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Aus: Ausgabe vom 20.12.2025, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Der Worteanzünder

Weltliteratur aus dem Friaul: Celso Macor (1925–1998)
Von Erich Hackl
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Anlass zum Nachdenken und Schreiben: Erdbebenkatastrophe im Friaul (6.5.1976)

Es gibt zwei Sätze, die Leben und Werk des furlanischen Journalisten, Schriftstellers und Chronisten Celso Macor treffend umschreiben, auch wenn sie gar nicht auf ihn gemünzt sind. Der eine, des österreichischen Historikers Robert Streibel, lautet: »Lokalgeschichte ist Weltgeschichte.« Der andere stammt von Streibels Landsmann Karl-Markus Gauß und findet sich im »Buch der Ränder«, einer Sammlung von Texten mittel- und osteuropäischer Autorinnen und Autoren, die Gauß vor mehr als dreißig Jahren herausgegeben und mit einem Vorwort versehen hat: »Heimat ist kein Besitzstand.«

Macors besitzstandloses Revier war das östliche Friaul um die mehrsprachige Kleinstadt Görz (furlanisch Gurize, italienisch Gorizia, slowenisch Gorica), das vier Jahrhunderte lang zum österreichischen Küstenland der Donaumonarchie gehörte. Von Frühjahr 1915 bis Spätherbst 1917 Schauplatz der zwölf erbittert geführten und immens verlustreichen Isonzo-Schlachten, wurde die Region im Friedensvertrag von Saint-Germain 1919 dem Königreich Italien zugesprochen, das unter Mussolini die Zwangsassimilation der slowenischen Mehrheitsbevölkerung betrieb, und war ab September 1943 Teil der deutschen Operationszone Adriatisches Küstenland, in der die »Sonderabteilung Einsatz R« sich massenhafter Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung schuldig machte und unter dem Vorwand der »Bandenbekämpfung« einen erbarmungslosen Vergeltungskrieg gegen jugoslawische und italienische Partisanen führte. Bei den Pariser Friedensverträgen 1947 wurden die Gebietsgrenzen neu gezogen. Während die Altstadt von Görz bei Italien blieb, fiel sein nordöstlicher Teil an die Föderative Volksrepublik Jugoslawien. Ein Metallzaun, der quer über den Bahnhofsvorplatz verlief, spaltete also nicht nur die Stadt, in das italienische Gorizia und das jugoslawische, später slowenische Nova Gorica, sondern bildete über Jahrzehnte auch die Trennlinie zwischen zwei antagonistischen Wirtschaftssystemen. Anders als Berlin ist Görz eine geteilte Stadt geblieben, in der die Grenze jedoch weniger trennt als verbindet. Das hat sich bei den Kulturveranstaltungen des abgelaufenen Jahres erwiesen, für das Nova Gorica und Gorizia nach einer gemeinsamen Kandidatur zu einer von zwei europäischen Kulturhauptstädten (die zweite war Chemnitz) gekürt worden waren.

Im Weiler Versa, achtzehn Kilometer westlich der Stadt, ist Celso Macor vor hundert Jahren geboren. Aus bäuerlichen Verhältnissen stammend, von der christlichen Einstellung seines Elternhauses ebenso wie von den Freuden der Geselligkeit und des Bergsteigens geprägt, besuchte er in Görz das humanistische Gymnasium, wurde 1943 zur Organisation Todt gezwungen, schwankte eine Zeitlang, ob er sich den kommunistischen Garibaldi- oder den liberal-katholischen Osoppo-Brigaden anschließen sollte, entschied sich nach dem bedrohlichen Zusammentreffen mit einem aufgeblasenen Politkommissar für letztere und erlebte im Frühsommer 1945 zu seiner Bestürzung, wie in den vierzig Tagen ihrer Herrschaft die jugoslawischen Befreier, die er in seinem großen historischen Gedicht »Ihr sollt nicht töten! (Kain, es ist genug!)« als Brüder anspricht, nicht nur faschistische Amtsträger und Kollaborateure, sondern zuhauf auch unbeteiligte Zivilisten und ausgewiesene Antifaschisten töteten: »Wie viele von uns, wie viele sind in der langen Nacht verschwunden, / mit Drähten gebunden, in Scharen, in den Bergen droben getötet / ohne Prozess, ein Stoß in die Tiefen des Karsts? / Nackt habt ihr sie ausgezogen, Brüder, meine Brüder, / die schrien, die weinten, / und alles hat das Zittern der Buchenblätter verborgen, / das Rauschen des Isonzo / und die Tiefe der Nacht des Kain.«

