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Europäische Rüstung

Boomende Bomber

Die Rüstungsindustrie wächst rasant, nicht nur in der Bundesrepublik. Ein Überblick zu den europäischen Herstellern von Mord- und Totschlag

Foto: IMAGO/Chris Emil Janßen
Mordsgeschäft auch in den kleineren Staaten. Die Rüstungsmesse »International Fair of Defence and Security Technology« im Mai 2025 im tschechischen Brno

Goldene Zeiten brechen an für die europäische Rüstungsindustrie. Alle reden von der Militarisierung des gesamten Kontinents. SIPRI, das schwedische Forschungsinstitut, das regelmäßig Daten zur globalen Aufrüstung publiziert, beziffert sie: Weltweit stiegen die Militärausgaben 2025 um 2,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nirgendwo aber schnellten sie so rasant in die Höhe wie in Europa, nämlich um 14 Prozent. In Deutschland, dem Land mit dem größten Streitkräftehaushalt auf dem gesamten Kontinent, schossen sie sogar um 24 Prozent nach oben, und damit ist, wie man weiß, nach dem Willen der Bundesregierung noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Europa führt die Militarisierung der Welt an, Deutschland treibt die Militarisierung Europas voran. Paradiesische Zeiten also für alle, die Mordgeräte herstellen – von Rheinmetall über TKMS bis hin zu Airbus De­fence & Space. In den europäischen NATO-Staaten gab es ein derart rasantes Rüstungswachstum, wie SIPRI konstatiert, zuletzt in der Hochphase des Kalten Kriegs – im Jahr 1953.

Die Rüstungsindustrie in Europa hatte schon vor dem beispiellosen Rüstungsboom, den im Jahr 2025 das 800 Milliarden Euro schwere EU-Programm »Rearm Europe« und insbesondere auch die zu großen Teilen schuldenfinanzierte deutsche Hochrüstung auslösten, ein beachtliches ökonomisches Gewicht. Der europäische Lobbyverband ASD (AeroSpace and Defence Industries Association of Europe), dem über 4.000 Unternehmen aus Luft- und Raumfahrt, Sicherheit und Rüstung angehören, bezifferte den Umsatz alleine der Rüstungsbranche 2024 auf 183,4 Milliarden Euro, einen Anstieg um 13,8 Prozent gegenüber 2023. Das war mehr als das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Sloweniens und Kroatiens zusammengenommen. Die Zahl der Beschäftigten in der Rüstungsindustrie belief sich laut ASD auf rund 633.000 Personen – 8,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch das Exportpotential der Branche war gewaltig. Es erreichte im Zeitraum von 2021 bis 2025 – die EU, Großbritannien, Norwegen und die Schweiz zusammengenommen – nach Angaben von SIPRI nahezu 32,7 Prozent aller Rüstungsexporte weltweit. Zum Vergleich: Die USA kamen auf 42 Prozent, Russland auf 6,8, China auf 5,6 Prozent.

USA vorne

Klar hinter den Vereinigten Staaten lag Europa im Jahr 2024 bei der Zahl seiner Unternehmen, die zu den 100 größten Rüstungskonzernen weltweit gehören. 39 davon kamen aus den USA, darunter fünf der sechs größten mit Lockheed Martin, RTX (Ex-Raytheon) und Northrop Grumman an der Spitze; sie erzielten einen Umsatz von zusammen 334 Milliarden US-Dollar. Europas 26 Rüstungskonzerne unter den Top 100 kamen auf 151 Milliarden US-Dollar. Ihr Rückstand liegt auch daran, dass die Vereinigten Staaten traditionell ein viel größeres Militärbudget haben. Während sie 2025 rund 954 Milliarden US-Dollar in ihre Streitkräfte steckten, gaben die europäischen NATO-Mitglieder dafür 559 Milliarden US-Dollar aus. Und auch wenn nur ein Teil davon in die Beschaffung neuer Waffen fließt und so die Rüstungsindustrie befeuert – auch dieser Teil ist in den USA viel größer als in Europa. Nun suchen die europäischen NATO-Staaten zwar mit der rasanten Steigerung ihrer Streitkräfteetats aufzuholen; doch der Plan von US-Präsident Donald Trump, den US-Wehretat auf 1,5 Billionen US-Dollar zu steigern, stellt sicher, dass die US-Konzerne weiter die Nase vorne haben.

