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Anschluss der DDR an die BRD

Opfer der »Wende«

Vor 30 Jahren nahm sich der Ökonom Hans Schmidt durch einen Sprung aus seiner Hochhauswohnung das Leben. Er gehört zu den vielen, die die Übernahme der DDR durch die BRD in den Tod trieb

Foto: picture-alliance / dpa
Opfer der Stasi-Hysterie – Gedenkfeier für den Rechtswissenschaftler und PDS-Abgeordneten Gerhard Riege im Bundestag (Bonn, 20.2.1992)

Entgegen den verbreiteten Lügen, beim Anschluss der DDR an die BRD habe es keine Toten gegeben, sieht die Realität bei genauerem Hinsehen anders aus. Die Verlierer der Geschichte wurden nicht, wie der damalige Justizminister der BRD, Klaus Kinkel (FDP) erklärte, in Lager gesperrt, sondern ins soziale Abseits gedrängt. Das bedeutete, dass Unzählige mit Berufsverbot belegt, ihre Menschenwürde mit Füßen getreten, gegen sie eine Lügen- und Hetzkampagne geführt und Hunderte vor Gericht gezerrt und verurteilt wurden.

Zu ihnen gehörte der habilitierte Hochschuldozent Dr. Hans Schmidt, der sich nach einem vierjährigen zermürbenden und entwürdigenden Rechtsstreit um seinen Arbeitsplatz, der für den Schwerbehinderten nicht ohne gesundheitliche Folgen blieb, am 8. Mai 1996 durch einen Sprung aus seiner Hochhauswohnung im 13. Stockwerk das Leben nahm.

Als Experte für Geldtheorie im Fachbereich Politische Ökonomie des Sozialismus war Schmidt in den 1980er Jahren im Rahmen der Hochschulreform von der Hochschule für Ökonomie (HfÖ) an die Humboldt-Universität gewechselt, die als Schwerpunkte Teilbereiche der Finanzpolitik, der Bevölkerungstheorie und Wirtschaftspädagogik übernahm. 1988 wurde er für zwei Jahre nach Nicaragua delegiert. Als er zurückkehrte, hatte unter der Regierung von Lothar De Maizière die Abwicklung der Lehrkräfte an den Universitäten und Hochschulen begonnen und Schmidt erhielt seine Entlassungspapiere zugesandt. Da er aber zu dieser Zeit krank war, durfte ihm nicht gekündigt werden. Er legte Einspruch ein, gewann und konnte zunächst weiterarbeiten. 1991 wurde ihm, wie zahlreichen anderen DDR-Wissenschaftlern auch, schließlich »wegen mangelnden Bedarfs und mangelnder fachlicher Qualifikation« ordentlich gekündigt, obwohl ihm ein Gutachten der Freien Universität außerordentliches Engagement, solide theoretische Grundkenntnisse und den Anschluss an den wissenschaftlichen Standard westlicher Universitäten bescheinigt hatte. Auch die Wirtschaftsuniversität Wien würdigte sein hohes theoretisches und international anerkanntes Wissen.

Als Schmidts »Henker« agierte der mutmaßliche Nazikriegsverbrecher Prof. Wilhelm Krelle, den es nach dem Anschluss der DDR als Gründungsdekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften an die Humboldt-Universität gespült hatte. Krelle, der der berüchtigten 164. Infanteriedivision des XXX. Armeekorps, die in Griechenland an Kriegsverbrechen beteiligt war, sowie als Erster Generalstabsoffizier der SS-Panzerdivision »Götz von Berlichingen« angehört hatte, war in der Bundesrepublik mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. 1994 verlieh die neue Präsidentschaft der Humboldt-Universität ihm die Ehrendoktorwürde. Krelle erklärte öffentlich, er werde den »Marxisten Dr. Schmidt unter allen Umständen von der Humboldt-Universität entfernen«. Krelle verstarb im Juni 2004 wohlpensioniert im Alter von 88 Jahren als einer der unzähligen für ihre Teilnahme an faschistischen Kriegsverbrechen nicht zur Verantwortung Gezogenen. Die Leitung der Universität widmete ihm ein »ehrendes Gedenken«.

