Nebelkerzen
»Open Secure AI Alliance«
Als vergangene Woche groß durch die internationale Presse ging, ein neues KI-Modell von Branchenprimus Open AI sei seiner virtuellen Testumgebung entfleucht und eigenmächtig in fremder Firmen Server eingedrungen, wäre etwas Skepsis angebracht gewesen. Denn bei der dramatisierten Darstellung des Vorfalls dürfte es sich – wie auch bei der am Montag vom US-Großkapital unter Führung des Computerchipmonopolisten Nvidia ausgerufenen »Open Secure AI Alliance« – vor allem um Stimmungsmache einer Branche handeln, die sich in schwierigem Fahrwasser weiß.
Mit der neu gegründeten »Alliance« wollen sich die Konzerne für »offene« KI-Systeme einsetzen. Damit meinen sie je nach Fall Open Source, also mit frei zugänglichem Quellcode, oder Open Weight, wobei Kunden selbst über die Datengrundlage und andere Parameter verfügen können. Hintergrund ist anscheinend, dass das von dem Hack in der vergangenen Woche betroffene Unternehmen sich selbst nur mit einer chinesischen Open-Weight-KI erfolgreich zur Wehr setzen konnte.
Das eigentliche Motiv für die Verbandsgründung dürfte indes industriepolitischer Natur sein: Schlagzeilen, gerade auch über vermeintliche oder reale KI-Gefahren, sind an Investoren wie Politik gerichtete Imagepflege. Anleger sollen von der Leistungsfähigkeit der Modelle überzeugt werden. Und aufs Investorenwohlwollen ist die Branche angewiesen, denn sie befindet sich in einer irrwitzigen Schuldenspirale; Schlüsselakteure wie Open AI schreiben nach wie vor rote Zahlen im Milliardenbereich.
An die Politik richten sich die US-Konzerne wiederum durch performatives Verantwortungsbewusstsein. In bemüht nüchternem Tonfall wird vorgetragen, wie sehr man um die Prävention von Gefahren bemüht ist, deren Ausmaß man im selben Atemzug heraufbeschwört – ehe wieder jemand, wie erst kürzlich der US-Präsident im Fall Anthropic, auf den Gedanken kommt, ins freie Geschäftemachen einzugreifen, anderen Ländern den Zugang zu US-KI zu verwehren und den Konzernen somit Kundschaft vorzuenthalten.
Und dann wäre da noch die Konkurrenz aus China. Die dort hergestellten offenen KI-Modelle sind unter ihresgleichen führend und können selbst mit vielen geschlossenen Systemen mithalten. Vor diesem Hintergrund wird in Washington erwogen, US-Firmen bei der Nutzung chinesischer KI Grenzen zu setzen. Zugleich ist die Chipbranche – die ihre aktuellen Rekordgewinne vollständig dem Datencenterboom verdankt – auf das Wohlwollen der Volksrepublik angewiesen, wenn es beispielsweise um seltene Erden oder etwaige zukünftige Technologien und Fertigungsketten geht. Da ist es für die »Alliance« naheliegend, für die »offenen« Modelle (womit dann »chinesische« gemeint sind, ohne es geradeheraus sagen zu müssen) eine Lanze zu brechen. Die Techbranche hat kein Interesse, zu einer Front im Handelskrieg zwischen den USA und China zu werden, sollte das Weiße Haus entscheiden, chinesische KI ganz zu verbannen. Dafür lohnt sich ein bisschen Lobbyarbeit.
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