Auf dem europäischen Kontinent nimmt Frankreich in der Rüstungsindustrie eine führende Stellung ein. Seine Waffenschmieden beliefern – wie diejenigen so gut wie jeden anderen Landes – nicht nur die eigenen Streitkräfte, sie exportieren ihre Produkte auch. In den Jahren von 2021 bis 2025 stellten sie die zweitgrößten Rüstungsexporte weltweit nach den USA, mit einem Anteil von 9,8 Prozent an sämtlichen Rüstungsexporten überhaupt. Vier der hundert weltgrößten Rüstungskonzerne kamen 2024 laut SIPRI aus Frankreich: das vor allem auf Elektronik spezialisierte Unternehmen Thales (Platz 15); der Konzern Safran (Platz 29), der Triebwerke und andere Flugzeugteile fertigt; die Naval Group (Platz 36), die Kriegsschiffe und U-Boote produziert, und Dassault Aviation (Platz 40) mit seinen Kampfjets »Mirage« und »Rafale«. Die starken Kapazitäten der französischen Rüstungsindustrie haben ihren Hintergrund darin, dass die Streitkräfte, wie es der Ökonom Claude Serfati in seiner 2017 publizierten Studie »Le militaire« im Detail nachgezeichnet hat, im französischen Staat eine herausragende Position innehaben, die sich in einer hohen Zahl von Auslandseinsätzen ausdrückt. 111 sollen es in den Jahren von 1991 bis 2015 gewesen sein. Paris hat sich seine Macht vor allem in seinen ehemaligen afrikanischen Kolonien lange Zeit in hohem Maß mit militärischen Mitteln gesichert.

Die Bedeutung der französischen Rüstungsindustrie spiegelt sich nicht zuletzt in ihrer Eigen­tümerstruktur wider. Bei den größten Rüstungskonzernen besitzt der französische Staat erheblichen bis dominanten Einfluss. An Thales hält er 26,6 Prozent der Anteile sowie 36,4 Prozent aller Stimmrechte, bei Safran sind es 11,58 Prozent der Anteile, bei der Naval Group sogar 62,25 Prozent. Zugleich haben Rüstungsindustrielle zuweilen großen gesellschaftlichen Einfluss. So kontrolliert die Dassault Group, deren Chef Laurent Dassault laut Forbes rund 8,4 Milliarden US-Dollar besitzt, nicht nur Dassault Aviation, sondern auch Frankreichs zweitgrößte landesweite Tageszeitung, den konservativen Le Figaro. Selbstverständlich nicht nur, aber doch in besonderem Maße setzt Paris Rüstungsexporte als Instrument der Außenpolitik ein. Frankreich war im Zeitraum von 2020 bis 2024 zweitgrößter Waffenlieferant etwa der Vereinigten Arabischen Emirate und Indiens, was exakt zu seinem Streben nach Einfluss im Mittleren Osten und im Indischen Ozean passt. Als die USA im September 2021 mit ihrem AUKUS-Pakt Frankreich als U- Boot-Lieferant aus Australien verdrängten, war dies ein herber Schlag auch für die Pariser Politik im Pazifik, wo bis heute mehrere französische Kolonien liegen.

Wechselnde Kooperationen

Eine wichtige Rolle spielt für Frankreich schon lange die rüstungsindustrielle Kooperation mit der Bundesrepublik. Daran hängt zum einen die Frage, ob es den beiden Hauptmächten der EU gelingt, dem Staatenbund eine gemeinsame rüstungsindustrielle Basis zu verpassen. Der Airbus-Konzern, ein deutsch-französisches Paradeprojekt, hat mit Airbus Defence and Space einen Rüstungsableger, der etwa das Transportflugzeug »A400M«, das Tankflugzeug »A330 MRTT« und diverse Drohnentypen herstellt. Das Unternehmen mit Sitz in Taufkirchen im Süden von München wird von SIPRI auf Platz 13 der Rangliste der größten Rüstungskonzerne weltweit geführt. Airbus war bzw. ist bei zwei europäischen Kampfjets – dem »Tornado« sowie dem »Eurofighter« – größter Anteilseigner vor BAE Systems (Großbritannien) und Leonardo (Italien). Jedoch ist bei beiden der französische Kampfjetspezialist Dassault schon in einer frühen Phase ausgestiegen und hat jeweils allein einen eigenen Jet entwickelt, die »Mirage« und die »Rafale«. Zahlreiche weitere deutsch-französische Rüstungsprojekte sind wegen Differenzen zwischen Berlin und Paris entweder eingestellt worden oder kommen nicht recht vom Fleck – der Kampfjet »FCAS« etwa und der Kampfpanzer »MGCS«.