Keine Angaben

Über die Zahl derer, denen die Kraft fehlte, der Hetze und Verleumdung nach 1990 zu widerstehen, und die Hand an sich legten, gibt es keine Angaben. Einer Studie, die 2006 in der Zeitschrift Icarus der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde (GBM) erschien, ist zu entnehmen, dass die Zahl in die Zehntausende geht. Autoren der Studie waren u. a. der Faschismusforscher Manfred Weißbecker, der Ökonom Harry Nick, der Pfarrer Dieter Frielinghaus, die Schauspielerin Käthe Reichel und der Rechtsanwalt Peter Michael Diestel.

Laut der französischen Nachrichtenagentur AFP töteten sich bereits im Jahr nach der Einverleibung der DDR in Ostdeutschland 4.294 Menschen selbst. Laut dem bundesdeutschen Statistikamt hat sich die Selbstmordrate in Deutschland seit den späten 1990er Jahren nicht signifikant verändert. Sie liegt stets in einem Bereich um die 10.000 Fälle. 2024 beendeten 10.372 Menschen ihr Leben durch Suizid, 1990 waren es 13.924.

Die Opfer nach der »Wende« waren Arbeiter und Genossenschaftsbauern, Lehrer, Ingenieure und Journalisten, Ärzte, Künstler und Wissenschaftler, von den Massenentlassungen Betroffene, obdachlos Gewordene, Kinder, die die Demütigungen ihrer Eltern nicht ertrugen. Der Suizidexperte Udo Grashoff berichtete, dass von 1989 bis 1991 die Selbstmordrate in den neuen Bundesländern um rund zehn Prozent angestiegen sei. Zu den Opfern gehörten: der Grafiker Thomas Schleusing vom Jugendmagazin Neues Leben, sein Kollege, der Zeichner und Gestalter Christoph Ehbets, bekannt durch seine Cover beim VEB Deutsche Schallplatte, der Vizepräsident des Deutschen Turn- und Sportbundes, Franz Rydz, der ehemalige Minister für Bauwesen der DDR, Wolfgang Junker, der Raubtierdresseur Hanno Coldam (Heinz Matloch) des VEB Zirkus Aeros und der Schauspieler Wolf Kaiser.

Wolfgang Junker war der Architekt des gigantischen Wohnungsbauprogramms der DDR. Nach dem Motto »jedem seine Wohnung« sah es vor, bis 1990 durch den massenhaften Bau von Wohnungen und die Modernisierung bestehender Quartiere die Wohnungsnot zu beseitigen. Als Sohn eines Arbeiters wuchs Junker in Warnstedt bei Quedlinburg auf und arbeitete dort bis 1948 als Maurer. Nach Abschluss eines Ingenieurstudiums für Bauwesen war er 1951 für zwei Jahre Bauleiter in der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) und 1957 bis 61 Betriebsdirektor des VEB Industriebau Brandenburg. Zunächst Stellvertreter leitete er ab 1963 das Ministerium für Bauwesen.

Im Rahmen des Wohnungsbauprogramms übergab Erich Honecker 1984 in Berlin-Marzahn die zweimillionste Neubauwohnung. Es entstanden neue Stadtteile oder komplette Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern wie Halle-Neustadt. Zum von Junker konzipierten komplexen Wohnungsbau gehörte eine Infrastruktur mit Schulen, Kindergärten, Sportstätten, Polikliniken, Kaufhallen, Gaststätten, Kinos, Freizeitzentren, Jugendklubs und ähnlichen Einrichtungen. Für eine Wohnung mit Einbauküche, Bad und Balkon zahlte der DDR-Bürger maximal 1,25 Mark pro Quadratmeter inklusive Heizung und Warmwasser. Nach dem Anschluss der DDR an die BRD stiegen die Mieten rasant an.

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Junker wurde während der »Wende« des Amtsmissbrauchs beschuldigt und im Januar 1990 in Untersuchungshaft genommen. Nach der Entlassung im Februar war er einer Schmutz- und Hetzkampagne unter anderem von Bild ausgesetzt. Das Blatt beschuldigte ihn, Staatsgelder veruntreut zu haben, weil er als Ehrenmitglied der Bauakademie jährlich 20.000 DDR-Mark entgegengenommen hatte.

