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30.04.2026
- → Feuilleton
Mann, nun komm schon!
Viele kleine Spannungen: Ulrich Köhlers sehr gelungener Spielfilm »Gavagai«
Schlafkrankheit«, seinen ersten Spielfilm, ließ Regisseur Ulrich Köhler mit einer nächtlichen Polizeikontrolle im afrikanischen Urwald beginnen. Ein deutsches Ehepaar, der Mann Arzt im Entwicklungsdienst, die Frau, seine Gehilfin, sitzt im Wagen vorn, die halbwüchsige Tochter auf der Rückbank. Es fällt kein einziger Schuss. Nur Geld wird verlangt. Ganz normale Abzocke.
In einem Fernsehinterview mit dem WDR auf die Szene angesprochen, sagte Köhler: »Die Frage nach den Klischees ist für mich schwierig zu beantworten. Weil es auch bestimmte Realitäten gibt.« In »Gavagai«, seinem neuen Film, macht Köhler diese »bestimmten Realitäten« zur bestimmenden Realität.
Maja (Maren Eggert) ist die Hauptdarstellerin einer »Medea«-Verfilmung. Die Dreharbeiten finden im Senegal statt. Maja vergisst zwar nicht ihren Text und sie stolpert auch nicht über die Möbel, sie schafft es aber auch nicht so richtig, in die Rolle der isolierten, zurückgewiesenen Mutter zu finden, die in ihrer Verzweiflung schließlich ihre gesamte Familie erdolcht. Die französische Regisseurin Caroline (Nathalie Richard) arbeitet nach der Fassbinder-Methode: als Mensch zerstören und als Schauspielerin wieder aufbauen. Wenn das nicht funktioniert, muss eben das Drehbuch umgeschrieben werden.
»Es kann der Punkt kommen«, sagt Regisseur Köhler, »an dem man unmenschlich wird als Filmemacher.« – Wenn am Ende die Qualität stimmt: warum nicht?
Jedenfalls schafft es der »Medea«-Film in den Wettbewerb der Berlinale. Maja wohnt sowieso vor Ort, und alle anderen bekommen ein Zimmer im Interconti; natürlich nicht die Komparsen, aber die Regisseurin und auch der Hauptdarsteller Nourou (Jean-Christophe Folly). Nourou stammt selbst aus dem Senegal, wuchs jedoch in Paris auf und lebt auch dort. (Auch in »Schlafkrankheit« spielte Folly einen Europäer mit afrikanischen Wurzeln. Er ist also kein Weißer.)
Als Nourou zur Berlinale fliegt, kommt er, um zu bleiben. Er hatte eine Affäre mit Maja und will in ihrer Nähe sein, immer.
Nur wird er nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Maja hatte keine Zeit, ihn vom Flughafen abzuholen. So sitzt er allein im Windfang des Hotels und dreht sich eine Zigarette. Draußen regnet es. Der Sicherheitsmann weist ihn auf Englisch darauf hin, dass er hier nicht rauchen darf, was sicher den Tatsachen entspricht. Nourou erwidert, dass er gar nicht rauchen würde. Und nass werden will er auch nicht. Kurz bevor es handgreiflich wird, erscheint Maja und macht hinterher Welle an der Rezeption. Im Taxi bezeichnet sie den Sicherheitsmann als »polnisches Arschloch«. In der Tat war sein Englisch nicht akzentfrei. Andererseits hat er Nourou nicht beleidigt, ihn sogar ganz selbstverständlich mit »Sir« angeredet. Nourou gefällt es nicht, dass Maja beim Hotelmanagement Konsequenzen für das Verhalten des Wachmannes gefordert hat. Doch das Ding kann nun niemand mehr stoppen. Was allerdings für den Fortgang der Handlung nicht von Belang ist. Denn dem Regisseur geht es nicht darum, eine Geschichte oder gar einzelne Episoden zu Ende zu erzählen. Er will Konflikte beschreiben. Da er sich dabei auf das Konkrete, auf die kleinen Spannungen konzentriert, wirkt jede einzelne Szene hundertprozentig realistisch; in der Produktion steckt viel Selbsterlebtes.
Auch die kleine Rangelei im Eingangsbereich des Hotels hat tatsächlich einmal stattgefunden, damals, als Jean-Christophe Folly wegen seiner Rolle in »Schlafkrankheit« zur Berlinale eingeladen worden war. Und wer war wohl der kleine Wichtigtuer, der Kraft seiner Wassersuppe dafür gesorgt hat, dass der Sicherheitsmensch gefeuert wurde? – Schwamm drüber, Ulrich Köhler ist ein perfekter Film gelungen. Außerdem hat Jean-Christopher Folly unlängst versichert, dass ihm so etwas ständig passiert, »neulich erst wieder in Paris«. Selbst bei den Dreharbeiten zu »Gavagai« im Senegal gab es Stress. Plötzlich, erzählt Folly, wollte der Hotelangestellte seinen Schlüssel sehen. Folly erwiderte: »Mann, nun komm schon! Ich drehe hier. Du siehst mich jeden Tag!« Und er fügt an: »Es war genau die gleiche Situation.« An Ulrich Köhler gewandt sagt er: »Also müssen wir darüber auch mal einen Film drehen.«
Ich zumindest wäre sehr dafür.
Übrigens hätte ich mich für gewöhnlich ja lang und breit über Ursprung und Bedeutung des Titels ausgelassen, doch dieses Mal war mir der Film wichtiger.
»Gavagai«, Regie: Ulrich Köhler, BRD/Frankreich 2025, 91 Min., Kinostart: heute
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