Über eine starke Rüstungsindustrie verfügt auch Italien. Auf der SIPRI-Rüstungsrangliste stehen mit Leonardo (Ex-Finmeccanica) und Fincantieri zwei italienische Waffenschmieden auf Platz zwölf bzw. Platz 53. Fincantieri bietet Beispiele für die Rüstungszusammenarbeit zwischen Italien und Frankreich, die sich als mediterranes Gegengewicht gegen deutsche Dominanz begreifen lässt. Ein im Jahr 2017 eingeleiteter Zusammenschluss von Fincantieri und Chantiers de l’Atlantique, einer Traditionswerft in Saint-Nazaire an der Loire-Mündung, die etwa die Hubschrauberträger der »Mistral«-Klasse gebaut hat und Frankreichs nächsten Flugzeugträger fertigen soll, scheiterte 2021 – auch wegen Einwänden der EU-Kommission, der fusionierte Konzern könne eine marktbeherrschende Stellung einnehmen. Chantiers de l’Atlantique gehört heute zu 84,3 Prozent dem französischen Staat und zu 11,7 Prozent der Naval Group. Davon unabhängig baut Fincantieri gemeinsam mit Armaris aus Frankreich Fregatten der Klasse »FREMM«, die auch exportiert werden. Ein französisch-italienisches Projekt ist zudem das Flugabwehrsystem »SAMP/T«, das MBDA, Thales und Leonardo gemeinsam fertigen. Es rivalisiert mit dem US-System »Patriot« und wurde bei dem deutschen Projekt zum Aufbau eines europäischen Flugabwehrsystems, der »European Sky Shield Initiative« (ESSI), von Berlin gezielt zugunsten der US-Konkurrenz ausgebremst. Inzwischen hat es wieder bessere Chancen: Es profitiert von Europas Bestrebungen, der Abhängigkeit von den USA zu entkommen. Dänemark etwa sattelt auf »SAMP/T« um.

In Italien bleiben allerdings Widersprüche. Leonardo hat eng mit der US-Rüstungsbranche kooperiert und nicht zuletzt wichtige Teilaufträge bei der Fertigung des US-Paradekampfjets »F-35« übernommen. Heute setzt der Konzern stärker auf Europa und arbeitet etwa mit BAE Systems und Mitsubishi Heavy Industries (SIPRI-Rüstungsrangliste: Platz 32) aus Japan an einem Kampfjet der nächsten, sechsten Generation (»GCAP«, Global Combat Air Programme), der nicht nur mit dem wohl vor dem Scheitern stehenden deutsch-französischen »FCAS« rivalisiert, sondern auch mit US-Projekten wie dem Kampfjet »F-47«. Leonardo hat sich zudem 2024 mit der deutschen Rheinmetall zu einem Kampfpanzerprojekt zusammengetan, das im Kern in Konkurrenz nicht bloß zum deutsch-französischen »MGCS« steht, sondern auch zu US-Kampfpanzern. Die gezielte Hinwendung zu Europa wurde von dem seit 2023 amtierenden Konzernchef Roberto Cingolani umgesetzt, der, wie Mitte April 2026 bekannt wurde, auf Betreiben von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni seinen Posten verlieren wird. Wie zu hören ist, gab Meloni damit starkem Druck aus den Vereinigten Staaten nach. Dort ist, so heißt es, vor allem Leonardos Plan auf Unmut gestoßen, eine europäische »Flugabwehrkuppel« zu entwickeln, Projektname: »Michelangelo«. Meloni laviert also auch in Rüstungsfragen weiterhin zwischen Europa und den USA.

