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Aus: Ausgabe vom 16.03.2026, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Vignetten ohne Welt

Ein kunstgewerblicher Gangsterfilm: Christoph Hochhäuslers »Der Tod wird kommen«
Von Maik Wiesner und Irene Tietze
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Es bleibt nicht aus: Dem Tod ins Auge blicken

»Der Tod wird kommen« verkauft sich als ein in der Brüsseler Unterwelt spielender Genrefilm. Zuhälter Charles Mahr (Louis-Do de Lencquesaing) ist todkrank und muss sich gegen seinen Konkurrenten Patric de Boer (Marc Limpach) verteidigen, der ihm seinen Platz streitig macht.

Für die Abläufe organisierter Kriminalität und echte menschliche Abgründe interessiert sich Regisseur Christoph Hochhäusler allerdings weniger. Meist wird durch Schablonen auf die fremde Welt geblickt. So soll Charles Mahr ein Schwergewicht des Verbrechens sein. Wir sehen aber nur zwei seiner Handlanger, ein heruntergekommenes Bordell und geschmuggeltes Bargeld, das unter einem Ölbild versteckt ist. Interesse kann Hochhäusler aber durchaus entwickeln – für die Patina mehr oder weniger heruntergekommener Orte an der Peripherie Brüssels oder für Mahrs eindrucksvolle modernistische Villa, die mit Kunst, Kunstgewerbe und Nippes vollgestellt ist.

So wirkt »Der Tod wird kommen« wie ein Ausstattungs- und Architekturfilm. Der Kamera entgehen die Ambivalenzen der Filmfiguren, mit enormer Neugier bewegt sie sich hingegen durch ein pittoresk verlottertes Brüssel aus Investitionsruine, einer leerstehenden Fabrik aus den 1920er Jahren, der Ruine eines Bürohochhauses ohne Fenster. In das schicke Stadtzentrum Brüssels hat der Ausstatter ein Schild mit der Aufschrift »Hotel Manhattan« gehängt, um das EU- und Touristenparadies etwas abgründiger zu gestalten.

Eine Art Double Bind zieht sich durch den Film (er zeigt den Fisch, der behauptet, Fleisch zu sein, und ist weder Fisch noch Fleisch). »Der Tod wird kommen« präsentiert sich als konventioneller Spielfilm, der den Zuschauer durch einen Plot führen will. Der Handlung ist jedoch nur mit Mühe zu folgen. Mehr Sinn suggerieren Orte und Dinge, Blicke und Details, deren Bedeutung sich erst zunehmend erschließt. So arbeitet Hochhäusler wie ein formalistischer Experimentalfilmer, der Bilder aus Sequenzen bestimmter Filmgenres herauskopiert. Wie Tez (Sophie Verbeeck) durch die langen Gänge einer alten Fabrik stürzt und dabei auf ihren Verfolger schießt und im Gegenschnitt ein Mann aus der Deckung in ihre Richtung blickt, hat mehr mit den künstlerischen Arbeiten eines Matthias Müller zu tun als mit den von Hochhäusler bewunderten Filmen von Jean-Pierre Melville, Jacques Deray, Jacques Becker oder Jules Dassin.

Man kann sich vorstellen, dass die Stapel von Bildbänden auf den Tischen in Mahrs Villa sorgfältig kuratiert wurden. Sie verweisen auf einen durchaus spannenden Topos des Genres: der Gangster, der sich als Bürger zeigt. Verbrecher sind so dankbare Filmfiguren, weil sie Böses tun und ihrem Leben dennoch Menschlichkeit abtrotzen müssen. Man schaut ihnen gerne zu, weil sie widersprüchliche Gefühle auslösen. Don Vito Corleone in »The Godfather« etwa ist durchdrungen von der Gewalt, die er ausgeübt und erfahren hat. Trotzdem erkundigt er sich liebevoll nach dem Befinden der jungen Familie seines jüngsten Sohnes Michael.

Auch die Figuren in »Der Tod wird kommen« haben durchaus ihre Eigenheiten – der Vollstrecker Carlo (Nassim Rachi) trägt bunte Turnschuhe, Mahr benutzt einen Tierknochen, einen kleinen Kompass und eine Pa­trone für eine Gedächtnisübung. Louis-Do de Lencquesaing kann die bürgerlichen Attribute für seine Interpretation der Rolle allerdings nicht nutzen, der Film stellt keine Beziehung zwischen der Ausstattung und den Protagonisten her. Die Figuren sind Vignetten ohne Welt: Verlorenheit angesichts des baldigen Todes durch eine schwere Krankheit bei Mahr, der hilflose Patric de Boer, der Mahr beerben will, die dumpfen Handlanger Carlo und Zinédine (Mourade Zeguendi).

Die Turnschuhe verdeutlichen, dass sich der junge Gangster vom Alte-Welt-Look seines Chefs absetzt, mit Krimskrams verarbeitet der Mann am Lebensende seinen kriminellen Lebenslauf. Sneaker, Pistolenkugel und Tierknochen sind nicht Teil einer Figurencharakterisierung, sondern Symbole für Jugend bzw. Todesverfallenheit (»vanitas«: Knochen, Krempel, Krabbeltiere). Mit der Ausstattung des Films könnte man ein faszinierendes Kunstgewerbemuseum füllen. Wenn er aus dem Materialrausch erwacht, muss das allzu einfache Ordnung stiften – etwa der fatalistische Titel des Films, die Ablösung der alten durch die neue Welt, oder das Schlussbild: eine erblindete Zuhälterin, die davon träumt, junge Frauen zu verführen.

»Der Tod wird kommen«, Regie: Christoph Hochhäusler, BRD/Luxemburg/Belgien 2024, 101 Min., bereits angelaufen

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