Daumensenken
Merz spielt Personalschach
Zog sich Jens Spahn nicht etwa wegen Leihmutterschaft zurück, sondern verließ tatsächlich mit richtigem Riecher das sinkende Schiff? Das CDU-Personalstürmchen im Sommerloch wird den Kanzler zwar nicht wegblasen, der Unmut in Partei und Medien übersteigt aber das übliche Gegrummel, das Pöstchenschieberei stets nach sich zieht. Eine ziemlich einmalige Angelegenheit ist etwa, dass eine Landtagsfraktion den Bundeskanzler der eigenen Partei auslädt.
Der Rest sind angeblich Stilfragen: Minister telefonisch abserviert, aber kein neuer da. Staatssekretär gefeuert, was der aus der Presse erfährt. Das macht Exminister Altmaier folgenlos »betroffen und wütend« über den Umgang, und FDP-Rappelkopf Kubicki teufelt: »einigermaßen idiotisch«. Die FAZ simuliert Einfluss und tut so, als sei sie noch »reziproke Prawda« (Hermann Gremliza), die dem politischen Personal ausrichtet, wo’s langgeht: Sie hat Merz schon verabschiedet und fragt diejenigen, denen er sich nicht mehr als »der konservative Messias« offenbart, welchen »Erlöser« sie denn gern hätten? Hendrik Wüst?
Das dürfte der richtige Fingerzeig im CDU-Staubschleier sein. Eine Art Politfeuer frisst sich Richtung Kanzleramt und könnte am 6. September, dem Tag der Wahlen in Sachsen-Anhalt und dem nun durch Merz brandstiftermäßig befeuerten CDU-Desaster, zur Evakuierung führen. Es gibt ein historisches Vorbild: Gerhard Schröder warf am Abend der verlorenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2005 hin und rief Neuwahlen aus. Die verlor er zu seinem Erstaunen und bezweifelte derart lautstark im TV den Sieg Angela Merkels, dass er als angetütert galt. Alkohol spielt bei Merz keine Rolle, er geht mit Personal so um, wie im Heuer-und-Feuer-Kapitalismus üblich. Nur Katherina Reiche soll er sich stundenlang gewidmet haben.
Sollte Merz wider Erwarten die Wahlen fürs Magdeburger Parlament nicht endgültig vergeigt haben, bleibt noch sein Hauptproblem: Die billionenteure Aufrüstung bringt kein Wachstum und die stramme Gesinnung, mit der er unverdrossen den Sieg über Russland verkündet, sind nur neue Milliardenforderungen aus dem Korruptionsloch Kiew. Dem deutschen Kapital, das gerade Monat für Monat 15.000 Arbeitsplätze vernichtet, reißt irgendwann der Geduldsfaden. Die mürrischen Bemerkungen zu Merzens Personalschach besagen: Das Daumensenken über seine Hängepartie hat begonnen.
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