung und Aufhebung der Freiheit«, aus und gab zu bedenken: »Wenn man einen Weg in die Zukunft kennt, soll man seine Zeit nicht damit verlieren, dass man Ungerechtigkeiten vermeidet; man muss einfach über sie hinweg zur Aktion schreiten.« Italien sei glücklich zu nennen, während das restliche Europa wegen des Verfolgs abstrakter Ideen wie »Internationalität« und »Humanität« fast zugrunde gegangen wäre, legte er am 14. Februar nach.
Die Sehnsucht nach einem »Führer« hatte Rilke auch sechs Jahre zuvor (Brief an Leopold von Schlözer, 21.1.1920) bereits artikuliert. Es gehörte also zur Grundausstattung seines politischen Denkens und ist vermutlich ein Pendant von der Vorstellung des Dichters als geistigem Führer, wie sie um 1900 gang und gäbe war.
Auch in Rilkes Lyrik gibt es mitunter eine irritierende Identifikation mit der herrschenden Gewalt. »Töten ist eine Gestalt unseres wandernden Trauerns«, lautet ein rätselhafter Vers des späten Rilke, über den er selbst sagte, man müsse ihn einfach »hinnehmen, und wo ein Dunkel bleibe, erfordere es nicht etwa Aufklärung, sondern Unterwerfung«.
Während sich die dichterisch ebenbürtige Lyrikerin Gertrud Kolmar mit den Schwachen und Geknechteten in der Geschichte identifizierte und für deren vorübergehende Befreiung während der Französischen Revolution das poetische Bild fand: »Dass getroffener Amboss jäh sich hob / Und in die Erde stampfend schlug die Hämmer«, pries Rilke lieber den zerstörenden »Hammer« (»Die Sonette an Orpheus«, 2. Teil, Nr. XII):
»Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert, (…) / jener entwerfende Geist, welcher das Irdische meistert, / liebt in dem Schwung der Figur nichts wie den wendenden Punkt. / Was sich ins Bleiben verschließt, schon ists das Erstarrte; (…) / Warte, ein Härtestes warnt aus der Ferne das Harte. / Wehe –: abwesender Hammer holt aus!«
Rilke zufolge, so kommentierte seine Freundin und Verlegerin Katharina Kippenberg die Verse, müsse der Mensch »Hammer oder Amboss zu sein sich entscheiden«. Rilkes Entscheidung fiel in diesem Punkt eindeutig aus.
Arnd Beise ist Professor für Germanistik an der schweizerischen Universität Freiburg. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 4. Juni 2025 über Eduard Mörike: »Schwäbischer Meister«.
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