Gesetz und Gnade
Kann der Apostel Paulus auch religionsfernen Menschen etwas sagen? Eugen Drewermann will Neugier wecken
Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.« Dieses Zitat aus einem im sechsten Jahrzehnt nach unserer Zeitrechnung entstandenen Brief an christliche Gemeinden in Kleinasien benennt den Dreh- und Angelpunkt des Denkens seines Verfassers, des Apostels Paulus. Der französische Philosoph Alain Badiou versteht ihn als den Begründer des Universalismus. Bekanntlich war dem gnadenlosen Christenverfolger Saulus auf seiner Reise nach Damaskus der auferstandene Christus erschienen. Diesem Ereignis hielt der zu Paulus Verwandelte fortan die Treue und machte es zur Richtschnur seiner Suche nach dem wahrhaftigen Leben.
Dessen »unerhörte Geste« sei es gewesen, »die Wahrheit jedem kommunitären Zugriff zu entziehen, mag es sich um ein Volk, eine Stadt, ein Reich, ein Territorium oder eine soziale Klasse handeln«, formuliert Badiou in seiner erstmals 1977 erschienenen Schrift »Paulus. Die Begründung des Universalismus«, 2002 auf Deutsch veröffentlicht. Für den Atheisten Badiou stellt die Auferstehung des gekreuzigten Jesus von Nazareth bloß eine »Fabel« dar. Trotzdem fasziniert ihn das Werk des Paulus aus Gründen, auf die später noch einzugehen ist.
Für den Theologen und Psychoanalytiker Eugen Drewermann handelt es sich beim Auferstandenen keineswegs um ein Fabelwesen. Die Beziehung zum Gottessohn ist für ihn aber in erster Linie keine dogmatische, sondern eine existentielle Frage, der er in seinem Buch »Wovon die Menschen leben. Wege zum Galater-Brief des Paulus« nachspürt:
»Die Natur, die uns hervorgebracht hat, legt keinen Wert auf uns – sie braucht uns nicht, sie überlässt uns schlicht den gleichen Mechanismen, die uns in ihrer blinden Gesetzmäßigkeit ermöglicht haben, ohne auf uns mit Plan und Absicht hinzuwirken; das aber ist es, wonach wir als Seinsbegründung in Notwendigkeit Verlangen tragen: nach einem personalen Willen, der uns als einzelne Personen meint, bejaht und möchte. Solange das Vertrauen in eine solche vorgängige Liebe als Begründung unseres Daseins uns nicht in und durch das Leben trägt, gleiten wir unvermeidbar leer und ungeliebt hinunter in den Abgrund der Verzweiflung.«
Ein leeres und ungeliebtes Leben lasse sich nicht allein durch Psychotherapie heilen. Dazu bedürfe es auch der theologischen Dimension, ist Drewermanns Überzeugung. Um so besorgniserregender sei darum die Tatsache des zunehmenden Religionsverlusts in der Neuzeit. Freilich müsse man mit Blick auf die »real existierenden Kirchen« feststellen, »dass sie die erlösende Wahrheit des Christus in genau das verwandelt haben, was sie nicht ist noch je sein kann: in ein theologisches Konstrukt zum Dozieren fernab vom Existieren«. Deshalb müssten die »Christgläubigen« gegebenenfalls »die institutionalisierte Form des Religiösen verlassen«, um zu »einer persönlich stimmigeren Religiosität« zu gelangen.
Was den Atheisten Badiou und den christgläubigen Drewermann eint, ist ihre Sicht des Verhältnisses zwischen Subjekten und Kollektiven. Es sei die feste Überzeugung des Paulus, »dass die Botschaft Jesu keine traditionellen, konfessionellen, kulturellen, nationalen oder rationalen Differenzen mehr erlaubt«, schreibt Drewermann. Und Badiou ergänzt: Das Partikulare, im Gegensatz zum Universalen, unterwerfe die Subjekte seinen eigenen Gesetzen und mache sie diesen konform. Paulus zeige uns hingegen die Möglichkeit eines nichtkonformen Denkens. »Das ist es, was ein Subjekt ist. Aufs Subjekt, nicht auf die Konformität, stützt sich das Universale.« Ganz ähnlich klingt es dann bei Drewermann: »Die Vereinzelung, die Individuation, die Selbstwerdung im Gegenüber eines absoluten Angenommenseins« sei »die unerlässliche Durchgangspforte zur Erlösung und Rettung«.
Und was ist mit der Auferstehung, der Überwindung des Todes? Badiou will aus dem mythologischen Kern des Christusereignisses eine nicht mehr religiöse »Konzeption der Gnade« gewinnen: Die Frage sei einzig und allein, »ob einem Dasein im Bruch mit der unerbittlichen Gewöhnlichkeit der Zeit das materielle Glück begegnet, einer Wahrheit zu dienen und so (…) unsterblich zu werden.« Drewermann ist überzeugt: Nur der Glaube an die Auferstehung könne uns zeigen, »dass wir nicht dafür leben, im Kampf ums Dasein die eigene Existenz auf Kosten anderen Lebens noch ein wenig zu verlängern.«
→ Eugen Drewermann: Wovon die Menschen leben. Wege zum Galater-Brief des Paulus. Patmos-Verlag, Ostfildern 2026, 384 Seiten, 38 Euro
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