Es ist eine Schande, dass ich erst jetzt auf den Dichter Macor aufmerksam geworden bin, dank der beiden sorgfältig edierten Bände der Societât Filologjiche Furlane, die mir deren Mitherausgeberin Renate Lunzer geschickt hat. Das eine Buch enthält Macors ersten Gedichtband auf furlanisch, »Impiâ peraulis« (»Worte anzünden«), der ursprünglich 1980 veröffentlicht wurde, das andere ebenso scharfsinnige wie einfühlsame Aufsätze über den Autor, die Lunzer und ihr in Udine lehrender Romanistenkollege Gabriele Zanello verfasst haben. Macor hätte nicht schlecht gestaunt, dass die Gedichte und alle Abhandlungen über ihn, sein Credo und seine Lebenswelt, einschließlich zweier Begleittexte seiner langjährigen Freunde Ervino Pocar und Sergio Tavano, viersprachig erschienen sind, außer im Original und in Lunzers brillanter deutscher Übersetzung auch auf Italienisch und Slowenisch.

Die längste Zeit hatte Macor seine literarischen und publizistischen Arbeiten ja auf Italienisch veröffentlicht. Das war unvermeidlich, weil Furlanisch – die drittgrößte Minderheitensprache Italiens – zwar gesprochen, aber kaum gelesen wurde und als Schriftsprache, wie wir bei Pocar erfahren, nicht standardisiert worden war, und weil er sich sein Geld außerdem als Korrespondent der in Rom erscheinenden christdemokratischen Parteizeitung Il Popolo verdiente, ehe er neben seiner Tätigkeit als Pressereferent der Stadt Görz die Wochenzeitung Voce Isontina leitete, das Organ des Erzbistums Gorizia, die Zeitschrift Iniziativa Isontina herausgab und die Studi Goriziani mit eigenen Artikeln, Glossen und Rezensionen über das östliche Friaul füllte. »Wer sich kulturell mit Görz/Gorizia/Gorica und seiner Vergangenheit beschäftigt«, so Zanello, »darf keine der vielen Facetten übersehen, die heute noch die Vielfältigkeit und Komplexität der Stadt ausmachen. Macor war sich dessen vollkommen bewusst und fühlte sich verpflichtet, ihren slowenischen Hintergrund besser kennenzulernen, der zusammen mit der furlanischen Kultur, den venetisch geprägten Landstrichen jenseits des Isonzo und zur Küste hin und mit den deutschsprachigen Einwohnern und Institutionen die spezifische Kultur der alten Grafschaft geprägt hat.«

Von der Randlage der Region aus, die er nur selten und für kurze Zeit verließ, vermochte Macor besser und präziser zu erfassen, was in den Metropolen Gefahr lief, hinter Phrasen, Moden oder Sensationen zu verschwinden. Vor der Enge der Provinz, die Zanello zufolge »oft die blassen Farben von Selbstmitleid, Rückwärtsgewandtheit und fruchtloser Nostalgie trug«, schützten ihn sein Geschichtsbewusstsein und die Erinnerung an die kleinbäuerliche, von Handarbeit und Bedürftigkeit bestimmte Alltagskultur seiner Kindheits- und Jugendjahre. Er verklärte die Armut nicht zur Idylle, bewahrte aber den Armen ein ehrendes Andenken. Macors Trauer galt nicht der Vergänglichkeit, sondern dem, was im Vergangenen als Versprechen lebendig geblieben war, auch wenn es letztlich nicht mehr war als das bisschen Hoffnung, auf eine halbwegs gute Ernte, und die »Sehnsucht, in Frieden zu leben / arbeiten an der Hobelbank, bis die Sterne aufgehen, für eine Stufe mehr, / für ein Stück Mauer, / für eine Scholle Erde, / für eine Kuh mehr im Stall«.

