Unterwegs. Blasen, Wellen, Schaum
Geraune
Wenn viele kleine Blasen aneinander haften, bilden sie Schaum. Die Wellen spülen den Schaum an den Strand. Dort zergeht er. Vor ein paar Jahren hieß es, das Netz würde die Menschen in lauter kleinen Bläschen einsperren. Umgang pflegten sie nur noch mit ihren digitalen Freunden. Von der Welt sehen sie allein das, was in ihrer Blase vorkommt. In Davos ging die Angst vor einem neuen Tribalismus um, einer Blasenstammeskultur.
Das hat sich gründlich geändert. Mehrere Wellen haben all die Blasen zu Schaum verquirlt. Die erste Welle war die Pandemie. Aus vielen kleinen Blasen formte sie zwei große Schaumberge. In der einen fanden sich die Anhänger der Maßnahmen, in der anderen der Widerstand, die Querdenker, Zweifler, Gegner. Kaum war diese Welle durch, kam die nächste. Sie hat die beiden Schaumberge zu einem großen Haufen zusammengetrieben, von dem der Wind nun einzelne Flusen verweht.
Die zweite Welle ist der Krieg oder besser gesagt das, was davon dem aufgeschäumten Haufen berichtet wird. Manchmal hat man den Eindruck, der riesige Schaumberg bedeckt mittlerweile halb Europa. Wer etwas reist, kann ihn in seinem ganzen Umfang besichtigen. Überall, wo es ähnlich trübe aussieht wie zu Hause, hat sich der gleiche Schaum breitgemacht.
Beim »m’Bukatu« werden nicht nur die günstigsten frittierten Meerestiere vor Ort serviert, sondern auch die besten. »Durchlöchert« heißt er wohl, weil ihm vor Jahren beim Fischen eine Granate in der Hand explodiert ist. Wir waren gerade am Gehen, da erhob sich ein Mann am Nachbartisch. Wir hatten über den Unfug unserer Tage geredet, die Kriege und deren Beginn mit dem Fall der drei Türme, die Liste der zu überfallenden Länder, von denen nur der Iran unerledigt blieb. In breitem Italo-Amerikanisch legte er damit los, dass er US-Staatsbürger sei. Gestärkt mit dieser Autorität versicherte er uns, dass alles viel schlimmer sei, als er bei uns am Tisch gehört habe. Der ganze Planet werde von einer Bande gieriger Oligarchen bedroht. Sie hätten sich dazu verschworen, ihre Untertanen in einen letzten großen Krieg zu treiben. Die Multibillionäre würden uns alle, den ganzen überflüssigen Abschaum, opfern, um ihre Pfründe zu retten. Er glitt ins Theologische ab, Armageddon, Weltende, um dann mit Aussagen fortzufahren, die in Deutschland selbst als Äußerungen Dritter unter den Bannstrahl der Zensur fallen.
Zwei Tage drauf saß ich mit Freunden auf der Terrasse. Einstimmig versicherten sie mir, das Fernsehen sei seit Beginn des Krieges vollkommen unbrauchbar geworden. Die Politiker seien zu reinen Sprechpuppen geschrumpft, die Rechten sowieso, aber auch die selbsterklärten Linken. Wer sich an dem Kriegsgetrommel nicht beteiligt, wird abgeräumt. Im großen Schaumberg darf nur noch eine Meinung verbreitet werden. Wenn andere zu Wort kommen, werden die, die sie äußern, rituell erniedrigt. Weite Teile Europas liegen unter einem riesigen Schaumberg von Kriegswilligen begraben. Wer denn nun den großen Krieg so dringend braucht, dass er erst den einen provoziert, dann den anderen vom Zaun bricht und den dritten unbeirrt von allen Niederlagen vorbereitet, bleibt als Frage offen.
Wir sind Teil eines übrig gebliebenen Bläschens. Wir lesen die selben Artikel. Wir teilen dieselben Ansichten, mehr oder weniger. Wir sind nicht wenige, vielleicht sogar in der Mehrzahl. Niemand will den Krieg.
Doch bald kommt die nächste Welle. Man gibt sich viel Mühe, die übrig gebliebenen, abgetriebenen Blasen zu erfassen. Wer sich in sozialen Netzwerken äußert, steht ohnehin unter Beobachtung. Gerade erst wurde die Chatkontrolle auf den Weg gebracht, um auch private Nachrichten zu durchleuchten. Firmen wie Palantir erstellen für Polizei und Geheimdienste mit Hilfe künstlicher Intelligenz vorausschauende Risikobewertungen. Welches faschistische Regime auch immer die nächste Welle lostritt, es wird beste Bedingungen vorfinden.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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