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Das Märchen vom Fachkräftemangel
Zu faul oder zu blöd sei die Jugend für Berufsbildung, posaunen Staat und Kapital, um den zentralen Widerspruch des Ausbildungsmarkts zu kaschieren
Kaum eine Woche vergeht in Deutschland, in der kein Politiker oder Kapitalvertreter klagt, es herrsche Fachkräftemangel. Gleichzeitig bauen Konzerne massiv Stellen ab. Knapp 340.000 Industriearbeitsplätze wurden seit 2019 gestrichen, ein wesentlicher Teil davon in den vergangenen zwei Jahren. Ein sehr ähnliches Bild zeigt sich auf dem Ausbildungsmarkt.
2025 boten Betriebe in der BRD rund 27.000 betriebliche Ausbildungsplätze weniger an als im Vorjahr. Gegenüber 2019 ist das Angebot um 48.500 betriebliche Ausbildungsplätze zurückgegangen. Diese inzwischen langfristige Entwicklung dürfte sich fortsetzen: Für 2026 prognostiziert das Bundesinstitut für Berufsbildung einen weiteren Rückgang. Wie passt der allenthalben beschworene Fachkräftemangel mit diesen Entwicklungen zusammen?
Passungsprobleme
Der Blick auf den Ausbildungsmarkt offenbart zunächst einen weiteren Widerspruch: Während 2025 zum Stichtag 30. September 54.400 ausgeschriebene Ausbildungsstellen unbesetzt blieben, waren noch 84.400 Bewerber auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Dieses Verhältnis hat sich gegenüber 2024 wenig überraschend zuungunsten der Suchenden verschoben: Ihre Zahl ist um 14.000 gestiegen, die der unbesetzt gebliebenen Plätze aufgrund der Kürzung von Ausbildungsstellen dagegen um 15.000 gesunken.
Diese Differenz zwischen Angebot und Nachfrage bezeichnet das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) in seinem Anfang Mai veröffentlichten Berufsbildungsbericht 2026 als »Passungsproblem«. Woher es rührt, erklärte das Ministerium vor allem mit folgendem Missstand: Die Bewerber seien ungeeignet. 73 Prozent der Betriebe mit Besetzungsschwierigkeiten fänden schlicht niemanden, der die Anforderungen erfüllt.
Das Urteil der Geschäftsleute, die Schwierigkeiten haben, ihre Stellen zu besetzen, ist vernichtend und passt blendend in die allgegenwärtige Erzählung von der faulen und verdummten Jugend: Fast die Hälfte der Betriebe bemängelten Defizite von Schulabgängern bei der mentalen Leistungsfähigkeit, dem Ausdrucksvermögen und elementaren Rechenarten. Probleme beim Arbeits- und Sozialverhalten wollen mehr als die Hälfte der Betriebe erkennen.
Dabei handelt es sich bei den Unternehmen, die mit Vakanzen zu kämpfen haben, besonders häufig um kleine Betriebe. Diese sind seltener tarifgebunden, das Arbeitsverhältnis ist oft enger an den Chef geknüpft, im Vergleich zur größeren Konkurrenz fehlten oft Material und professionellen Strukturen. Kurzum: Die Ausbildung ist in der Tendenz von schlechterer Qualität, die verfügbaren Plätze sind weniger attraktiv. Das gilt um so mehr in Branchen, die generell durch schlechte Rahmenbedingungen hervorstechen, etwa im Gesundheitswesen oder in der Kosmetik.
Wer nicht für wenige hundert Euro Hilfstätigkeiten ausüben und Überstunden mit dem altbekannten Ausspruch »Lehrjahre sind keine Herrenjahre« aufgebrummt bekommen oder sich im politisch angeordneten Kürzungswahn bei einem privaten Krankenhausträger kaputt schuften möchte, beweist indes eher gesundem Menschenverstand als fehlende Leistungsbereitschaft. In vielen Berufen und manchen Branchen ist der Mangel an Fachkräften freilich real – und ebenso selbstverschuldet.
Gefangen im Widerspruch
In der Klage über die ungeeignete Jugend steckt folglich ein wahrer Kern. Das Kapital ist in einen Widerspruch verstrickt. Einerseits ist es darauf angewiesen, die Ware Arbeitskraft zu reproduzieren, um sie auch in Zukunft ausbeuten zu können. Es muss also ein gewisses Maß an qualifizierter Schul- und Berufsausbildung sicherstellen. Andererseits steht dem das Interesse des einzelnen Kapitalisten gegenüber, die eigenen Kosten möglichst niedrig zu halten und bestenfalls nur für den eigenen Bedarf aufzukommen. Die Absicherung der gesellschaftlichen Reproduktion erfolgt nicht planmäßig.