Ich weiß nicht, wie Macor im Lauf der Jahre mit seinen konservativen und kirchlichen Vorgesetzten zurechtgekommen ist. (Es habe aufgrund der Schonungslosigkeit seiner Analysen gelegentlich Reibereien gegeben, berichtet Zanello.) Er war gottgläubig, daran besteht nach der Lektüre seiner Aufsätze kein Zweifel. Und doch tritt er uns, im Gedicht »Junge Leute, heute« beispielsweise, wie sein einst »in den Frieden des freien Frankreichs« geflohener Onkel, als Kommunist entgegen, nicht nur seiner Wut und Verzweiflung wegen, dass die Völker, die seit jeher aufeinander angewiesen waren, sich auch hier, am Isonzo, »in Kriegen, die nicht unsere waren«, aufeinander hetzen ließen. »Sollen doch die Knoten der Geschichte reißen! / Wenn nur junge Hände da sind, / die alten Fahnen zu tragen / und so die Welt zu verändern! / Ist das jetzt ein Fluch oder vielleicht / eine Hoffnung?«

Erwähnenswert ist die Bedeutung, die Pier Paolo Pasolini für Macors Werk und Anschauung hatte. Wie Zanello schreibt, sei sein Interesse an der regionalen Sprache durch den jähen tragischen Tod des berühmten Kollegen gestiegen. Vermutlich hat er sich aber schon viel früher mit Pasolini beschäftigt, allein wegen dessen erster Buchveröffentlichung, »Poesie a Casarsa« (»Gedichte an Casarsa«, 1942), und der dramatischen Parabel im Gewand einer antiken Tragödie, »I Turcs tal Friúl« (»Die Türken in Friaul«, 1944). Sowohl die Gedichte als auch das Theaterstück hat Pasolini in Casarsa della Delizia, einer Ortschaft im westlichen Friaul, in der seine Mutter geboren und er heute begraben ist, auf furlanisch abgefasst, das er selbst nie gesprochen hat. Aber er wollte sich einer Sprache bedienen, die weder patriarchalisch noch faschistisch verseucht war. In Casarsa gründete Pasolini 1944 sogar eine Akademie für die furlanische Sprache, die »Academiuta di lenga furlana«, ebenfalls aus Opposition zum Faschismus und weil er den Gebrauch des als rückständig empfundenen Furlanisch nicht dem Klerus überlassen wollte. Es gibt noch eine weitere, diesmal tragische Verbindung zwischen den beiden Schriftstellern: Pasolinis Bruder Guido hatte sich wie der gleichaltrige Macor den Brigate Osoppo angeschlossen; zusammen mit sechzehn Gefährten wurde er Anfang Februar 1945 auf einer Alm nahe dem Bergdorf Porzûs ermordet, und zwar von kommunistischen Partisanen der Gruppi di Azione Patriottica, die ihnen Verrat vorgeworfen hatten.

Letztlich war es das verheerende Erdbeben vom 6. Mai 1976, das Macor veranlasste, Gedichte auf furlanisch zu schreiben. Zanello weist darauf hin, dass der Schock über das schreckliche Ereignis, durch das im Friaul fast tausend Menschen ums Leben kamen und 45.000 obdachlos wurden, bei Macor nicht dazu führte, »das unversehrte Bild Friauls vor der Katastrophe poetisch festzuhalten«. Statt dessen ordnete er sie den historischen, von Menschengewalt verursachten Schicksalsschlägen zu, in einer Auflistung aller Völkerschaften und Herrscher, die sich im Lauf der Jahrhunderte in der Region breitgemacht hatten, und ohne die durch Elend, Ausbeutung und nunmehr durch die Verwüstung erzwungene Emigration in die großen Städte und nach Übersee, in beide Amerika, zu unterschlagen: »Die Alten, die Bauern flüchten, sie schlachten die Kühe und gehen fort, / kein Mais wird mehr wachsen auf den Feldern, / und die Leute halten es nicht mehr aus in den Zelten, auf den Bergen liegt Schnee / und die Erde beginnt schon wieder zu toben. / Ich möchte schreien: Geht nicht weg, bleibt, / überall wird das Unkraut wachsen, / auf den unbestellten Feldern und auf den Hängen.«

