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Ausgebildete Klassengesellschaft

Die Herkunft zählt

Bildungsbericht 2026 vorgestellt: Klassenherkunft weiterhin entscheidendes Merkmal für den Schulerfolg

Foto: Thomas Eisenhuth/ZB/picture aliance
Haste nix, wirste nix: In der Schule reproduziert sich die Klassenstruktur der Gesellschaft

Das deutsche Bildungswesen ist und bleibt ein knallhartes Klassenproblem. Das ist zwar kein wörtliches Zitat aus dem, jedoch de facto Inhalt des Bundesbildungsberichts 2026, den Bildungsministerin Karin Prien (CDU) am Montag in Berlin vorgestellt hat. Durchaus auch eine missliche Lage für die herrschende Klasse im Lande, denn die leidet zur Zeit unter Fachkräftemangel – muss sich also im Sinne ihrer Position in der ökonomischen Staatenkonkurrenz anstrengen, weniger Kinder der Arbeitskräftereserve und mehr den hohen Schul- und Berufsabschlüssen zuzuführen.

Der Bericht zeigt, dass sich die Kompetenzunterschiede zwischen Kindern von Eltern mit niedrigem und hohem Bildungsniveau bis kurz nach der Einschulung immer weiter verschärfen und sich bis zum Ende der Schullaufbahn auch nicht wieder abschwächen. »Bereits im Alter von zwei Jahren zeigen sich bedeutsame Unterschiede im Wortschatz in Abhängigkeit von der Bildung der Mutter«, heißt es weiter im Report. 39 Prozent der Töchter und Söhne von »sozioökonomisch benachteiligten« Familien verfehlen demnach bis zum 15. Lebensjahr grundlegende Kompetenzmarker beim Lesevermögen, im Bereich der Mathematik sind es 47 Prozent. Bei den Kindern der Oberschicht sind es jeweils nur acht Prozent. »Die Bildungsschere geht ab Geburt auf«, fasste Prien die Ergebnisse zusammen.

Kaum überraschend übersetzt sich dies auch in die Entscheidungen für den berufsqualifizierenden Werdegang nach der Schule: 39 Prozent der Kinder von Eltern mit niedrigem Berufsstatus beginnen eine Ausbildung, 58 Prozent ein Studium. Bei Elternhaushalten mit hohem beruflichem Status wählen 19 Prozent der Nachkommen eine Ausbildung und 79 Prozent ein Studium. Eltern mit hohem Bildungsabschluss schicken ihre Kinder unter drei Jahren fast doppelt so oft in den Kindergarten wie solche mit niedrigem Abschluss (39 gegen 20 Prozent), was sich in einen geringeren Zugang zu frühkindlicher Förderung übersetzt.

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Besondere Aufmerksamkeit wurde bei der Präsentation des Berichts der demographischen Frage gewidmet – womit weniger die Altersstruktur als die Immigration gemeint war. Zwar sei die Zahl der Zuwanderer in den vergangenen Jahren zurückgegangen, dennoch sei es laut Prien weiterhin notwendig, »intensiv« an der Sprachbildung zu arbeiten. Perfide, denn wie der Bericht, der beim Aussprechen dieses Satzes vor ihr lag, darlegt, wurden Integrations- und Berufssprachkurse von der Regierung »wiederholt finanziell zu knapp ausgestattet«. Es zeichne sich ein Trend ab, bei dem »ein schnellerer Arbeitsmarkteintritt bei zugleich selektiverem Zugang zur Deutschsprachförderung im Vordergrund steht«. So würde das Risiko »inadäquater Beschäftigung« steigen.

Scheinbar aus dem Nichts kam von Prien die Forderung, Daten von Kindern sollten »auch ohne Zustimmung der Eltern« von den Kindergärten an die Grundschulen weitergegeben werden dürfen. Auch die Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (ebenfalls CDU) machte ähnliche Vorstöße und verwies auf die von einigen Bundesländern geplante und auf Bundesebene von Prien befürwortete Bildungs-ID. Mit diesem System sollen Daten über den Bildungsverlauf zentral gesammelt werden. Im Bericht wird darauf hingewiesen, dass insbesondere beim Übergang zwischen zwei Bildungsphasen die »Abstimmung« der Aktivitäten und ihre Ausrichtung auf »die individuellen Bedarfe und Voraussetzungen« schwierig sei. Hier soll die ausgeweitete Erfassung der Schüler wohl Abhilfe schaffen.

Am Kernwiderspruch des deutschen Bildungssystems – der Gleichzeitigkeit einer nominell meritokratischen Ausrichtung und den weitgehend außerhalb dieses Systems liegenden Bedingungen, nach denen sich dieser Wettbewerb strukturiert, von der materiellen Ausstattung bis zu von den Eltern vermittelten »Soft Skills« – ändern solche Vorschläge natürlich nichts.