Wolf Kaiser war ein über die DDR hinaus international bekannter Theater- und Filmschauspieler. Er stand unter anderem in Paris, Stockholm und Venedig auf der Bühne, erhielt Lob für seine schillernde Vielschichtigkeit und überraschenden Rollenauffassungen. In London verglich man ihn mit Laurence Olivier. Wolf war Hilfsarbeiter und Kellner, ehe er Schauspieler wurde. Zwanzig Jahre lang, von 1950 bis 1970, gehörte er dem Berliner Ensemble an, wo er als der Kommunardenpapa in »Die Tage der Commune« ebenso glänzte wie als Feldprediger an der Seite Helene Weigels in »Mutter Courage« oder als Menenius Agrippa in Shakespeares »Coriolan«. Als Brecht-Interpret war Kaiser nahezu unübertroffen. Rezensenten hoben hervor, das Regiekonzept Brechts habe seinen direktesten Ausdruck in der Diktion Kaisers gefunden. Unvergessen sind seine Darstellung des Mackie Messer in der »Dreigroschenoper«. Nach dem Fall der Mauer wurde es still um ihn. Zuletzt stand er in der Schweiz als der »weise Seher« in Sophokles‘ »Antigone« auf der Bühne. Sein Traum, noch einmal den »Lear« zu spielen, erfüllte sich nicht. Die mit ihm befreundete Regisseurin Ingrid Fausek sagte, Kaiser habe »kapituliert vor einer Welt, die immer kälter wurde«. Eberhard Esche würdigte ihn in seiner Grabrede als den »ungekrönten Monarchen der Schauspielzunft«.

Die stellvertretende Vorsitzende des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), Johanna Töpfer, die auch Mitglied des Staatsrates der DDR war, hatte ihren beruflichen Werdegang 1945 bei der Deutschen Reichsbahn als Wagenputzerin begonnen. Sie nahm sich am 7. Januar 1990 das Leben. Auch ihr hatte man »Amtsmissbrauch, Korruption und Bereicherung« bei der Ausstattung ihres Hauses vorgeworfen und sie öffentlich an den Pranger gestellt. Nachdem sie sich vergiftet hatte, wurde bekannt, dass sie die Extras ihres Hauses selbst finanziert hatte.

Es waren Unzählige, die den sogenannten Freitod wählten. Käthe Reichelt berichtet, dass ein Pfarrer Ende November 1991 geäußert habe, dass er vom Friedhof gar nicht mehr runterkomme. Auf die Frage nach den »letzten Briefen« antwortete er: »Sie schreiben keine«.

Nicht nur SED-Mitglieder waren unter den Opfern. Unter ihnen befanden sich auch die Jugendbildungsreferentin der Evangelischen Akademie Meißen, Anne-Kathrin Krusche, und der frühere Abgeordnete der sächsischen CDU, Herbert Schicke, sowie der Arbeitsmediziner und Vorsitzende der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Lichtenberg, Rudolf Mucke. Ihm, der weder der SED noch der FDJ angehört hatte, wurde unterstellt, für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gearbeitet zu haben. Dabei hatte das MfS seine Anwerbungsversuche 1976 wegen »dekonspirativen Verhaltens« aufgegeben. Die »Ehrenkommission« der Berliner Charité, die die überlieferten Akten schlicht falsch interpretierte, hielt Muckes Weiterbeschäftigung dennoch für »unzumutbar«.

