Geerbte Kraft
Neandertaler: Genspuren und Muskelwachstum
Viel von dem, was scheinbar selbstverständlich am heutigen Menschen ist, hat mit seinen urzeitlichen Wanderungen zu tun. Zum Beispiel die helle Haut, die in Europa dominiert. Als die Urmenschen von Afrika nach Europa zogen, war ihre Haut dunkel. Weniger Sonne bedeutet weniger Vitamin D, helle Haut produziert mehr davon als dunkle, ist bei nördlichen Bedingungen also von Vorteil. Zugleich enthalten Fisch und Fleisch mehr Vitamin D als pflanzliche Nahrung. Mit dem Aufkommen von Ackerbau setzten sich die Hauttypen durch, die Vitamin D besser und schneller produzieren können.
Auf dem Weg von Afrika nach Europa kam es auch zur Kreuzung mit Neandertalern. Vor etwa 50.000 bis 47.000 Jahren teilten Homo sapiens und Neandertaler denselben Lebensraum in Eurasien, genetisch tragen wir alle Anteile von Neandertalern als Spuren dieser Kreuzungsphase in uns. Manche mehr, manche weniger. Nun hat eine Forschungsgruppe um Philipp Kanis vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig eine weitere Facette dieses frühgeschichtlichen Erbes beleuchtet. Ausgehend von der Frage, warum Neandertaler eine kräftigere Statur hatten, verglich man DNA-Sequenzen von acht Genen, die bei Menschen und Neandertalern Baupläne für Hormone und Rezeptoren enthalten, die ihrerseits Wachstum von Muskeln besorgen. Die Forscher entdeckten bei den Neandertalern zwei Genmutationen, nach denen die Andockstelle eine andere Aminosäure enthält als bei Homo sapiens. Versuche mit entsprechenden Zellkulturen zeigten, dass diese Mutationen die Bindung des Wachstumshormons an den Rezeptor erleichtern und Muskelzellen um bis zu 39 Prozent schneller wachsen lassen.
Die Genvarianten der Neandertaler sind nun aufgrund des urzeitlichen Kontakts auch im heutigen Menschen enthalten, allerdings nicht gleichmäßig. »In Europa kommen sie bei 0,5 Prozent der Bevölkerung vor, in Amerika bei zwei Prozent, in Ostasien bei 15 Prozent und in Südasien bei 20 Prozent«, berichteten Kanis und Kollegen in der Fachzeitschrift Current Biology. Und in der Tat decke sich die genetische Disposition mit der Erscheinung: »Erwachsene mit dem Neandertaler-Haplotyp haben eine im Schnitt um 150 Gramm höhere Muskelmasse in Armen und Beinen sowie eine um 212 Gramm höhere fettfreie Rumpfmasse.«
Zugleich weisen die Forscher darauf hin, dass diese Mutationen in der Gesamtmenge der genetischen Einflüsse nur einen winzigen Anteil stellen und körperliche Entwicklungen daher nicht allein erklären können.
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