Italiens Rüstungsindustrie hat das Glück, dass der aktuelle Verteidigungsminister des Landes direkt aus ihren Reihen stammt: Guido Crosetto, der Melonis Partei Fratelli d’Italia angehört, war ab 2014 zunächst Präsident des Branchenverbandes AIAD (Aziende Italiane per l’Aerospazio, la Difesa e la Sicurezza), bevor er Berater bei Leonardo wurde sowie 2020 den Vorsitz beim Kriegsschiffbauer OSN (Orizzonte Sistemi Navali) übernahm, einem Joint Venture von Leonardo und Fincantieri. Das mag geholfen haben, Italiens Rüstungsexporte in den Jahren von 2021 bis 2025 um 157 Prozent gegenüber dem Fünfjahreszeitraum zuvor zu steigern und von Platz zehn auf Platz sechs der Weltrangliste der größten Waffenexporteure zu klettern.

Deutschland auf dem Vormarsch

Mit einem Anteil von 5,1 Prozent an allen Rüstungsexporten weltweit liegt Italien nicht mehr weit hinter Deutschland, das von Platz fünf auf Platz vier aufgestiegen ist – mit einem weltweiten Anteil von 5,7 Prozent. Unter den hundert weltgrößten Rüstungskonzernen finden sich vier deutsche – Rheinmetall (bei SIPRI Platz 20), TKMS (Platz 61), Hensoldt (Platz 62) und Diehl (Platz 67). Hinzuzählen könnte man noch KNDS (KMW + Nexter Defense Systems), einen deutsch-französischen Panzerbauer, der durch Zusammenschluss der deutschen KMW und der französischen Nexter entstanden ist. Die Führung liegt jedoch bei der deutschen Seite.

Die deutsche Rüstungsindustrie ist der entscheidende Faktor bei der Frage, wie es mit der Entwicklung der Branche in Europa in den kommenden Jahren weitergeht. Die Hochrüstung beschleunigt sich überall auf dem Kontinent rasant, aber nirgends so dramatisch wie in Deutschland. Die simple Ursache ist, dass mit dem fest eingeplanten deutschen Rüstungsetat von gut 150 Milliarden Euro ab 2029 kein anderer Staat mithalten kann. Berlin kann ihn finanzieren, indem es hemmungslos Kredite aufnimmt; andere, vor allem Paris und Rom, sind schon heute so stark verschuldet, dass ihnen dieser Weg versperrt ist. Frankreich peilt – dies unter Mobilisierung aller Mittel – einen Wehrhaushalt von 76,3 Milliarden Euro im Jahr 2030 an, die Hälfte des deutschen Ziels. Italien steckte 2025 rund 35,5 Milliarden Euro ins Militär, und es ist unklar, wo die Mittel für eine drastische weitere Aufstockung aufzutreiben sein sollen. Rheinmetall strebt für das Jahr 2030 einen Umsatz von 50 Milliarden Euro an. Damit läge der Konzern auf der SIPRI-Rangliste für 2024 auf Platz zwei – hinter Lockheed Martin mit einem Rüstungsumsatz von 64,7 Milliarden US-Dollar und vor RTX mit 43,6 Milliarden US-Dollar, weit vor der aktuellen europäischen Nummer eins, BAE Systems, mit 33,8 Milliarden US-Dollar und vor Leonardo (13,8 Milliarden US-Dollar). Weitere deutsche Unternehmen dürften zu den Top 100 stoßen. Die deutsche Branche ist auf dem Vormarsch.