Alles ins Gegenteil verkehren

In der Icarus-Studie wird geschildert, wie Polizisten im Januar 1992 in den frühen Morgenstunden in die Wohnung des Ehepaares Fuchs in der ­Grunaer Straße 12 in Dresden eindrangen und Otto Fuchs verhafteten. Dessen Frau Martha, eine Jüdin, die KZ-Häftling gewesen war, erlitt einen Nervenzusammenbruch. Die furchtbaren Erlebnisse der Nazizeit wurden wieder lebendig. Mit einem schweren Schock wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert. Die Leipziger Staatsanwaltschaft erhob gegen Otto Fuchs Anklage wegen Rechtsbeugung und Mord. Er war 1950 in den Waldheim-Prozessen gegen Kriegsverbrecher und Naziaktivisten Vorsitzender Richter gewesen. Man warf ihm vor, er habe Unschuldige zum Tode verurteilt. Mit Hilfe seines Anwalts kam er für kurze Zeit aus der Untersuchungshaft frei. Um den Richtern nicht die hämische Genugtuung an »seiner langsamen und qualvollen prozessualen Hinrichtung« zu ermöglichen, beschlossen er und seine Frau, aus dem Leben zu scheiden. Im Abschiedsbrief hieß es: »Meine Frau würde eine Trennung von mir nicht überstehen. Ich versichere Ihnen, dass wir in meiner Strafkammer nur Kriegsverbrecher verurteilt haben, und ich bin mir sicher, dass wir uns über kein Urteil schämen müssen. Alle Zeichen deuten aber darauf hin, alles ins Gegenteil zu verkehren und in einem Schauprozess mich zum Verbrecher zu stempeln. (…) Heute, nach einer langen Periode der Naziverbrechen, fühlen sich doch alle – und sind sie auch noch so schwer belastet – als völlig unschuldige Menschen. Die Verdrängung ging und geht ja so weit, dass Auschwitz als Lüge hingestellt wird.«

Am 13. Februar um 23.15 Uhr sprangen Otto und Martha Fuchs vom Balkon ihrer Wohnung aus dem siebten Stock in den Tod. Im Prozess gegen den Mitangeklagten 87jährigen Otto Jürgens musste das Tribunal die Mordanklage fallen lassen. Schließlich wurde ein reines Gesinnungsurteil verhängt und der Angeklagte zu zwei Jahren Haft auf Bewährung, 6.000 DM Geldstrafe und zur Übernahme der Verfahrenskosten verurteilt. In seinem Schlusswort sagte Jürgens, der 1933 von der Gestapo verhaftet und gefoltert worden war: »Die Naziverbrecher, die in Waldheim abgeurteilt wurden, hatten ihre Strafe mehr als verdient.«

Am 1. November 1995 nahm sich Prof. Armin Ermisch das Leben. Nach dem Neurowissenschaftler der Karl-Marx-Universität Leipzig ist bis heute der »Armin Ermisch Memorial Award« benannt, der für herausragende studentische Abschlussarbeiten in den Neurowissenschaften verliehen wird. Ermisch war international bekannt für seine Arbeiten zu Emotionen und Motivationen sowie zur Struktur des Gehirns. Obwohl er anerkannte Leistungen vorzuweisen hatte, wurde seine Stelle wegen seiner Mitgliedschaft in der SED nach der »Wende« abgewickelt. Es halfen keine Solidaritätsbekundungen seiner Kollegen aus vielen Ländern, nicht Ehrenerklärungen seiner Leipziger Kollegen, nicht die Unterschriftensammlungen seiner Studenten und auch nicht das Urteil des Amtsgerichts Dresden, das seinem Widerspruch gegen die Entlassung Recht gab.

Am 15. Februar 1992 ging der Jenaer Professor Gerhard Riege den Weg in den »Freitod« und erhängte sich. Am 23. Mai 1930 im thüringischen Gräfenroda in einer Glasbläserfamilie, die teils sozialdemokratischen, teils kommunistischen Ideen anhing, geboren, arbeitete er 1944 zunächst als Postjungbote. Bei einer Begegnung mit Häftlingen einer Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald sah er mit Entsetzen, wie diese geschunden und gemartert wurden. Das prägte seine weitere Entwicklung wie die vieler anderer seiner Generation. Riege wurde ein herausragender Wissenschaftler und ein außerordentlich beliebter akademischer Lehrer in Jena, seit 1965 Ordinarius für Staatsrecht, zeitweilig Prorektor für Gesellschaftswissenschaften bzw. für Prognose und Wissenschaftsentwicklung sowie von 1974 bis 1983 Dekan der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät. 1983 stand seine Wahl zum Rektor der Universität an, zu der es aber nicht kam, weil Riege kein bedingungsloser Jasager war. Schon bevor in der DDR die »Wende« einsetzte, hatte er sich für eine Demokratisierung der Verhältnisse stark gemacht. In seiner Dissertationsschrift schrieb er über die Arbeitsprinzipien sozialistischer Volksvertretungen sowie die Wahlsysteme und die Stellung der Volksvertretungen und Abgeordneten in den europäischen volksdemokratischen Ländern Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Als sie am 14. März 1957 von der Juristischen Fakultät angenommen wurde, war indessen das »Tauwetter«, das nach dem XX. Parteitag der KPdSU eingesetzt hatte, wieder vorbei. Die Schrift wurde zum internationalen Leihverkehr und Schriftenaustausch nicht zugelassen, Riege in einem Parteiverfahren eine Missbilligung ausgesprochen.

