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Antifaschismus

Erinnern an die ­Widerspenstigen

Am Ort des ehemaligen KZ Uckermark wurde am 2. Mai jener Frauen und Mädchen gedacht, die dem Naziregime als »asozial«, »verwahrlost« oder »unerziehbar« galten

Von Barbara Eder
Foto: Barbara Eder
Blumenschmuck am Gedenkstein für die Verfolgten, Gequälten, Ermordeten und Überlebenden des KZ Uckermarck (2.5.2026)

Im brandenburgischen Fürstenberg ist der 2. Mai traditionell mit der Befreiungsfeier in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück verbunden. Ein paar hundert Meter weiter, auf einem brachliegenden Gelände zwischen Betonplatten und Fundamentresten, befindet sich ein weitaus weniger bekanntes Lager. Von den Nazis wurde das ehemalige Jugend-KZ und spätere Vernichtungslager Uckermark euphemistisch »Jugendschutzlager« genannt – ein Begriff, den die Gedenkinitiative vor Ort aufgrund seines verschleiernden Charakters ablehnt. Die sprachliche Verschiebung geschieht im Zeichen eines Kampfes um Erinnerung, welcher marginalisierte Opfergruppen erst verhältnismäßig spät einschloss. Frauen und Mädchen, die während des Faschismus als »asozial« stigmatisiert wurden, zählen dazu und stehen vor Ort im Zentrum.

Von den drei sogenannten Jugendkonzentrationslagern des »Dritten Reiches« – neben Uckermark Moringen für Männer und Jungen und Łódź für Kinder und Jugendliche – ist ersteres wohl dasjenige, in welchem Nazi-»Fürsorge«-Politik und Vernichtung am sichtbarsten miteinander verschränkt waren. Vor Ort waren zwischen 1942 und 1945 rund 1.200 Mädchen und junge Frauen inhaftiert, viele von ihnen als sogenannte Asoziale, »sexuell Verwahrloste« oder »Unerziehbare«. Im Januar 1945 richtete die SS hier zusätzlich einen Vernichtungsort ein, an dem etwa 5.000 Frauen ermordet wurden, darunter zahlreiche Gefangene aus dem benachbarten KZ Ravensbrück. Wer über das Gelände geht, sieht keine monumentalen Architekturen des Erinnerns, sondern Tafeln mit Zeugnissen von Überlebenden. Sie stammen unter anderem von armen, unangepassten oder widerständigen Frauen: Als »asozial« galt dem Naziregime, wer Produktionsnormen sabotierte, »herumbummelte«, von Wanderarbeit lebte, sich der patriarchalen Sexualmoral entzog oder aus Familien kam, die von den Behörden als »minderwertig« eingestuft wurden, darunter unter anderem Kinder von alkoholkranken Eltern. In Allianz von Polizei, Fürsorge und Medizin konnten diese Frauen und Mädchen auch präventiv weggesperrt werden. Vor Ort mussten viele von ihnen Zwangsarbeit leisten: in einer Arbeitsbaracke des Siemens-Konzerns, der Hasenzucht der SS, bei der Trockenlegung von Sumpfgebieten oder in der sogenannten Bastelwerkstatt, wo Puppen für die Kinder gefallener Soldaten hergestellt wurden.

Block 6, auch als »Nähstube« attribuiert, galt unter Überlebenden als Todesblock. Die Gewalt manifestierte sich nicht nur in Schlägen und Hunger, sondern auch in Akten permanenter Erniedrigung. »Sie wollten dich brechen, deine Selbstachtung vernichten«, erinnert sich die Überlebende Stanka Krajnc Simoneti. Als besonders grausam wahrgenommen wurde das Sprechverbot: Mündliche Kommunikation wurde den Frauen verboten, selbst Flüstern konnte bestraft werden. Trotzdem entstanden heimliche Zeichen der Verständigung, kleine Gesten des Zusammenhalts, geteilte Brotstücke, Blicke, heimlich zugesteckte Worte. »Uns habens nicht untergekriegt«, sagte die Überlebende Käthe Anders später.

Die Gedenkfeier am Nachmittag des 2. Mai begann mit der Begrüßung von Überlebenden und Angehörigen. Marek Barikowski, Sohn der Überlebenden Lucia Barikowska, die als junge Polin erst im KZ Stutthof und später im Vernichtungslager Uckermark inhaftiert worden war, erinnerte an seine Mutter. Sie wurde als »asozial« in das Vernichtungslager deportiert, nachdem sie gemeinsam mit anderen Mädchen einen besonders brutalen Kapo angegriffen hatte. Vor Ort wurden sie getrennt, durften nicht sprechen, wussten oft nicht einmal, in welcher Baracke die eigene Schwester untergebracht war. »Hier ging es nur um still sein und arbeiten. Es war ein täglicher Kampf und eine tägliche Demütigung«, sagte Barikowski in seiner Rede.

Viele Uckermark-Überlebende schwiegen jahrzehntelang, weil die Nachkriegsgesellschaft ihr Leiden leugnete oder indirekt fortsetzte. Mit vielen der Redebeiträge wurde ein roter Faden bis in die Gegenwart gezogen: gegen die Kriminalisierung von Armut, gegen Antisemitismus, rassistische Polizeipraxis, die Hetze gegen Erwerbslose und Migranten. Kutlu Yurtseven wies auf Kontinuitäten durch den NSU hin und sprach davon, dass Gedenken immer auch bedeute, zuzuhören. Ein aufgespanntes Transparent trug die Inschrift »konsequent feministisch. radikal antimilitaristisch Jin, Jiyan, Azadî«. Das sind Botschaften, die bei offiziellen Gedenkfeiern selten zu hören und zu sehen sind. Jene am 2. Mai rief auch in Erinnerung, dass Faschismus dort beginnt, wo Menschen strukturell an den Rand gedrängt und sozial »aussortiert« werden.

Gegen Ende der Feier wurde ein neues Gedenkzeichen eingeweiht: ein Schmetterling für die 1927 in Wien geborene Uckermark-Überlebende Herta Moza Taylor. Ihre in den USA lebende Tochter Susan Taylor hat die Geschichte ihrer Mutter aufgeschrieben, die als Jugendliche denunziert und nach Uckermark deportiert worden war. Nach dem Krieg lebte sie weiterhin in Armut, wanderte später in die USA aus und litt ihr Leben lang an den Folgen der Haft. Auf ihrem Kühlschrank hing ein Schmetterlingsmagnet. Erst nach ihrem Tod verstand ihre Familie dessen Bedeutung: Der Schmetterling stand für die Verwandlung in eine freie Frau. Susan Taylor und ihre Schwestern erinnern mit diesem Gedenksymbol an die Armen, die »Liederlichen«, die Weggelaufenen, die Widerspenstigen, die Mädchen ohne Vaterland und ohne Nachruhm, die vor Ort verfolgt und gedemütigt, aber niemals gebrochen wurden.

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.05.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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