Sie läge dann auch klar vor der Rüstungsindustrie Großbritanniens. Dort sehen Pläne der Regierung vor, das Militärbudget von aktuell rund 62,2 Milliarden britischen Pfund auf 73,5 Milliarden im Jahr 2029 zu steigern. Ob das gelingt, steht in den Sternen. Es kommt hinzu, dass die britische Rüstungsindustrie in den vergangenen Jahren auch beim Export gegenüber der europäischen Konkurrenz zurückgefallen ist und in den fünf Jahren von 2021 bis 2025 mit einem Anteil von 3,4 Prozent an allen Waffenausfuhren weltweit nur noch auf Platz acht der Weltrangliste lag – deutlich nicht zuletzt hinter Deutschland. Britische Waffenschmieden stehen zudem vor der Frage, wohin sie ihre Ausfuhren schicken. Das Vereinigte Königreich lieferte zuletzt 14 Prozent seiner Rüstungsexporte in die USA. Höhere Anteile verzeichneten laut SIPRI nur die Niederlande (20 Prozent) und Norwegen (33 Prozent). Andererseits hat London begonnen, sich mit Blick auf die Spannungen mit der Trump-Administration auch in Rüstungsfragen dem europäischen Kontinent anzunähern. Schwer wiegt, dass bei Aufträgen, die aus dem 150 Milliarden Euro starken EU-Kreditprogramm »SAFE« (Security Action for Europe) finanziert werden, britische Unternehmen nicht zum Zuge kommen dürfen, denn das Geld ist im Kern nur für EU-Firmen vorgesehen. Ein Versuch, dies wie im Fall Kanadas per Ausnahmevertrag zu ermöglichen, scheiterte Ende 2025. Das könnte britische Unternehmen in der Rüstungsrivalität weiter zurückwerfen.

Bleiben von den Ländern, die Experten zuweilen als die »sechs Großen« der europäischen Rüstungsindustrie bezeichnen, nach Frankreich, Italien, Deutschland und Großbritannien noch Spanien und Schweden. Spanien verfügt über eine starke militärische Luftfahrtindustrie, die letzten Endes auf den Traditionsflugzeugbauer CASA (Construcciones Aeronáuticas) zurückgeht. Dieser wurde 1999 in EADS, später dann in den Airbus-Konzern integriert. Heute ist Airbus Defence & Space auf dieser Grundlage mit beinahe 9.000 Beschäftigten an fünf Standorten in Spanien vertreten. Sie beteiligen sich an der Herstellung des »A400M« und des »A330 MRTT« und sind zudem in die Entwicklung des »FCAS« eingebunden. Spanien hat auf heftigen Druck vor allem aus den USA seinen Rüstungshaushalt für 2025 auf 40,2 Milliarden Euro aufgestockt, weigert sich aber, die in der NATO inzwischen akzeptierten 3,5 oder gar 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu übernehmen. Seine Rüstungsindustrie ist deshalb stark auf Exporte angewiesen, die zu Beginn der 2020er Jahre stolze 84 Prozent der gesamten Rüstungsverkäufe ausmachten. Spanien war zuletzt zehntgrößter Waffenexporteur der Welt. Es kooperiert in der Rüstungsindustrie recht eng mit der Türkei, die zuletzt sein zweitgrößter Rüstungskunde war. Die Staatswerft Navantia etwa hat gemeinsam mit der türkischen Werft Sedef Shipyard den ersten Drohnenträger der türkischen Marine gebaut, die »TCG Anadolu«. Man darf das strategisch als mediterranes Gegengewicht gegen nordeuropäische Hegemonie einstufen.

ITAR-free

Schweden verdankt seine starke Rüstungsindustrie der Tatsache, dass es bis vor kurzem militärisch neutral war und seine Neutralität dabei auch auf eigenständige Waffenschmieden stützte. Prominentestes Beispiel ist Saab AB. Der Konzern hat es im Jahr 2024 auf der SIPRI-Rangliste der 100 größten Waffenschmieden weltweit auf Platz 28 gebracht. Bekannt ist er vor allem für seinen Kampfjet namens »JAS 39 Gripen«, der von Tschechien und Ungarn, von Brasilien, Südafrika und Thailand genutzt wird. Der »Gripen« gilt als gleichwertig mit dem »Eurofigher«, der »Rafale« oder den jüngeren Varianten des US-Jets »F/A-18«. Nicht der »Gripen«, aber diverse andere Saab-Produkte sind ITAR-free, wie es in der Branche heißt. ITAR ist das US-Regelwerk zur Rüstungsexportkontrolle, dem jeder unterliegt, der für seine Produkte US-Bauteile nutzt. ITAR-free bedeutet: Solche Bauteile werden für ein bestimmtes Produkt nicht verwendet; man kann es also ins Ausland verkaufen, ohne in Washington um Erlaubnis zu fragen. Besonders Frankreich produziert gern ITAR-free. Saab war in Deutschland zuletzt im Gespräch, als Berlin sich nach Alternativen zum »FCAS« umzusehen begann. Der Konzern ist in der Lage, eigenständig einen ganzen Kampfjet zu bauen, und er traut sich die Entwicklung eines Jets der sechsten Generation durchaus zu. Nebenbei: Saab produziert gemeinsam mit MBDA Deutschland den Marschflugkörper »Taurus«.