Alle Veröffentlichungen und Lehrveranstaltungen Rieges, die er auch in der Bundesrepublik und an Universitäten anderer Länder hielt, durchzog der Grundgedanke der Subjektwerdung des Volkes im geschichtlichen Prozess, um Demokratie zu befördern und Volkssouveränität zu verwirklichen. Seine Arbeiten zu den verfassungsrechtlichen Garantien für die realen Entwicklungsbedingungen persönlicher Individualität des Staatsbürgers enthielten oft kritische Akzente. Aufgabe und Ziel des sozialistischen Staates müsse es sein, die Bürger zu gleichberechtigter Mitarbeit zu gewinnen. Anders könne keine enge Bindung zwischen Staat und Bürgern entstehen und verfassungsrechtlich deklariertes Gemeinwohl könne nicht Wirklichkeit werden. Rieges Hinwendung zur Rechtsstaatlichkeit, zu den Staatsbürger-, Grund- und Menschenrechten ergab sich nicht nur aus der internationalen Entwicklung, sondern vor allem aus den Einsichten und Erkenntnissen über die Notwendigkeit einer demokratischen Entwicklung im sozialistischen Staatswesen. So wandte Riege sich auch gegen die von einigen Vertretern des Zentralkomitees der SED und der DDR-Regierung beabsichtigte Auflösung der Juristischen Fakultät oder gegen die Übernahme des eigentlich für den Zeiss-Betrieb gebauten und für wissenschaftliches Arbeiten völlig ungeeigneten Turmes als Sitz der Jenaer Universität.

Angst vor der Hetze

Das alles hinderte die Protagonisten der von Justizminister Kinkel eingeläuteten Hetz- und Verleumdungskampagne im Bundestag nicht, Gerhard Riege, der 1990 frei zum Rektor der Universität Jena gewählt worden war und als Abgeordneter für die PDS im Bundestag saß, zur Zielscheibe ihrer Angriffe zu machen. Der Historiker Manfred Weißbecker von der Jenaer Universität schrieb, Gerhard Riege sei im Bundestag »blanker antikommunistischer Hass« begegnet. Darin sei ein »Ungeist, der noch Schlimmeres als Keim in sich trägt« zum Ausdruck gekommen, urteilte Gerhard Haney, einer der Jenaer Kollegen Rieges, der sich ebenfalls solidarisch an seine Seite stellte. »Sie werden den Sieg über uns voll auskosten. Nur die vollständige Hinrichtung ihres Gegners gestattet es ihnen, die Geschichte umzuschreiben und von allen braunen und schwarzen Flecken zu reinigen.« Gerhard Riege schrieb in seinem Abschiedsbrief: »Mir fehlt die Kraft zum Kämpfen und zum Leben. Ich habe Angst vor der Öffentlichkeit, wie sie von den Medien geschaffen wird und gegen die ich mich nicht wehren kann. Ich habe Angst vor dem Hass, der mir im Bundestag entgegenschlägt.«

Den Toten der »Wende« wurden zahlreiche Ehrungen gewidmet, darunter mehrere von Manfred Weißbecker verfasste, so eine 1995 im damaligen Jenaer Forum für Bildung und Wissenschaft herausgegebene »Gedächtnisschrift« (Neuausgabe 2010), und der von Weißbecker 2006 in Jena zusammen mit Mario Hesselbarth und Eberhart Schulz veröffentlichte Band »Gelebte Ideen. Sozialisten in Thüringen. Biographische Skizzen«, jeweils mit Texten auch zu Riege. »Wir ehren Menschen, keine Idole«, sagte Weißbecker anlässlich der Herausgabe. »Uns begegnen Sozialisten unterschiedlichster Parteizugehörigkeit, auch gewerkschaftlich gebundene, parteilose oder religiöse Sozialisten. Oftmals lassen sich in einer Person alle Seiten des geschichtlichen Wirkens von Sozialisten erkennen: Klarsicht ebenso wie Fehlurteil, Urteilskraft wie Irrtum, Tatwille wie Versagen«. Sie standen »für ihren Traum von einer anderen, einer besseren Welt« aktiv ein. Im vergangenen Jahr erschien, wiederum von Weißbecker, gemeinsam mit Kurt W, Fleming, Walter Schmidt und Erika Schwarz, »Wider das Vergessen. Erinnern an verstorbene DDR-Historiker der Faschismus- und Weltkriegsforschung«.

