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13.05.2026
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»Man muss sich dem Hauptgegner widersetzen«
Libanons Linke unterstützt entgegen allem westlichen Druck den Kampf der Hisbollah gegen die israelische Aggression. Ein Gespräch mit Ghassan Nasser
Sie waren lange Zeit Mitglied der Libanesischen Kommunistischen Partei (LKP) und sind auch darüber hinaus bis heute auf seiten der Linken politisch aktiv. Was ist Ihrer Ansicht nach das Hauptproblem für den Libanon? Ist es das religiöse System? Ist es Israel? Ist es die ausländische Einmischung?
Wenn wir uns die Geschichte Libanons ansehen, wo es alle paar Jahre Unruhen gibt oder Krieg, fragt man sich natürlich, woran das liegt. Religiöse Differenzen sind nicht typisch für Libanon. Es gibt Länder, die mehr Religionen und Konfessionen zählen, und trotzdem leben die Menschen dort miteinander. Die religiösen Differenzen spielen eine Rolle, sind aber nicht das Hauptproblem. Meiner Meinung nach ist die Rolle Israels unsere größte Schwierigkeit. Nicht nur im Libanon, sondern in der ganzen Region. Wenn wir zurückgehen in der Geschichte und fragen, warum Israel entstanden ist, angeblich als Staat für die Juden nach dem Zweiten Weltkrieg, ist das eine große Lüge.
Das Ziel der westlichen Länder war, einen Stützpunkt in dieser Region zu errichten, weil sie auf vielen Ebenen wichtig ist. Strategisch wegen ihrer Lage, ökonomisch, weil es hier große Mengen begehrter Rohstoffe gibt. Diese Region zu spalten war ein Ziel und wäre der größte Erfolg für den Westen. Darum ist es entscheidend, diese Rolle Israels als Speerspitze, als Vorkämpfer für die imperialistischen Mächte zu benennen. Denn trotz vieler Entwicklungen in militärischer und wissenschaftlicher Hinsicht kann Israel ohne die Unterstützung der westlichen Mächte nicht einen Tag existieren.
Im Krieg 1956 kämpfte Israel an der Seite des Westens gegen Ägypten, nachdem Kairo den Suezkanal verstaatlicht hatte. Der Krieg war von Großbritannien und Frankreich gegen Ägypten und seinen Präsidenten Gamal Abdel Nasser begonnen worden, und Israel beteiligte sich damals an ihm. Im Junikrieg 1967 und in den folgenden Kriegen wurde Israel immer vom Westen unterstützt. Was wir aktuell hier im Land erleben, hat mit dem, was von der Propaganda im Ausland und auch innerhalb des Libanon gegen Hisbollah verbreitet wird, nichts zu tun. Die Existenz der Hisbollah und des »Widerstandes« ist eine Reaktion auf die Aktionen Israels.
Es heißt ja in deutschen und westlichen Medien, Hisbollah sei ein Werkzeug, ein Stellvertreter des Iran …
Hisbollah und die sogenannte Achse des Widerstands sind das Ergebnis der israelischen Besatzung. Gäbe es die Besatzung nicht, gäbe es den »Widerstand« nicht. Schon bei seiner Entstehung 1948 hat Israel im Süden des Libanon die Kleinstadt Hula überfallen und ein Massaker durchgeführt, bei dem hundert Männer ermordet wurden. Damals gab es weder Hisbollah noch irgendwelche anderen Widerstandsgruppen. Auch bei der israelischen Invasion von 1978 gab es die Hisbollah nicht, und der Iran spielte damals keine Rolle. Nein, diese Vorwürfe dienen anderen Zielen.
Und was sind diese »anderen Ziele«?
Die Ausdehnung Israels, seine Kontrolle über die Region. Israel hat keine Grenzen, sie sind ungeklärt, offen. Netanjahu hat ja 2023 vor der UNO sogar ganz stolz eine Karte gezeigt, nach der Teile verschiedener arabischer Länder angeblich zum Territorium Israels gehören. Und wir können davon ausgehen, dass es nicht bleibt, wie es auf der Karte dargestellt wird, Israel will sich noch mehr ausweiten. Unser Land, die Region ist bedroht, darum muss sich unser Kampf hier vor allem und hauptsächlich gegen die Einmischung Israels richten. Gegen die Besatzung, gegen die Vertreibung der Bevölkerung, gegen die Vernichtung der Menschen, von deren Lebensgrundlagen, von historischen, religiösen, kulturellen Stätten.
Die libanesische Regierung wird von den USA, Frankreich und auch Deutschland gedrängt, mit Israel Gespräche zu führen. Manche erhoffen sich davon wirtschaftlichen Aufschwung und eine Zerschlagung der Hisbollah. Andere halten das für falsch, zum Beispiel Inlandsvertriebene und auch viele von denen, die ihnen helfen.
Israels Umgang mit den Abkommen, die es bisher mit den Ländern der Region geschlossen hat, hat gezeigt, dass es immer mehr will. Das haben wir bei den Verträgen von Oslo mit den Palästinensern gesehen, auch die Abkommen mit Jordanien und Ägypten haben das Gegenteil von »Frieden und Wohlstand« gebracht, wie sie versprochen worden waren. Beide Länder sind arm, den Menschen geht es schlecht, und für die Palästinenser klingt »Frieden und Wohlstand« wie Hohn. Israel betont immer wieder, einen palästinensischen Staat nie anzuerkennen, der südliche Libanon soll »wie Gaza« zerstört werden. Und nun soll der Libanon an solchen Gesprächen teilnehmen? Ja, Krieg ist furchtbar, Krieg bringt Leid – aber Gespräche werden dann mit einem Gegner geführt, wenn man etwas in der Hand hat. Nicht, wenn der Gegner einen täglich angreift. Das will diese Regierung in Beirut nicht begreifen.