Auf Art und Umfang der Ausbildung im eigenen Betrieb kann der einzelne Unternehmer direkten Einfluss nehmen. Die übergreifenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, etwa die Verfasstheit des Schulsystems, ergeben sich per Vermittlung der verschiedenen Einzelinteressen durch den bürgerlichen Staat. Bestimmend sind dabei die Anforderungen der Monopole, die zwar zahlenmäßig nur einen verschwindend geringen Anteil der Betriebe darstellen, aber den entscheidenden Einfluss auf den Produktionsprozess ausüben. In ihrem Interesse liegt ein Bildungssystem, das einerseits in der Spitze herausragende Spezialisten für sie vorbereitet, andererseits möglichst günstig ist und in der Breite stark selektiert.
So bringt das unterfinanzierte, vom Lehrkräftemangel gezeichnete Bildungssystem eben in der Tat eine wachsende Zahl von Schulabgängern hervor, die den wachsenden Ansprüchen vieler Ausbildungsberufe nicht mehr gerecht werden. Die klassische duale Ausbildung konkurriert überdies mit Studiengängen, wobei Studierende Auszubildende in vielen Berufsgruppen verdrängt haben. Wer studieren kann, ergreift diese Chance in der Regel oder strebt mindestens nach einem Ausbildungsberuf mit besseren Konditionen. Kleinbetriebe und unattraktive Branchen werden zur Anlaufstelle derjenigen, die vom Bildungssystem besonders abgehängt sind.
Krokodilstränen im Großbetrieb
Wenig verwunderlich ist umgekehrt, dass Großkonzerne, insbesondere in der Industrie, kaum mit Passungsproblemen zu kämpfen haben. Investitionen in ihr Humankapital können sie schlicht besser stemmen als Klein- und Kleinstbetriebe. So bieten sie gut ein Drittel der Ausbildungsplätze an, obwohl sie weniger als ein Prozent aller Unternehmen ausmachen.
Ihre Klagen über den Fachkräftemangel können getrost als Krokodilstränen verbucht werden. Nur in wenigen Fällen meinen sie damit tatsächlich, dass sie aufgrund des Mangels an gesellschaftlicher Planung Schwierigkeiten haben, bestimmte Spezialisten zu finden. Zumal sie letztere oft auch auf dem internationalen Arbeitsmarkt rekrutieren können. In aller Regel beklagen sie, dass sie sich unter den Bewerbern nicht die allerfeinsten Rosinen zu den allerbesten Konditionen herauspicken können. Würden die qualifizierten Arbeitskräfte tatsächlich knapp, könnten sie ja ausbilden statt kürzen.
Eine Branche, die genau das tut, ist – wenig überraschend – die Rüstungsindustrie. Konzerne wie der Raketen- und Munitionsproduzent Diehl Defence bauen Ausbildungsplätze auf. Der Aufsichtsratschef von Rheinmetall und Exchef des Bundesverbands der deutschen Industrie, Ulrich Grillo, verkündete kürzlich vollmundig, dass die Waffenschmiede sich vor lauter Bewerbungen – 300.000 sollen es sein – kaum retten könne. Davon dürften nicht wenige auf die dortige Berufsausbildung erpicht sein. Ein Teil der Suchenden kann also weiterhin auf vergleichsweise gute Bedingungen hoffen – sofern er bereit ist, statt nützlicher Dinge Militärgüter zu produzieren.
Wege aus der Misere
Insgesamt ist die Lage für Jugendliche auf Ausbildungssuche in der BRD trostlos. Besserung ist angesichts der anhaltenden Kürzungs- und Aufrüstungspolitik sowie der Rezession nicht zu erwarten. Doch die Situation muss so nicht bleiben. Mit der Lehrlingsbewegung der 1968er Jahre gibt es ein historisches Beispiel dafür, welche Erfolge eine politische Massenbewegung organisierter Jugendlicher auch mit Blick auf die Berufsausbildung erkämpfen kann. Zentrale Errungenschaft war und ist das Berufsbildungsgesetz, das die Jugend- und Auszubildendenvertretung verankerte und den angehenden Lohnabhängigen so ein klein wenig Mitbestimmung einräumte.
Dass eine solche Bewegung trotz veränderter Rahmenbedingungen weiterhin möglich ist, zeigen seit dem 5. Dezember 2025 die Schulstreiks gegen die Wehrpflicht. Zehntausende Jugendliche haben sich beteiligt und die Gewerkschaftsjugenden sich überwiegend solidarisch erklärt. Nicht nur notwendig, sondern auch möglich erscheint vor diesem Hintergrund, dass die Jugend ihren Protest ausweitet und auch gegen die zusehends vehementeren Angriffe auf den Sozialstaat, auf ihre soziale Lage ausweitet.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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