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02.05.2026
- → Feuilleton
Die Umkehrung der Verhältnisse
Zivilisierte und Barbaren: »Schlafkrankheit«, »Medea« und sein neuer Spielfilm »Gavagai«. Ein Gespräch mit Filmregisseur Ulrich Köhler
In Ihrem neuen Film »Gavagai« verarbeiten Sie einen Vorfall, der 2011 im Rahmen der Premiere Ihres Films »Schlafkrankheit« auf der Berlinale stattgefunden hat. Der Hauptdarsteller Jean-Christophe Folly wurde in einem Hotel rassistisch angegriffen …
Beim Dreh von »Schlafkrankheit« ist so viel schiefgelaufen, dass ich dachte, ich will auf keinen Fall noch einmal in einem afrikanischen Land drehen und mich dort wie ein Kolonialherr aufführen. Die Situation in Berlin, der Racial-Profiling-Vorfall, bei dem ich mich als »White Saviour« aufgeführt und Jean-Christophe, bei dem Versuch, für eine gute Sache einzustehen, aus den Augen verloren habe, hat mich aber sehr beschäftigt.
Was genau hat Ihnen dieser Vorfall gezeigt?
Die Situation schien mir viel von dem zusammenzufassen, was am Filmgeschäft widersprüchlich ist. Es gibt viele Filme, die sich mit sozialen Fragen und unterprivilegierten Schichten beschäftigen, auch innerhalb unserer Stadt. Die laufen dann auf der Berlinale, umgeben von Glamour, im Publikum sitzen hauptsächlich privilegierte Menschen. Diese Widersprüche schienen für mich in der Situation zu kulminieren. Und ganz banal: Ich hatte auch große Lust, wieder mit Jean-Christophe zu arbeiten.
Der Film im Film, um dessen Dreh und Premiere es in »Gavagai« geht, ist aber nicht Ihr Film »Schlafkrankheit«. Sie haben sich statt dessen einen völlig neuen Film ausgedacht, mit einer von Nathalie Richard gespielten Regisseurin, die vielleicht unsympathischste Figur im ganzen Film – herrisch, unsensibel, sogar übergriffig, die im Senegal an einer Adaption von »Medea« arbeitet.
Ich finde die Figur nicht unsympathisch, sondern realistisch. Ich kenne sehr viele sehr sympathische Kollegen, von denen ich furchtbare Dinge vom Set höre, und genauso hören wahrscheinlich meine Kollegen furchtbare Dinge über mich. Sie ist ein Mensch in einer Ausnahmesituation, die einerseits viel Macht hat und sich andererseits komplett machtlos und ohnmächtig fühlt.
Woher kommt dieses Gefühl der Ohnmacht?
Aus Überforderung und Angst vor dem Scheitern. Und vielleicht verliert die Figur ein bisschen aus dem Blick, warum sie das Ganze eigentlich macht. Davon kann ich mich nicht ohne weiteres abgrenzen, auch wenn ich hoffe, dass ich selbst nicht ganz so weit gehe wie sie. Aber ich glaube, wir werden zu anderen Menschen in solchen Situationen, und wir kennen uns erst, wenn wir uns in Ausnahmesituationen erlebt haben. Deswegen würde ich die Figur erst mal verteidigen wollen, ihr Verhalten aber natürlich nicht gutheißen.
Und warum dieser französische »Arthouse«-Film mit einer doch etwas schwierigen Prämisse?
Ich wollte schon immer einen Film über das Filmemachen drehen. Wenn ich das schon mache, wollte ich auch einen Film drehen, den ich sonst nie machen würde. Ich will mich auch von dem Film im Film nicht distanzieren, trotz seiner problematischen Grundprämisse. Ich finde, dass er etwas sichtbar macht und eine Schönheit hat. Dass ich eine Frau als Regisseurin gewählt habe, fand ich spannender, als einen alten weißen Mann wie mich vorzuführen. Das wäre ein zu einfaches Feindbild gewesen. Es ging mir darum, etwas Allgemeines über Menschen in Ausnahmesituationen zu erzählen – und darum, in welche Widersprüche man da gerät.
Es gibt unzählige »Medea«-Bearbeitungen, filmhistorisch denkt man an Pasolini.
Pasolini interpretiert den Stoff als Gegenüberstellung der archaischen Welt des Emotionalen, Irrationalen mit dem modernen, pragmatischen, opportunistischen Menschen und schreibt das jeweils dem einen und dem anderen Geschlecht zu. Das habe ich in dem Stoff nicht gesehen. »Medea« ist für mich eine Geschichte über einen Menschen, der sich der Opferrolle verweigert und dadurch in den Terror abgleitet.
Muss man den Stoff kennen, um den Film im Film zu verstehen?
Man muss nur wissen, dass Medea ihre eigenen Kinder ermordet. Ich habe die Hoffnung, dass sich die Verbindung der beiden Filmebenen durch das, was ich zeige, erschließt. Es geht um Menschen, die ausgegrenzt werden. Das passiert auf der einen Seite dem von Jean-Christophe Folly gespielten Nourou Cissokho und auf der anderen Seite der von Maren Eggert/Maja Tervooren gespielten Medea. Diese Analogie hat mich interessiert, die Umkehrung der Machtverhältnisse auf verschiedenen Ebenen und wie die Figuren emotional damit umgehen.
