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Landlust

Brennessel

Aus der Provinz

Foto: IMAGO/imagebroker
Blattläuse, aufgepasst: Hier kommt ein brandgefährlicher Fressfeind, der asiatische Marienkäfer

Auf einer der honigfarbenen Bierbänke vor dem »Seven Bistro« sitzt ein Kneipeneleve und doziert über unseren geliebten Führer. Er habe sich »mit dem Hitler viel aufgefasst«, via TV, fehlendes Ei und so fort. »Ich hoffe«, werfe ich, hitlergenitalspezifisch nicht informiert, ein, »es hat das linke gefehlt.« Davon müsse man ausgehen, sagt er.

In einem Internetgespräch mit dem charmanten, munteren marokkanisch-indischen Comedian Salim Samatou hatte ich von dem einzigen teilaufgezeichneten Privatgemöhre unseres geliebten Halbeiervolksleiters erfahren, einer Salonwagenunterredung mit dem finnischen Oberbefehlshaber Mannerheim am 4. Juni 1942, die um »die ungeheuerste Rüstung, die menschendenkbar ist«, herumwankt, um jene »im Osten«, wo der Sowjetkobold »fünfunddreißigtausend Tanks« aus dem Barbarenboden gestampft habe, gegen welche die »lächerliche« Wehrmacht keinen Bienenstich sehe, denn mit deren »Schönwetterbewaffnung« (alles O-Ton Adi) sei kein Kriegsblumentopf und kein Bundesverdienstkreuz zu gewinnen. Warum kamen mir beim Anhören dieser perversen Pretiose auf Youtube Roderich Kieselsteindumm, Antonia Herrenreiter und »Carlo Massaker« (Metulczki) in den Sinn?

Ich lasse das unerwähnt. Ich schlage den Rat von Korrespondentin Karina Mößbauer (The Pioneer), »dass man da mal so ein paar Testballons auch fallen lässt«, in den zärtlich übers Gesicht streichenden Wind. Sowieso ergreift der Popp, der eine Horde von zu allem entschlossenen rumänischen Trinkweibern angeschleppt hat, das Wort. In seiner ehemaligen WG habe ein Typ allerweil ein »Bombengras« parat gehabt, einwandfrei, tipptopp, so Leute bräuchte es überall, und der sei naturgemäß »aus Vietcong« gewesen.

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Der Lerd schlendert herbei und befreit mich. Wir gucken drinnen Fußball. Bald kommen wir auf das Verschwinden der Brennessel zu sprechen. Einst umrankten Brennesselgesellschaften jedes Bächlein, jeden Entwässerungsgraben, jeden Pfuhl im großteils ausgeräumten Ackerland. Auf jeder Ruderalfläche leistete die Brennessel Pionierarbeit, und sie diente unseren prächtigsten Tagfalterarten als Wirtspflanze: dem Tagpfauenauge, dem Kleinen Fuchs, dem Admiral, dem Landkärtchen.

In Gärten war die Brennessel omnipräsent. Man nutzte sie als Heilmittel, zur Linderung vielerlei Gebrechen, man bereitete aus ihr deliziösen Salat zu, mein Großvater setzte zwecks Schädlingsbekämpfung Brennesseljauche oder -sud an. Vor der Ameisensäure aus den Borstenhaaren flohen all die Nassauer, die unsere Tomaten, Salatköpfe und Gelbarum (Gelbe Rüben, Karotten) hinzurichten gedachten. »Des hat fei greißlich g’stunken«, sagt der Lerd.

Nunmehr übernimmt den Job der Tilgung der Blattläuse der Asiatische Marienkäfer, ein Neozoon, ein ­Hybrid aus Russe und Chineserer. Der Tisch unterm Zwetschger ist momentan von gelb-rot gemusterten Raupen überflutet.

Die Schmetterlinge sind abgedampft, weil die Brennessel stickstoffreiche Böden benötigt. Durch den Einbau von Pkw-Katalysatoren – These! – wurden der Luft die teuflischen Stickoxide (NOx) entzogen. Und im gleichen Zeitraum trat die kriminelle Orthographiereform in Kraft. Wieso soll sich die Brennessel mit drei n schreiben lassen wollen? Obwohl das Wortungetüm vorgibt, mehr Stickstoff zu speichern?

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Erschienen in der Ausgabe vom 16.06.2026, Seite 11, Feuilleton

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