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Comic

Keinen Tag glücklich

Comics über Krieg, Gewalt und Liebe: Keum Suk Gendry-Kims »Gras« und Joris Bas Backers »Baumschatten«

Foto: Edition Moderne/Joris Bas Backer
Zankapfel Nazieiche: Fällen oder nicht? – Joris Bas Backer: »Baumschatten«

Das Angebot von Comics mit Bezug zur Nazizeit ist schon lange unübersichtlich geworden. Man könnte meinen, es habe schon alles gegeben: Nazi-Funnies, -Dominas, -Zombies, -Klone; Geschichten von versteckten Kindern, von Widerstandskämpfern, Überlebenden, »vergessenen Holocausts«; Nazis, die den Krieg verloren haben (oder gewonnen) und auf dem Mond oder unter dem Eis die Revanche mit Atombomben planen.

Zwei Neuerscheinungen zeigen, dass der Themenkomplex noch lange nicht auserzählt und in gewisser Hinsicht sogar anschlussfähig ist. In Keum Suk Gendry-Kims »Gras« über die Lebensgeschichte der koreanischen »Trostfrau« Lee Ok Seon gibt es keinerlei drastische Darstellungen, und doch ist der Comic keine leichte Kost. Die starke und durchaus humorvolle Frau sagt von sich, keinen Tag in ihrem Leben glücklich gewesen zu sein. In ihrer armen Bauernfamilie durfte nur der Bruder zur Schule, sie half auf dem Feld und kümmerte sich um die anderen Geschwister, oft wurde gehungert.

Mit fünfzehn bot ein älterer Mann der Familie an, sie zu adoptieren. Sie stimmte zu, weil sie dachte, nun endlich auch lernen zu dürfen, aber tatsächlich wurde sie als Arbeitskraft in einem Restaurant eingespannt. Weil die Betreiber mit dem aufmüpfigen Mädchen unzufrieden waren, wurde sie an eine Taverne weitergereicht. Soldaten schnappten sie bei einem Botengang und brachten sie mit vielen anderen jungen Mädchen in eines der zahlreichen Bordelle für die japanische Armee, wo sie täglich mehrfach vergewaltigt wurde. Ein Kapo aus dem benachbarten Arbeitslager ist gut zu ihr, gibt ihr Essen.

Nach Kriegsende irrt sie lange umher, macht mit sowjetischen Soldaten keine besseren Erfahrungen. Schließlich sucht sie den Kapo auf, die beiden heiraten. Sie kümmert sich um seine Familie, der Mann verreist und kehrt nicht mehr heim. Nach zehn Jahren des Hoffens und der Arbeit stellt sich heraus, dass er eine Familie mit einer anderen Frau gegründet hat. Ihre Schwiegermutter vermittelt sie an einen anderen Mann, der völlig verarmt ist und unter dem sie sehr leidet. Seine Tochter hasst, sein Sohn liebt sie, so bleibt sie fünfzig Jahre.

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Im hohen Alter trifft sie durch Vermittlung eines Fernsehsenders ihre Geschwister wieder, aber die Herzlichkeit ist bald verflogen, als sie von ihrem Schicksal als Trostfrau erzählt und auch darauf besteht, von ihren Eltern verkauft worden zu sein. Heute ist sie Friedensaktivistin und setzt sich für Anerkennung und Wiedergutmachung ein. Das Buch ist ganz in Schwarz gehalten, passagenweise mehr ein Skizzenbuch als ein Comic, und ein Manifest gegen Krieg und Ungleichheit.

Ganz anders Joris Bas Backers »Baumschatten«. Dem Buchrücken nach geht es um eine sogenannte Nazieiche, also einen Baum, der damals gepflanzt wurde, weil die Nazis vernarrt in das Gewächs waren, an dem die wilde Sau sich schrubbt, ohne dass es ihn stört. Über die Frage, ob das Ding gefällt werden muss, scheiden sich die Geister, unter anderem zwei, die mal etwas miteinander hatten und sich jetzt baumhalber wiedersehen.

Tatsächlich ist der Erzählstrang um den armen Baum auch gar nicht der wesentliche. Meist geht es um Dating, Ghosting und das Blocken von Profilen, weil der Mensch dahinter nicht schnell genug antwortet, und zwar speziell unter Andersliebenden. Der Protagonist mit dem Schnubi war zum Beispiel vorher eine Frau und wird von seiner/ihrer Tochter immer noch Mama genannt. Einmal schickt er versehentlich ein Foto von seinem haarigen Gesäß an die falsche, dann aber auch wieder richtige Adresse, denn er steht auf den Empfänger und bereut, die Beziehung zu ihm aus Zeitgründen nicht vertieft zu haben.

Zusammengelesen ist »Baumschatten« weder eine Gehölzgeschichte vor Diversitätshintergrund noch eine LGBTQIA+-Milieustudie mit Eichenbezug, man kann nicht anders, als die beiden Aspekte aufeinander zu beziehen. Ist Heteronormativität Nazi, oder darf man noch aufs andere Geschlecht stehen, obwohl die meisten Nazigrößen Heten waren? Der Schuldirektor, der den Baum damals hat pflanzen lassen, war Nazi und hat daher »aufs falsche Pferd gesetzt«. Ist das smartphonebasierte Paarungsverhalten heutiger Tage auch so etwas, das jeder tut, weil es alle tun, obwohl man wissen könnte, dass das nicht gut ausgeht?

Keum Suk Gendry-Kim: Gras. Aus dem Koreanischen von Nataly Han. Avant-Verlag, Berlin 2026, 488 Seiten, 35 Euro

→ Joris Bas Backer: Baumschatten. Aus dem Englischen von Christoph Schuler. Edition Moderne, Zürich 2026, 272 Seiten, 26 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 31.07.2026, Seite 10, Feuilleton

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