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Aus: Ausgabe vom 17.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
jW-Film

Fluch und Segen

Kommunistische Intelligenz: Im Berliner Kino Babylon wurde am Sonnabend erstmals die junge Welt-Dokumentation »Träume und andere Realitäten« gezeigt
Von Ronald Kohl
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Roter Teppich vor dem Kino Babylon in Berlin-Mitte am Sonnabend

Der Rückblick auf die letzten Dekaden junge Welt, genauer auf 30 Jahre Verlag 8. Mai, bedeutet eine ordentliche Reise in die Vergangenheit, besonders für mich, da ich für diese Zeitung schreibe, von ihr bezahlt werde. Wann gab es das zum letzten Mal, dass ich einen Film nicht verreißen durfte? Ungefähr 1985, im Deutschunterricht: »Die große Reise der Agathe Schweigert«.

»Träume und andere Realitäten« beginnt auch mit einem Trip, einem reichlich schrägen Abenteuer. Ein sichtlich gerührter Mann um die vierzig, zweifellos ein Deutscher, liest aus seinen Aufzeichnungen vor, berichtet von der Teilnahme am letzten Gefecht. Zerlumpt und zerschossen hielten er und seine internationalen Kameraden der Invasionsarmee stand. Da es sich um eine Videoaufnahme handelt, kann dieser Mann unmöglich ein alter Spanienkämpfer gewesen sein. Dieser Auftakt wirkt reichlich irritierend, erweist sich später jedoch als brillant.

Kaum dass sich der revolutionäre Pulverdampf verzogen hat, sehen wir den langjährigen Chefredakteur Arnold Schölzel an seinem Schreibtisch, der lachend gesteht, in der DDR die jW eigentlich nie gelesen zu haben. (Genau wie ich; vielleicht haben wir uns deshalb immer so gut verstanden.) Schölzel gehört bekanntlich zu dem nicht sehr großen Kreis derer, die in besonders stürmischen Zeiten das Schiff auf Kurs gehalten haben, also eigentlich immer in den vergangenen 30 Jahren. Und ich muss gestehen, ich hätte mir den Film auch ohne Auftrag angeschaut, schon um zu sehen, wie es Regisseurin Clara Ehrhardt gelingt, die Jahrzehnte nach dem Neustart gebündelt zu erzählen, ohne sich des Personenkults verdächtig zu machen.

Die Menschen, Mitarbeiter aus unterschiedlichen Bereichen, stehen zwar im Mittelpunkt ihrer Erzählung, doch wichtiger scheint der Regisseurin zu sein, zu zeigen, was sie verbindet: eine antifaschistische, marxistische Tageszeitung. Und diese Idee ist bekanntlich älter als jeder einzelne der für den Fortbestand des Blattes heute Kämpfenden.

Bevor wir zu den Motiven kommen, noch ein paar Worte über die Darstellung der jW während der DDR-Zeit. Clara Ehrhardt versteht es, die für Außenstehende nach wie vor schwer nachvollziehbaren Ideale und Überzeugungen als traditionelles Wesensmerkmal herauszustellen. Die Verneigung vor dem beruflichen Ethos, heute und eben auch schon in der DDR, erfolgt nicht mittels indirekter oder gar direkter Aussagen – Pathos wird vermieden. Der Film ist vielmehr so konzipiert, dass ohne das historische Moment der gesamte Plot, die künstlerische Erzählung, kein Skelett besäße; die etappenweise Auflösung der eingangs beschriebenen Szene besitzt dabei die ehrenvolle Funktion des Rückenmarks.

Nun zu den Motiven der im Film zu Wort kommenden Mitarbeiter. Da ist natürlich die Begeisterung für die verlässlich wiederkehrende hektische Betriebsamkeit bei der Herstellung einer Tageszeitung, einer, die Themen aufgreift, die alle anderen ausblenden.

»Weltweit finden Dinge statt, die in unseren Medien nicht stattfinden«, sagte Dietmar Koschmieder während der kleinen Gesprächsrunde nach der Vorführung des Films am Sonnabend im Babylon in Mitte.

Dass die jW oft als einziges Blatt bei heiklen Themen nicht kneift, wird im Film als Fluch und Segen zugleich betrachtet. Denn mit dem Erfolg, der stärkeren Wahrnehmung wächst auch die Anfeindung.

»Träume und andere Realitäten« widmet sich den Details der Repression nicht so intensiv, wie das bei der Gesprächsrunde der Fall war. Was auch daran liegen mag, dass die Bedrohlichkeit zunehmend als existentiell empfunden wird, nicht zuletzt aufgrund des Wegsehens einer staatlicher Willkür mehr und mehr gleichgültig gegenüberstehenden, ursprünglich liberalen publizistischen Szene.

Allerdings: Die Prozesskosten sind hoch, die Spenden sind höher. »Wir haben nur eine Chance«, sagte Koschmieder im Babylon. »Wir müssen kämpfen. Der politische Preis für ein Verbot muss in die Höhe getrieben werden.«

Das wäre zwar ein schönes Ende, aber als Schlusssatz eben auch »personenkultverdächtig«. Und das würde nicht die Wahrheit widerspiegeln. Die jW wird nicht von einer Person in die Zukunft geführt werden. Auch nicht von einer Personengruppe. Nicht einmal nur von der Genossenschaft. Viel wichtiger ist, und da wird im Film schon mal aus dem Nähkästchen geplaudert, dass wir bei einer großen Sache gegenüber der gesamten Konkurrenz die Nase weit vorn haben: bei der KI, der kommunistischen Intelligenz.

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