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07.05.2026
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Hauptfeind Europa
Russland nimmt die Aufrüstung der EU-Staaten als reale Bedrohung wahr und kontert kulturkämpferisch
Ende April ging ein Interview durch zahlreiche russische Medien, das Sergej Karaganow, Professor und einflussreicher Politikberater, dem staatlichen Infosender Rossija 24 gegeben hatte. Auch die wissenschaftliche Fachzeitschrift Russia in Global Affairs druckte ein Transkript des Gesprächs ab. Das deutet darauf hin, dass den Ausführungen des konservativen Hardliners weitestmögliche Verbreitung und Beachtung verschafft werden sollte.
Aus den Aussagen Karaganows geht erstens hervor, dass Russland begonnen hat, die in Gang gesetzte Aufrüstung EU-Europas sehr ernst zu nehmen. Europa sei ein Gegner, der Russland demographisch und wirtschaftlich überlegen sei. Es verarme zwar, aber es sei noch reich genug, sich »militärische Muskeln« zuzulegen, und Russland müsse dem beizeiten entgegenwirken, bevor es zu spät sei. Unter anderem auch durch eine Senkung der Schwelle für den Einsatz von Atomwaffen. Man kann eine dezente Kritik an der bisherigen zurückhaltenden Politik von Wladimir Putin aus seiner Forderung herauslesen, es müsse ein »Oberbefehlshaber auf dem gesamten Kriegsschauplatz« ernannt werden, mit der Kompetenz, selbständig über den Einsatz sämtlicher Waffensysteme zu entscheiden – auch der atomaren. Das bedeutet faktisch die Forderung, dem Präsidenten die Entscheidung über den Atomeinsatz zu entziehen und sie an den militärischen Oberbefehlshaber zu übertragen.
Abgesehen von dieser trotz ihrer weitgehenden politischen Implikationen sozusagen technischen Forderung nutzte Karaganow das Interview, um mit der Fixierung der russischen Gesellschaft auf das kulturelle Vorbild Europa abzurechnen: »Wir müssen uns daran erinnern, dass Europa seit 500 Jahren die Brutstätte alles Schlimmen in der Menschheitsgeschichte gewesen ist: Kolonialismus, Rassismus, Völkermord, die beiden Weltkriege. Wir haben das eine Weile verdrängt, aber wir müssen vor allem unsere Denkweise ändern.« Das sei schwierig, räumte Karaganow ein: Europa sei auch Teil der russischen Kultur. Und Geschichte. Aber der Schnitt müsse vollzogen werden. Jene Teile der russischen Eliten, die diesen Schluss nicht nachvollziehen wollten, bezeichnete Karaganow als »Wlassowler« – nach dem Vorbild des sowjetischen Generals Andrej Andrejewitsch Wlassow, der 1942 auf die deutsche Seite übergegangen war.
Karaganows Interview ist eine Breitseite gegen die Fraktion der »Europhilen« in der russischen Gesellschaft und Elite. »Europhilie und Westlertum« seien »heute Anzeichen für geistige Schwäche und moralische Unsauberkeit« bis hin zum offenen Verrat. Heute gehe von Europa die Hauptgefahr für Russland aus: »Mit den Amerikanern kann man sich irgendwann einigen, dort gibt es noch vernünftige Leute. In Europa gibt es solche Leute heute nicht mehr.« Sie würden von einer bankrotten Elite konsequent aus den Entscheidungspositionen verdrängt. Die europäischen Eliten seien verdummt und heruntergekommen, teilte Karaganow aus, »und vor allem: Sie haben keine Angst mehr vor uns.« Man müsse ihnen wieder beibringen, Russland zu fürchten.
Dafür skizzierte Karaganow eine Sequenz russischer Aktionen, um dem europäischen Gegner wieder Respekt vor Russland beizubringen: erst Sabotageaktionen wie das Durchtrennen von Seekabeln oder die Erneuerung von Atomversuchen in Russland selbst. Dann konventionelle Schläge gegen ausgewählte Ziele in Europa, und wenn das immer noch nicht geholfen habe, dann Angriffe mit Atomwaffen. Russland müsse sich von der »Dummheit« der Vorstellung verabschieden, ein Atomkrieg könne nicht gewonnen werden. Das könne er sehr wohl.
Es war der Moderator des Gesprächs, Alexander Karejewskij, der auf mögliche Brüche in der russischen Öffentlichkeit hinwies: »Das Volk unterstützt gewöhnlich den Präsidenten, aber von allen Teilen der Elite kann man das womöglich nicht sagen.« Karaganow darauf: Diese Anhänger der Westbindung Russlands müsse man »aus unserer Gesellschaft und unseren Reihen entfernen; zunächst mit weichen Mitteln, und wenn das nicht ausreicht, mit schärferen«. Die russische Politik schwätze schon vier Jahre vor sich hin, und die Situation verschlimmere sich von Jahr zu Jahr.
Karaganow bekannte sich dazu, dass seine Polemik Teil eines allgemeinen Kulturkampfes ist. Die russische Kultur sei aus dem Süden gekommen, aus Byzanz und Palästina, aus Ostasien, nicht aus dem Westen. Die Debatte ist an sich nicht neu. Ähnliche Auseinandersetzungen gab es in Russland das ganze 19. Jahrhundert über. Da kritisiert ein Neoslawophiler implizit den »Westler« Putin, der in seinem Arbeitszimmer ein Porträt des Zaren Peter I. (»der Große«) hängen hat, der Anfang des 18. Jahrhunderts genau die Westwendung Russlands eingeleitet hat, gegen die Karaganow jetzt polemisiert. Die Frage ist nur, warum er jetzt solch breiten Raum bekommen hat: vielleicht, um dem »außer Rand und Band geratenen Europa« zu zeigen, was passieren könne, wenn die Generation nach Putin ans Ruder kommt? Also als eine Art ideologischer Atomtest mit der Aufforderung, nicht noch den Rest des politischen Grundvertrauens zu verspielen und sich lieber mit Putin zu einigen als mit seinem Nachfolger?