Es gibt zwei Schriftsteller, die einem bei der Lektüre dieser Gedichte in den Sinn kommen. Der ältere von ihnen ist der legendäre Drehbuchautor Tonino Guerra (1920–2012), der mit so ziemlich allen wichtigen Regisseuren – von Antonioni über Fellini, De Sica, Rosi und die Brüder Taviani bis zu Angelopoulos und Tarkowski – zusammengearbeitet hat. War es bei Macor das Erdbeben, das ihn zum Schreiben in der Kindheitssprache angeleitet hat, so stand bei Guerra die Erschütterung über die Verhältnisse im Lager Troisdorf bei Bonn, wo er als Kriegsgefangener Zwangsarbeit verrichten musste, am Beginn des dichterischen Schaffens. Weil er weder Papier noch Bleistift hatte, memorierte Guerra seine auf Romagnol, im Dialekt seiner Heimatgemeinde Santarcangelo di Romagna, komponierten Gedichte und trug sie abends den Mitgefangenen vor. »Meine Absicht war es, sie aufzumuntern. Muttersprache und Poesie sollten uns vor dem Schrecken, der Einsamkeit behüten und trösten. Seither haben meine Gedichte keinen anderen Anspruch, als denen, die sie lesen, Gesellschaft zu leisten.«

Guerra ist in seinen Gedichten in der Regel anekdotischer, auch humorvoller als Macor, aber er greift die gleichen Themen auf, Landflucht, Versteppung, Vereinsamung, Entfremdung, und schließt wie dieser – und wie Rosa Luxemburg in ihrer bewegenden Schilderung eines blutig geschlagenen Büffels – in sein Mitleid die Nutztiere ein, Kühe, Ochsen, Esel, denen gemäß der kapitalistischen Profitmaximierung früher oder später das Existenzrecht genommen wird: »Geht nun zu den Ochsen und sagt ihnen, dass sie verschwinden sollen, / dass die Vergangenheit ohne Wenn und Aber vergangen ist / und man die Arbeit, die sie machten, nun schneller mit dem Traktor macht. // Damit wir nachher vor Rührung vergehen / beim Gedanken an die Strapazen, die sie über Jahrhunderte erduldet haben, / während sie mit gesenkten Schädeln, / alle in einer Reihe aneinandergebunden zum Schlachthof getrieben werden.«

Alberto Nessi ist der zweite Macor-Verwandte, sein geistiger Neffe, wenn man so will. Einst war das Mendrisiotto, der südliche Zipfel des Tessin, in dem er vor 85 Jahren geboren und immer noch zu Hause ist, eine arme Gegend, deren Bewohner vom Schmuggel lebten oder sich als Saisonarbeiter in der Lombardei oder im Piemont verdingten. Die Gedichte, aber auch die Erzählungen und Romane, die Nessi in fünfeinhalb Jahrzehnten veröffentlicht hat, vibrieren vor Spannung zwischen Armut und Unrecht damals und der von Wohlstand und Gleichgültigkeit beschädigten Gegenwart. Sie sind rückwärtsgewandt, zur Geschichte, aber ebensowenig sentimental wie Macors Gedichte, und sie haben wie diese einen festen Ort, früher Coldrerio mit 2.800, seit langem Bruzella mit 180 Einwohnern, von dem aus der Dichter die Welt diesseits und jenseits der Grenze erkundet.

»Wurzeln haben heißt nicht, sich von diesen Wurzeln erwürgen zu lassen. Wurzeln haben heißt, von diesem Boden die Mineralien und Säfte aufzunehmen, die den Baum blühen lassen, wenn es das Schicksal will, dass dieser Baum Blüten haben soll. Unser Boden ist mitten in Europa, offen für alle Winde und Samen, die von überallher kommen.« Das Zitat stammt aus dem Jahr 1990. Es hätte Celso Macor, der damals noch acht Lebensjahre vor sich hatte, aus dem Herzen gesprochen.

Celso Macor: Impiâ peraulis. Accendere parole. Netim besede. Worte anzünden. Herausgegeben von Renate Lunzer und Gabriele Zanello. Società Filologica Friulana, Udine 2025, zwei Bände, 726 Seiten, 30 Euro

Erich Hackl wurde 1954 in Steyr (Oberösterreich) geboren. Er arbeitet seit 1983 als Übersetzer, Herausgeber und freier Schriftsteller. Zuletzt schrieb er an dieser Stelle am 29. November 2025 über die Malerin Núria Quevedo (1938–2025) und das Bild ihres Lebens

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