Die Regisseurin in »Gavagai« besetzt Medea mit einer weißen Europäerin, die von schwarzen Menschen, den Senegalesen, ausgeschlossen wird. Passiert das aufgrund einer mangelnden Sensibilität der Protagonistin für Rassismus oder Kolonialismus?
Bei der Pressekonferenz im Film werden ihr diese Fragen gestellt. Sie hat offensichtlich nicht mit einer so heftigen Reaktion gerechnet. Sie ist sehr auf den feministischen Aspekt konzentriert, um die Erzählung der wilden, emotionalen, triebhaften, archaischen Frau zu konterkarieren, indem sie zeigt, dass dies durch Ausgrenzung produziert wird. Dass sie mit der Besetzung aber geschichtlich 500 Jahre Entmenschlichung der Bewohner eines ganzen Kontinents umkehrt und die Machtverhältnisse, die heute noch vorherrschen, das war ihr vielleicht klar. Aber ihre Idee war ihr wichtiger.
Warum beschäftigt Sie dieser Widerspruch?
Er macht etwas sichtbar. Man muss davon ausgehen, dass der Film im Film und vielleicht auch mein Film – allein aufgrund der Tatsache, dass ich der Regisseur bin – vor allem von der europäischen Mittelschicht gesehen wird, und die ist zum größten Teil weiß, das kann ich nicht verleugnen. Die Regisseurin macht also vielleicht etwas, das sie so nicht hätte tun sollen, aber sie macht gleichzeitig etwas erkennbar. Das finde ich interessant. Ich sehe lieber ein gescheitertes Projekt mit einer vielleicht absurden Grundannahme, als etwas, das komplett durchdekliniert und durchdacht ist und damit auf Nummer sicher geht.
Bei der Pressekonferenz auf der Berlinale wird die Regisseurin von einer Journalistenmeute niedergemacht.
Die Szene ist etwas überhöht, aber ich nehme in gewisser Weise vorweg, was ich vermutet habe, dass es mir bei »Gavagai« widerfahren könnte. Es können schnell unvorhergesehene Dynamiken entstehen. Wenn die erste Frage eine andere gewesen wäre, hätte sich die Konferenz vielleicht anders entwickelt.
Das hat fast satirischen Charakter.
Ja, es wird satirisch, aber ich fände es falsch, die Szene als anti-»woke« zu lesen. Ich verstehe die Journalistin, die darauf hinweist, dass der Text von James Baldwin, auf den sich die Regisseurin bezieht (»Stranger in the Village«, jW), gerade thematisiert, dass die Umkehr nicht so einfach ist, dass es nicht dasselbe ist, als erster schwarzer Mensch in ein Alpendorf zu kommen wie als erster Weißer während der Kolonialzeit in ein kongolesisches Dorf.
Die Liebesgeschichte, die sich am Set von »Medea« zwischen Maja und Nourou entspinnt, hat fast eine autonome Stellung. Was wollten Sie zeigen?
Ich schreibe nicht mit einem Masterplan. Der Film im Film sollte am Anfang nur die erste Szene sein. Dass mein Film damit endet, ist erst später so gekommen. Genauso ist die Liebesbeziehung im Prozess und aus der Konstellation entstanden. Die Machtverhältnisse in dieser Beziehung sind ja eine Umkehrung der Machtverhältnisse in der Medea-Verfilmung.
Maja verfügt über das Selbstbewusstsein einer erfolgreichen Schauspielerin.
Es gibt mehrere Szenen, in denen Maja sich übergriffig verhält, allen voran der Racial-Profiling-Vorfall im Hotel. Und gleichzeitig gibt es auch Momente, in denen Nourou ihre Privatsphäre nicht respektiert und nicht darüber nachdenkt, was es für sie als frisch getrennte Mutter bedeuten könnte, wenn der Liebhaber morgens nach einer durchzechten Nacht vor der Tür steht. Diese Spiegelung und Umkehrung hat mich interessiert.
Die beiden verfehlen sich.
Man kann jemanden sehr schätzen, verliebt sein, und dennoch in Vorurteils- oder Rassismusfallen tappen. Ich finde es interessant, dass Menschen, die sich mit so unterschiedlichen Voraussetzungen begegnen, keinen Einblick haben in das Leben des jeweils anderen. Es ist eine Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die in einer Ausnahmesituation entsteht und dann vor der Herausforderung der Übertragung in den Alltag steht.
Haben die beiden als Paar eine Zukunft?
Das müssen die Zuschauer entscheiden (lacht).
Ulrich Köhler ist Filmregisseur. Sein Spielfilmdebüt »Bungalow« lief 2002 in der Sektion »Panorama« auf der Berlinale. 2005 drehte er den Spielfilm »Montag kommen die Fenster«. Für »Schlafkrankheit« wurde er 2011 auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären (Preis für die beste Regie) ausgezeichnet. Am Donnerstag kam »Gavagai« in die Kinos.
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