Westlicher Geheimdienst streut Putschgerüchte gegen Wladimir Putin
Kurz vor den Feierlichkeiten zum russischen Siegestag am kommenden Sonnabend hat ein westlicher Geheimdienst Putschgerüchte verbreitet. Mehrere inhaltlich weitgehend übereinstimmende Artikel in führenden britischen, US-amerikanischen und in der Folge auch kontinentaleuropäischen Medien berufen sich übereinstimmend auf »einen europäischen Geheimdienst«, dem entsprechende Informationen vorlägen. Vermutlich handelt es sich um den britischen. Die Darstellung ist im einzelnen aber kaum überprüfbar und auch im Detail widersprüchlich.
Demnach soll Wladimir Putin sich aus der russischen wie auch der kremlinternen Öffentlichkeit praktisch zurückgezogen haben. Ob dies auf seine eigene Entscheidung zurückgehe oder ob der Präsident durch Kräfte in seiner Umgebung abgeschottet werde, lässt das mutmaßliche Geheimdossier offen. Schon dies macht die Einschätzung des Wahrheitsgehalts schwierig. Geraunt wird über einen Machtkampf zwischen dem Geheimdienst FSB und Putins Leibwache, dem »Föderalen Schutzdienst« FSO. Ebenso melden die genannten Medien unter Berufung auf das Dossier, dass Putin panische Furcht vor einem Drohnenanschlag auf seine Person habe und deshalb den Großteil seiner Residenzen außerhalb des Kremls aufgegeben habe – auch die auf den Waldaihöhen, wo er über lange Jahre regelmäßig im Sommer Hof hielt und auch renommierte Diskussionsveranstaltungen hat organisieren lassen.
Weiter heißt es, die Sicherheitsvorkehrungen für das Kremlpersonal seien drastisch verschärft worden. Die Bediensteten dürften keine internetfähigen Telefone und keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen. Welchen Zweck ein solches U-Bahn- und Smartphoneverbot gegenüber den in dem Dossier konkret erwähnten Leibköchen Putins haben soll, wird aber nicht erklärt. Generell werden Sicherheitsvorkehrungen, wie sie zur Vorbeugung gegen Attentate auf hohe Offiziere verhängt werden mögen, und Ausflüsse von – wenn sie zutreffen sollten – Verfolgungswahn so vermischt, dass letztlich nicht klar ist, was das Ganze bezwecken soll.
Vermutlich ist es eher so, dass die Autoren des Dossiers versuchen, durch einstweilen ungezielte Desinformation im Ameisenhaufen zu stochern – immer in der Hoffnung, vielleicht eine ausnutzbare Unruhe in der russischen Führung erzeugen zu können. Das gilt auch für die Angaben über die mutmaßlichen Hintermänner der mutmaßlichen Planungen für einen Anschlag oder Staatsstreich. Als Hauptverdächtiger wird in dem Dossier der frühere Verteidigungsminister und jetzige Sekretär des Sicherheitsrates, Sergej Schoigu, genannt. Er sei alarmiert darüber, dass der neue Verteidigungsminister Andrej Beloussow – offenbar mit Putins Rückendeckung und vermutlich in dessen ausdrücklichem Auftrag, sonst wäre er nicht 2024 von diesem ernannt worden – energisch gegen die in der Militärführung verbreitete Korruption und das System der Vetternwirtschaft vorgeht, das Schoigu in den 14 Jahren seiner Amtszeit um sich aufgebaut hatte. Schon elf der 13 stellvertretenden Verteidigungsminister aus Schoigus Amtszeit seien inzwischen unter Anklage gestellt worden, zählt das Dossier auf. Nicht ins Bild passt wiederum, dass Putin Schoigu persönlich im Zuge des Kaderaustauschs ausdrücklich geschont und ihn auf den Posten des Sekretärs des Sicherheitsrates versetzt hat, wo er nach wie vor einigen Einfluss auf die strategischen Planungen hat und unter anderem duldet, dass sein Stellvertreter in diesem Amt, Dmitri Medwedew, regelmäßig mit ultrachauvinistischen Wortmeldungen auf sich aufmerksam macht.
Nicht recht deutlich wird auch, welche politischen Ziele die mutmaßlichen Putschvorbereiter verfolgen sollen. Gerade wenn die Entwicklung des Kriegsgeschehens aus russischer Sicht als unbefriedigend eingeschätzt wird, scheint es für mögliche Putschisten näherliegend, die Verantwortung hierfür dem persönlichen Regime Putins zuzuschieben und sich erst aus der Deckung zu wagen, wenn ein Misserfolg der »Spezialoperation« in der Ukraine offenkundig geworden ist. Davon kann aktuell keine Rede sein. Eine Gegenrecherche des italienischen Corriere della Sera hat im übrigen ergeben, dass die jetzigen Meldungen über die angebliche Putschgefahr ursprünglich von derselben Agentur verbreitet wurden, die zu Beginn des Ukraine-Krieges auch über eine angeblich tödliche Erkrankung Putins spekuliert hatte. (rl)
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