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Popkultur

Vulven und LSD

Filmkritiker J. Hoberman stellte im Berliner Arsenal sein neues Buch über die 60er Jahre vor

Foto: Ronald Grant/IMAGO

Ein behaarter Kinderschädel drückt sich durch eine Vulva, Hebammenhände durchtrennen die Nabelschnur des verschmierten, strampelnden Säuglings. Ein Delinquent wird von seinem Vorgesetzten morgens um 4.30 Uhr aus dem bunk bed getrommelt und in den Magen geschlagen. Er krümmt sich und versucht verzweifelt, sich auf den Beinen zu halten. Beide Szenen stammen aus zwei ikonischen New Yorker Underground-Filmen der 1960er Jahre von Stan Brakhage und Jonas Mekas. Filmkritiker und -historiker J. Hoberman stellte sie im jüngst eröffneten neuen Standort des Arsenal-Kinos in Berlin-Wedding vor.

Im Keller unter dem Kino lagern zahllose Artikel Hobermans aus der Village Voice und anderen längst eingestellten Szenemedien der 70er-, 80er- und 90er-Jahre, erzählt Arsenal-Macherin Stefanie Schulte Strathaus. Sie verweist auch auf Hobermans persönliches Archiv. Der 78jährige hebt müde die Hand. Zu viele Zeitschriften und Memorabilia haben sich in seiner wahrscheinlich zu kleinen New Yorker Wohnung angesammelt. Für sein neues Buch über die 60er Jahre habe er dieses Archiv jedoch nicht konsultieren können, denn es reiche nicht so weit zurück – damals sei er noch zu jung gewesen, erzählt der 1948 Geborene. Für »Everything Is Now. The 1960s New York Avant-Garde – Primal Happenings, Underground Movies, Radical Pop« habe ihn die Zeit interessiert, die er als Kind und Jugendlicher nur fragmentarisch erlebt habe.

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So hat er sich durch die Mikrofiche-Ausgaben der Village Voice gearbeitet, des einflussreichen New Yorker Szenemagazins der Zeit. Wie er auf den Buchtitel »Everything Is Now« gekommen sei, fragt Schulte Strathaus. Das sei eine LSD-Erleuchtung gewesen, die er 1970 mit 19 gehabt habe, schmunzelt Hoberman. Wenig später, 1971, endet das Buch. Es beginnt mit Jack Kerouacs Auftritt im Artist’s Studio am 15. Februar 1959 in der Lower East Side. Heute ist die Rigorosität der Zensur, die Härte, mit der die puritanische Polizei gegen den Underground in Manhattan vorging, kaum noch vorstellbar.

Die Labore weigerten sich zunächst, Stan Brakhages eingangs erwähnten Film über die Geburt seines Kindes zu entwickeln. Der andere Film von Jonas Mekas zeigt die alltäglichen Misshandlungen von Gefangenen in einem Militärgefängnis des Marine Corp. Er basiert auf dem Theaterstück eines traumatisierten Insassen im bahnbrechenden Living Theater. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion musste Mekas die Inszenierung abfilmen. Am nächsten Morgen wurde das Theater von der Polizei geschlossen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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