Der Wunsch nach Wahrheit
Genozid an alevitischen Kurden: Ein neues Archiv macht Stimmen aus Dersim 1937/38 erstmals öffentlich zugänglich
Dersim 1937/38 – das ist die Chiffre für den Genozid an den Menschen jener Region in der Türkei, die seit 1934 Tunceli (»eiserne Faust«) heißt. Zehntausende überwiegend alevitische Dersim-Kurdinnen und -Kurden wurden damals vom türkischen Militär abgeschlachtet, die Überlebenden vertrieben, umgesiedelt, zwangsassimiliert, Kinder verschleppt und zwangsweise türkisiert. Bis heute prägt die Erinnerung an dieses Verbrechen Familien und Gemeinschaften weit über die Türkei hinaus. In Deutschland leben rund 200.000 Menschen mit Wurzeln in Dersim, viele von von ihnen engagieren sich für die Bewahrung der Geschichte ihrer Vorfahren.
Der 21. Mai 2026 markierte womöglich einen Wendepunkt. An diesem Tag wurden der Öffentlichkeit hundert Interviews Überlebender aus Dersim übergeben. Nachkommen hatten 2009 begonnen, die Erinnerungen der vor 17 Jahren noch lebenden Zeitzeugen aufzuzeichnen und systematisch zu dokumentieren. Das Dersim Kultur- und Geschichtszentrum e. V. (DKG) hat diese Arbeit gemeinsam mit der Ruhr-Universität Bochum jetzt zu einem vorläufigen Abschluss gebracht. Die Interviews wurden aus dem gesprochenen Kırmancki transkribiert, ins Deutsche und Türkische übersetzt und auf dem Portal Oral-History.Digital der Freien Universität Berlin veröffentlicht. Vorgestellt wurde das Projekt – gefördert von der früheren Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) – am 21. Mai im Rahmen der Fachtagung »Erzähltes Dersim 1937/38: Zeugnisse des Überlebens« im »Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung«. Es soll Forschung, Erinnerung und historische Aufarbeitung gleichermaßen ermöglichen.
Dersim, eine abgelegene Gebirgsregion in Ostanatolien, hatte nicht in die Modernisierungspolitik der türkischen Regierung unter Kemal Atatürk gepasst. In deren Nationalstaatskonzept war ethnische, religiöse und kulturelle Vielfalt nicht vorgesehen. Schon 1936 hatte die Regierung gefordert, »diese Wunde, diesen furchtbaren Eiter in unserem Innern« zu beseitigen. Die Menschen in Dersim waren überwiegend Aleviten, mit eigener Sprache und Kultur, die in Clanstrukturen zusammenlebten. Wie man lebt, arbeitet, Streit schlichtet und wirtschaftet, hatten sie selbst geregelt, wie Hüseyin-Kenan Aydin vom DKG in einem Interview im DLF Kultur (21.5.) erklärte. Sein Großvater war selbst Opfer der Gewalt. Lange vermittelte die offizielle Geschichtsschreibung, dass lediglich ein Aufstand widerständiger Stämme niedergeschlagen wurde. Dem durfte nicht widersprochen werden. »Unsere Vorfahren hatten Angst, dass sie ihre Kinder und Enkel Gefahren aussetzen, wenn sie ihnen die Wahrheit vermitteln.« Aber die »lügenbasierte Geschichtsschreibung« habe seit den 1990er Jahren Risse bekommen, der Wunsch nach einer »Wahrheitserzählung« sei in der Dersim-Community immer größer geworden.
Der jetzige Regierungschef der AKP, Recep Tayyip Erdoğan, bezeichnete das Verbrechen 2011 als »eine Katastrophe, die mutig hinterfragt werden sollte« – wohl auch im Versuch, die 1937/38 regierende CHP, die Partei Atatürks und seines Nachfolgers İsmet İnönü, politisch zu delegitimieren. Dass Militär und Sicherheitskräfte in der Region bis heute stark präsent sind und sich die Dersimer weiterhin Repressionen ausgesetzt sehen, blieb unerwähnt.
Die Zahl der Opfer ist umstritten, die türkische Regierung räumte 2011 knapp 14.000 Tote ein, kurdische Autorinnen und Autoren gehen von 50.000 bis 70.000 aus. Darunter waren auch Armenier, die zuvor nach Dersim geflohen waren. Die Frage, wie die Verbrechen von Dersim zu bewerten sind, ist bis heute politisch umkämpft. Der Jurist Hüseyin Çelik spricht von Völkermord, der Politikwissenschaftler Ismail Küpeli auf der Tagung von »Vernichtungsoperation«. Tertelê – der Tag, an dem die Welt unterging – nennen die Dersimer selbst die Ereignisse von 1937/38. Seit Mai 2025 erinnert ein Mahnmal in Berlin-Kreuzberg am Blücherplatz daran.
Joe Dunthorne berichtete in seinem Buch »Kinder des Radiums« über ein Chemiewaffengeschäft der türkischen Regierung mit Nazideutschland im April 1937. Auf Spurensuche in Dersim erfährt der britische Schriftsteller, dass sein jüdischer Urgroßvater, Chemiker in den Auer-Werken in Oranienburg bei Berlin, in der Emigration in Ankara weiter im Auftrag seiner Firma tätig war, von ihr bezahlt wurde und den Kontakt dorthin vermittelt hatte. »Die türkische Armee setzte in den Höhlen des Laç-Tals Chemiewaffen ein«, schrieb Dunthorne. Die Türkei nahm jüdische Migranten auf, wahrte gleichzeitig im Zweiten Weltkrieg Neutralität. Nazideutschland blieb ein wichtiger Handelspartner.
Der Schweizer Historiker Hans-Lukas Kieser betonte in seinem Vortrag bei der Fachtagung im Mai 2026 die langfristigen Folgen des Vertrags von Lausanne 1923, in dem die Siegermächte des Ersten Weltkriegs die Ergebnisse des Unabhängigkeitskriegs der türkischen Nationalbewegung anerkannten. Der »Bevölkerungsaustausch« zwischen der Türkei und Griechenland war stillschweigend gebilligt, Vertreibungen, Massaker und der von den Jungtürken organisierte Genozid an Armeniern und assyrischen Christen waren ignoriert worden. Das wurde später zur Blaupause für andere. Bekannt ist Hitlers Ausspruch vom August 1939, mit dem er seine Generäle auf den bevorstehenden Überfall auf Polen einstimmte: »Wer spricht denn heute noch von der Vernichtung der Armenier?«
Eine europäische Erinnerungspolitik müsse den Nahen und Mittleren Osten, diese bis heute konflikt- und kriegsgeschüttelte Region, zwingend einschließen, so Kieser. Seine Forderung ist hochaktuell. Ob Veranstaltungen wie diese weiterhin in diesem Hause stattfinden können? Der zuständige Bund der Vertriebenen arbeitet derzeit an einer »Renationalisierung« der Erinnerung und will sie auf das Leid der Deutschen beschränken.
⇒ www.oral-history.digital/news/2026-05-21-dersim.html
→ Projektbroschüre der Ruhr-Universität Bonn: Erzähltes Dersim 1937/38. Zeugnisse des Überlebens. Hrsg. v. Christian Gudehus und Alexander Husenbeth
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