Harry Nick würdigte die Toten in einer Schrift »Ehre ihrem Andenken« im Oktober 2004 als »überzeugte Sozialisten, die sich für dieses Gemeinwesen DDR abrackerten, meist, indem sie sich für ihre Mitmenschen einsetzten, in Elternbeiräten, Schiedskommissionen, betrieblichen Konfliktkommissionen, in Ehrenämtern, von denen es manche leider nicht mehr gibt«. Und er betonte, »was sie uns zu sagen haben, ist gerade heute wichtig. Ihrer zu gedenken, sie nicht dem Vergessen auszuliefern, ist ein elementares menschliches, demokratisches Gebot.«

Widerstand entsorgt

Mit der Entsorgung der akademischen DDR-Elite und der Aktivisten des Sozialismus aller Arbeitsbereiche wurde nicht zuletzt dem von ihnen zu erwartenden Widerstand gegen das neue Expansionsprogramm des deutschen Imperialismus ein Riegel vorgeschoben. Bereits im September 1991 wurde auf einem »Fürstenfeldbrucker Symposium« von führenden Vertretern der Industrie- und Bankenwelt gemeinsam mit hochrangigen Generälen der Bundeswehr mit Exverteidigungsminister Rupert Scholz an der Spitze die Rückkehr zu weltweiter Aggressionspolitik als Wiederherstellung der »Normalität« Deutschlands diskutiert, selbstverständlich als »Partner in Leadership« mit den USA. Schon damals ging es um Militäreinsätze der Bundeswehr out of Area, deren Umstrukturierung zur Herstellung der Einsatzfähigkeit entlang einer 4.000 Kilometer langen EU-Außengrenze, die Bildung eigener Eingreifkräfte, die das »Selbstbestimmungsrecht« von Minderheiten und »unterdrückten« Völkern durchsetzen und Problemen wie der Gefährdung von Rohstoffzufuhr und Immigrationswellen begegnen sollten. Dazu wurde ein neues Geschichtsbild gefordert, das mit Auschwitz und Holocaust (den braunen Flecken, vor denen Otto Fuchs, Gerhard Riege und viele andere gewarnt hatten) Schluss machen und statt dessen »Nation und Vaterland« zum Inhalt haben sollte. Es zeigte sich, dass nach der Liquidierung der DDR von deutschem Boden wieder Krieg ausging, was im nachhinein die friedenssichernde Rolle des sozialistischen deutschen Staates, für den die in den Tod Getriebenen eingetreten waren, verdeutlichte.

→ Gerhard Feldbauer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 20. Oktober 2025 über Italiens Abessinienkrieg: »Die Kolonialträume des ›Duce‹«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.05.2026, Seite 12, Thema