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Erschienen in der Ausgabe vom 16.06.2026, Seite 1, Titel

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→ Leserbriefe
  • Frank Lukaszewski aus Oberhausen 16. Juni 2026 um 11:24 Uhr
    Die Herkunft zählt immer! Man nehme ein, zugegebenermaßen plumpes Bild, den 100-Meter-Lauf: Kinder mit entsprechendem familiär-finanziellen Background verfügen faktisch über einen Vorsprung, der, je nachdem, 10 oder 95 Meter betragen kann. Dieser relevante Abstand setzt sich u.a. zusammen aus Vorbildung der Angehörigen, Einstellung zu Bildung, Musik, Literatur, Schulauswahl- sowie kostenintensive Nachhilfeoptionen, Netzwerken usw. Sogar Sport zählt dazu (würg!). Kinder mit entsprechendem Umfeld haben halt diesen Vorsprung. Daraus bildet sich dann eben ein Kreislauf bekannter Reproduktion der Verhältnisse, jener tendenziellen Unangreifbarkeit herrschender Klassenverhältnisse. Kinder aus nichtprivilegierten Kreisen müssen beispielsweise also ein Vielfaches leisten, als Blagen der Bourgeoisie, um exemplarisch das Abitur zu bestehen. Mir fehlt ein statistischer Zugriff und kann somit nur Einzelfälle benennen: Sogenannte Russlanddeutsche, also Bürgerinnen und Bürger, die die UdSSR noch miterlebten und unter dem Gorbatschow-Jelzin-Irrsinn in die BRD übersiedelten, zeigen ein deutlich stärkeres Interesse an Bildung ihrer Nachkommen, als andere Bevölkerungsteile mit ähnlichem sozioökonomischen Status. Hier könnte man zusammenfassend sagen: Bildung schafft Bildungshunger. By the way: Systemimmanent wurde es in der BRD mit Hilfe der SPD seinerzeit tatsächlich möglich, als Arbeiterkind zu studieren. Ja, ja, zu wenig und – mit Blick auf die DDR-Konkurrenz – nur auf äußeren Druck. Wie sieht es heute aus?
  • Thomas Bartsch-Hauschild aus Hamburg 16. Juni 2026 um 10:08 Uhr
    Bildung sichert den Aufstieg im Beruf, den Arbeitsplatz und ein gutes Leben. Dieses Versprechen kann unser Bildungssystem längst nicht mehr einlösen. Der Bildungsbericht 2026 liefert keine neuen Erkenntnisse, von der Kita bis zur Uni bzw. Berufsausbildung, es fehlt an fast allem, z. B. der digital, pädagogischen und sozialen Kompetenz. Eine Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen beginnt bereits mit der Geburt und dem Elternhaus, nicht mit Privatschulen und Nachhilfeunterricht. Geld ist genug da – fünf Prozent für Militärausgaben – das sind Milliarden Euro, die dem Bildungssystem nicht mehr gewährt werden. Diese Art der Umverteilung verfestigt die Bildungsarmut, verweigert die Möglichkeit von Gerechtigkeit für eine gute Zukunft unserer Kinder.
  • Onlineabonnent*in Manfred G. aus H. 15. Juni 2026 um 22:35 Uhr
    Warum nicht mit einfachen Worten und marxistischer Denkweise die zentralen Aufgaben des Bildungssystems des Kapitalismus erklären? Die Aufgaben sind: 1. Qualifikation der Arbeitskräfte. Das bedeutet, die Schule vermittelt Wissen und Fähigkeiten, die für Wirtschaft und Arbeitsmarkt benötigt werden. 2. Sozialisation. Schülerinnen und Schüler lernen Regeln, Disziplin, Pünktlichkeit, Leistungsorientierung und Anpassung an gesellschaftliche Normen. 3. Legitimation der bestehenden Ordnung. Die Schule trägt dazu bei, die bestehende Gesellschaftsordnung als selbstverständlich und gerecht erscheinen zu lassen. 4. Selektion. Durch Noten, Abschlüsse und Bildungswege werden Menschen auf unterschiedliche Positionen in der Gesellschaft und Arbeitswelt verteilt. 5. Reproduktion sozialer Verhältnisse. Soziale Ungleichheiten werden von einer Generation zur nächsten weitergegeben, weil Bildungserfolg häufig von der sozialen Herkunft abhängt. Lenin sagt, Bildung soll den Menschen befähigen, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verstehen, sie soll wissenschaftliches Denken fördern und mit praktischer Arbeit verbunden sein. Für Gramsci ist Bildung ein Mittel zur geistigen Emanzipation und zur aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Mao kritisierte eine rein akademische oder elitäre Bildung, die von den Lebensrealitäten der Arbeiter und Bauern getrennt sei. Er sagt, dass Lernen sollte mit praktischer Arbeit verbunden werden, sodass Theorie und Praxis einander ergänzen und nicht nur privilegierten Gruppen zugänglich sein. Marx sagt, in einer Klassengesellschaft dient Bildung vor allem dazu, die bestehenden Verhältnisse zu reproduzieren: Die herrschende Klasse bestimmt, welches Wissen wichtig ist, Schulen vermitteln nicht nur Wissen, sondern auch Disziplin, Gehorsam, Arbeitsmoral, Bildung bereitet Menschen auf ihre Rolle im Produktionssystem vor. Bildung ist also Teil des Überbaus, der auf der ökonomischen Basis aufbaut. Manni Guerth
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