Das Streben der Länder der Region nach nationaler Unabhängigkeit, auch des Libanon, hat immer wieder Rückschläge erlitten. Schon die Osmanen waren Besatzungsmacht, dann die Franzosen, die Briten und auch Israel …
Alle haben ihre Spuren hinterlassen, und heute versuchen alle, wieder Einfluss zu nehmen. Die Franzosen im Libanon, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat das Osmanische Reich im Sinn und versucht, im Norden Syriens den Einfluss Ankaras auszuweiten. Die US-Amerikaner sind in der ganzen Region … Wir hier im Libanon haben nie wirkliche Unabhängigkeit erreicht. Der Libanon hat seine Unabhängigkeit nicht erkämpft, sie wurde »geschenkt«, als Frankreich die Region verließ. Und selbst wenn eine Besatzungsmacht aus einem Land abzieht, bleibt doch ihr Einfluss zurück, direkt und indirekt. Israel hat jahrelang Teile des Libanon besetzt. Erst im Jahr 2000 wurde das Land durch den anhaltenden Widerstand vor allem der Hisbollah befreit.
Sie sagen, der Einfluss einer Besatzungsmacht bleibt. Woran erkennen Sie diesen Einfluss der langjährigen israelischen Besatzung im Libanon?
Seit dem Krieg 2024 wird das Motto »Wir sollen Frieden mit Israel machen« offen von Fernsehstationen über Talkshows und Interviews verbreitet. Früher wurde darüber kaum oder nur leise gesprochen. Libanon befindet sich laut Verfassung im Krieg mit Israel. Jetzt werden Gesprächspartner im Rundfunk geradezu gezwungen, sich für einen »Frieden mit Israel« auszusprechen. Sonst ist man altmodisch.
Nationale Souveränität ist altmodisch?
Ja. In den Medien werden bei der Diskussion über die aktuelle Lage die Waffen der Hisbollah für den Krieg, für Zerstörung und Vertreibung verantwortlich gemacht. Also soll damit Schluss sein. Ja, Krieg bringt Zerstörung und Vertreibung, aber die Frage, wer zerstört und wer vertreibt, wird nicht erörtert: Das ist Israel. Wir haben leider kein nationales Bewusstsein in der Bevölkerung. Ich meine nicht: ein nationalistisches Bewusstsein. Ich meine, es gibt kein patriotisches Bewusstsein im Libanon. Weder in der Bevölkerung noch in der Politik oder in den Medien.
Vermutlich geht es um die Darstellung, Hisbollah kämpfe im Libanon für Iran. Das wird ja immer wieder behauptet.
Wenn ein Land unter Besatzung ist, muss man sich dem Hauptgegner widersetzen. Andere Widersprüche kann man später klären. Und es gab Probleme zwischen der Hisbollah und der LKP. Jetzt sind wir aber in einer Situation, in der Israel das Land, unser Land, besetzt. Wir werden aus unseren Häusern vertrieben, unsere Familien werden getötet, unser Eigentum wird geraubt, zerstört. Hisbollah hat viele politische Fehler gemacht und wird noch weitere Fehler machen wie jede andere Partei. Wer handelt, macht auch Fehler.
Für die Kommunisten war und ist die internationale Solidarität immer sehr wichtig. Mit Vietnam, mit Kuba, mit Südafrika, mit den Palästinensern …
Es gab die Internationalen Brigaden im Spanienkrieg von 1936 bis 1939. Und wo sind wir heute? Sehen wir uns an, was Israel im Mittelmeer gerade gemacht hat: Sie haben die Schiffe der Gaza-Solidarität gestoppt, haben Aktivisten verhaftet, sie gefoltert – wo ist die Weltöffentlichkeit? Viele internationale Errungenschaften nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auch von Kommunisten erkämpft, aber die nationalen Befreiungsbewegungen in Asien, Afrika, in Lateinamerika gibt es nicht mehr. Gut, der Zerfall der Sowjetunion mag ein Grund sein. Aber wenn wir nach Kuba sehen, ist es bis heute standhaft. Dort wurde ein vorbildliches medizinisches System aufgebaut. Trotz Sanktionen der US-Amerikaner seit mehr als 50 Jahren ist Kuba standhaft, obwohl das Volk hungert.
Das, womit wir jetzt angesichts des Kampfes zwischen Iran und den US-Amerikanern und Israelis konfrontiert sind, ist ein dritter Weltkrieg, an dem alle Länder, direkt oder indirekt, beteiligt sind. Russland und China sind beteiligt, alle arabischen Länder sind beteiligt und auch Westeuropa ist beteiligt. Darum ist so wichtig, was dort geschieht. Jeder Tag, jede Woche, in der die Iraner standhaft bleiben, ist gut.
Ghassan Nasser lebte in der DDR und kehrte in den 1980er Jahren in den Libanon zurück, wo er dem Zentralkomitee der Libanesischen Kommunistischen Partei (LKP) angehörte. Schwerpunkt seiner Arbeit war die Jugend- und Bündnisarbeit im Libanon, auch im Weltbund der Demokratischen Jugend. Mitte der 1990er Jahre verließ er die LKP. Kommunist ist er geblieben. Karin Leukefeld traf ihn am 6. Mai in Beirut
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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