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→ Leserbriefe
  • Enrico Mönke aus Ottenhagen 12. Mai 2026 um 11:17 Uhr
    Annemarie Branstner (1926–2024), Ehefrau des DDR‑Schriftstellers Gerhard Branstner (»Nepomuk«, »Der Esel als Amtmann«, »Kantine« etc.) und Mutter von drei Kindern, war bis ins hohe Alter eine gesellschaftlich denkende und fühlende Person mit einem dezidiert kommunistischen Standpunkt. Bei meinem Besuch bei ihr im Heim in Berlin kurz vor ihrem Tod unterhielten wir uns über unsere untergegangene Heimat, die DDR, also den »Realsozialismus« und die sich anschließende neue Zeit des wieder auferstandenen Kapitalismus. Annemarie hatte das Thema von sich aus angesprochen. Ihre Worte waren von leiser Bitterkeit, nicht ohne ein stilles Lächeln, wie aus einer Verwunderung heraus und von einer so überzeugend schlichten Prägnanz, dass ich davon folgende Sätze nach einiger Überlegung jetzt hier im Wortlaut und ohne Kommentar wiedergeben möchte: »Wir hatten nicht alles – aber es ging uns besser.«, »Da fährst du in die Grube und Ruhe ist aber nicht da Oben. Ich hatte gedacht, wenn es bei mir soweit ist, dass ich euch eine bessere Welt hinterlasse. Aber nun: Pustekuchen.«, »Marx hätte es mal ein wenig konkreter schreiben können.«, »Es ist alles wieder zurück. Wir waren schon weiter. Nun verdienen sie wieder.«
  • Gerd-Rolf Rosenberger aus Bremen 11. Mai 2026 um 14:41 Uhr
    Wir haben als Kommunisten mit der DDR gelitten, was dort passierte. Gnadenlos ging man gegen kommunistische, antifaschistische Widerstandskämpfer vor. Denke an das Schicksal des jüdischen Kommunisten Hermann Axen, inhaftiert in den KZs und Vernichtungslagern Auschwitz und Buchenwald. Sein gesamtes Vermögen wurde ihm und seiner Frau Sonja geraubt. Lyriker Durs Grünbein machte sich lustig über einen Antifaschisten, der unter einer Drüsenkrankheit litt. Die PDS wollte Axen aus der Partei ausschließen. Gerne hätte man ihn verhaftet, eingesperrt, was aufgrund seiner Krankheit nicht möglich war. Ich litt unter der Eiseskälte von ehemaligen Genossen, die aus der DKP austraten, und erkrankte schwer. Nicht nur in der DDR, die laut Nelson Mandela und Ho Chi Minh das bessere Deutschland der Solidarität mit den Völkern Südafrikas und Vietnams war. In der BRD erkrankten viele GenossInnen. Einzelne gingen in den Freitod, ich musste von Juni bis September 1992 in die Psychiatrische Klinik Dr. Heines, weil ich unter Depressionen und Angstattacken litt. Danach folgten Jahre der Psychotherapie, die einem das politische Arbeiten unmöglich machten. Dankbar bin ich meinen Genossen Willi Gerns, Opfer des KPD-Verbots mit fast drei Jahren Gefängnis, die einem halfen, die politische Arbeit in der DKP wieder aufzunehmen. Im Sinne von kommunistischen Widerstandskämpfern gegen Krieg und Faschismus putzen wir Stolpersteine, reinigen eine KZ-Gedenkstätte, halten zwei Wege sauber, die nach enthaupteten Genossen im Zuchthaus Brandenburg benannt sind. Es bleibt ein »Jammern auf hohem Niveau«, wenn man seine Durchschnittsrente aufgrund politischer Diskriminierungen beklagt. Von einer in den Selbstmord getriebenen Frau in der DDR blieb als Zettel die Botschaft liegen: »Wir hatten nicht alles, aber sehr viel!«
  • Ralf Wegewitz aus Rothenstein 9. Mai 2026 um 11:50 Uhr
    Danke an Gerhard Feldbauer für den sehr lesenswerten Artikel. Ich habe beim Lesen oft innehalten müssen. Wer aber würdigt die vielen ungenannten Genossen wie Abteilungsleiter, Partei- und FDJ-Sekretäre, Pionierleiter und andere, die mit ihrem Engagement für das Funktionieren unserer sozialistischen Gesellschaft Verantwortung übernahmen und deren Biografien durch den Wahn westdeutscher Politiker und deren Helfershelfer zerstört worden sind? Ralf Wegewitz, Rothenstein
  • Onlineabonnent*in Joachim S. aus B. 8. Mai 2026 um 14:20 Uhr
    Es ist heute üblich, von einer »friedlichen Revolution« zu sprechen, wenn die Konterrevolution von 1989/90 gemeint ist. Da ist es unendlich wichtig, daran zu erinnern, wie viele Opfer es wirklich gekostet hat, bis wir endlich vollends in der Republik der Bananen und der Deutschen Mark ankommen durften.
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