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Aus: Ausgabe vom 04.04.2026, Seite 10 / Feuilleton
Oper

Die Orgie nimmt ihren Lauf

Herbert Fritsch inszeniert Händels »Belshazzar« an der Komischen Oper Berlin
Von Maik Wiesner
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»Wer kann solch eine Zügellosigkeit ertragen?«

Oper ist gleichzeitig Konzert und Theater. Die alte Aufgabe für die Darsteller, gleichzeitig zu singen und zu spielen, wird bekanntlich mal besser, mal schlechter bewältigt. Die Größe des Chors etwa ist für ein lebendiges Spiel geradezu toxisch. Zum Teil stehen mehr als 100 Sänger auf der Bühne und bewegen bloß ihre Münder.

Herbert Fritsch, Meister des pantomimischen Slapsticks, bringt in seiner Inszenierung des Händel-Oratoriums »Belshazzar« an der Komischen Oper in Berlin (Premiere am 28.3.) die Körper in Bewegung, verpasst allen ein Gestenspiel, das zwischen persönlicher Idiosynkrasie und roboterhaftem Puppentanz changiert. Hier sind es drei Chöre mit 48, 24 und zwölf Personen, die sich im überraschend knappen Finale zum Unisono vereinigen.

Das am 27. März 1745 am King’s Theatre in London uraufgeführte Oratorium handelt, weitgehend dem fünften Kapitel des Buches Daniel folgend, vom babylonischen Hochmut und dessen Fall, für den ein Pakt aus religiöser Demut der Juden und dem Machtstreben der Perser sorgen wird. Verkörpert wird diese Triade von Königssohn Belshazzar (Robert Murray), Perserkönig Cyrus (Su­san Zar­ra­bi) und dem jüdischen Propheten Daniel (Ray Chenez), die als Figuren ganz und gar rollenbestimmt sind. Die einzige humane Figur in dem Stück ist Belshazzars Mutter Nitocris (So­ra­ya Mafi).

Zu Beginn des zweieinhalbstündigen Abends steht sie oben an der großen Showtreppe, die die Bühne vollständig ausfüllt: so simpel wie effektiv. Das Bühnenbild stammt wie die Kostüme von Fritsch. Die Mutter beklagt das Schicksal ihres Sohnes – sie erahnt den Untergang des babylonischen Reiches, dessen Eigenschaften von ihm verkörpert werden: Eitelkeit, Korruption, Treulosigkeit, Unterdrückung.

Wenig später betritt Belshazzar die Bühne. Er will nicht auf die Warnung der Mutter hören, er freut sich auf das Fest des babylonischen Weingottes Sesach, um sich vollzusaufen, wie es im biblischen Text heißt. Wo sonst die Sympathien eindeutig bei Juden und Persern liegen, gestattet Regisseur Fritsch sich und dem Publikum die Ambivalenz.

Die Babylonier sind in satten Pop-Art-Farben kostümiert, sogar die Bärte erstrahlen in Rot oder Türkis, so sehr sind sie von ihrem Hedonismus durchdrungen. Die Perser hingegen erscheinen im blauen Einheitskostüm, irgendwo zwischen Mao-Anzug und Super Mario, die Juden tragen währenddessen ihre Gelehrsamkeit mit aufgemalten Brillen zur Schau.

Perserkönig Cyrus will seine Soldaten kriegstüchtig machen. Sie erschrecken allerdings vor seiner Propaganda, statt ihm zuzujubeln. Die eindeutigere Moral des Stückes schluckt Regisseur Fritsch nicht so leicht. »Das Denken in Gut und Böse, in Schwarz und Weiß ist trivial«, sagt er im Programmheft. »Genau darunter leiden wir momentan alle. Alle werden klar zugeordnet: Der ist gut, der ist böse, und wer sagt, dass der Böse gut ist, ist erledigt. Das kann ich nicht akzeptieren.«

Als gotteslästerlichen Gipfel seiner Orgie plant Belshazzar, in Anwesenheit der entführten Juden Wein aus deren heiligen Gefäßen zu trinken, die sein Großvater Nebukadnezar einst in Jerusalem raubte. Auch hier warnt Nitocris vergeblich. Gerade diese Nacht haben die Perser für ihren Angriff geplant.

Die Orgie nimmt ihren Lauf, Fritschs Methode wird sichtbar. Den orgiastischen Tanz zerlegt er in 24 Fragmente, jedes Fragment wird von je einer Person im Loop wiederholt. Belshazzars goldene Schleppe ist in ihrer irrwitzigen Größe lächerlich. Als Requisite trägt das Kleidungsstück seine Figur. Erst kann sich seine gesamte Gefolgschaft darin einhüllen, später wird sie sein Leichentuch und Totensack.

Nachdem Belshazzar mit einem einzigen Stoß von der Treppe besiegt ist, kann Cyrus im Strahlen der Schleppe seinen Sieg feiern, der damit auch von der babylonischen Abgründigkeit infiziert ist. Für einen kurzen Moment erklingen sämtliche 84 Stimmen des Chores unisono, Fritsch hat einen einsamen Schrei dahintergesetzt, der das Oratorium in das Gelächter des Publikums übergehen lässt.

Die Souveränität der Inszenierung des Slapstickveteranen Fritsch beweist sich im distanzierten Umgang mit dem biblischen Stoff. Die Brechtsche Reduktion auf die große Treppe im Bühnenbild und die groteske Schleppe Belshazzars als das handlungstragende Requisit nehmen das mutmaßliche Wertegefüge des Stücks auseinander. Dieser Einfachheit stehen die zahllosen Gesten gegenüber, die das Sängerheer zwar beleben, aber den individuellen menschlichen Tick zur unheimlichen Karikatur erstarren lassen.

Nächste Vorstellungen 5., 19. und 25.4., 1.5.

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