Neben den großen Rüstungsstaaten haben auch einige kleinere ihre Nischen gefunden. Da wäre zum Beispiel die Tschechoslowakei mit der Czechoslovak Group (CSG) aus Prag. Die Firma produziert unter anderem Munition. Sie hat es vermocht, ihren Rüstungsumsatz von 2023 bis 2024 um 193 Prozent auf 3,63 Milliarden US-Dollar zu steigern. Das reichte auf der SIPRI-Rangliste für Platz 46. Wie das? Nun, im Jahr 2024 erzielte die Firma 51 Prozent ihres Umsatzes mit Lieferungen an die Ukraine. Das war möglich, weil es eine Initiative gab, die Kiew beim Erwerb von Munition unterstützte. Auswärtige Geber hätten seit 2024 rund 4,5 Milliarden US-Dollar dafür gespendet, teilte die tschechische Verteidigungsministerin Jana Černochová im Oktober 2025 mit. Bei der Initiative handelte es sich um die »Czech Ammunition Initiative«, die Präsident Petr Pavel im Februar 2024 gestartet hatte – offiziell, um ganz uneigennützig die Ukraine mit Munition auszustatten. Bis Februar 2026 wurden 4,4 Millionen Artilleriegranaten geliefert. Vor allem aber ermöglichte es die Initiative von Pavel, einem ehemaligen Vorsitzenden des NATO-Militärausschusses, dass die CSG ihren Umsatz und ihren Profit dank subventionierter Munitionsexporte in die Ukraine gewaltig steigerte und zu einem kleinen Rüstungsriesen aufstieg. Anfang 2026 firmierte sie sogar als Osteuropas wertvollstes börsennotiertes Unternehmen.

Die CSG expandiert zudem. In Deutschland hat sie sich eine Nitrozellulosefabrik und damit einen wichtigen Grundstoff für ihre Munitionsproduktion gesichert. In Ungarn ist sie mit 49 Prozent bei 4iG Space & Defence Technologies und damit indirekt auch bei der Rába Automotive Holding eingestiegen und dadurch jetzt an der Produktion Tausender Fahrzeuge für die ungarischen Streitkräfte und an einem Fahrzeugexportprogramm beteiligt, das rund eine Milliarde Euro einbringen soll. Zudem hat sie mit Polens Staatskonzern Polska Grupa Zbrojeniowa (PGZ) auf eine Kooperationsvereinbarung geschlossen, die unter anderem eine gemeinsame Entwicklung und Produktion von Antrieben für Drohnen und Raketen und eine gemeinsame Munitionsherstellung vorsieht. »Die Verteidigungsindustrie«, zitierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung im März Tschechiens Wirtschaftsminister Karel Havlíček, »wird, was Umsatz, Export und Wertschöpfung angeht, ein wichtigerer Teil unserer Wirtschaft werden«. Von der Aufbruchstimmung in der osteuropäischen Rüstungsindustrie profitiert dabei auch Rheinmetall. Der deutsche Konzern hat in Bulgarien, Rumänien, Lettland und Litauen Joint Ventures gegründet, um dort jeweils Munition zu produzieren. In Ungarn baut er bereits Schützenpanzer des Modells »Lynx«.

Europäische »Champions«

Bliebe zu erwähnen, dass die europäische Rüstungsindustrie mittlerweile in einigen Sparten transnational organisiert ist – und zwar nicht nur in Form von Airbus Defence & Space. Zwar sind die Bestrebungen, große Monopole zu schaffen – die Rede ist meist von »europäischen Champions« –, noch längst nicht zum Erfolg gelangt. Doch es gibt einige Ansätze dafür. Ein Beispiel ist MBDA, ein Unternehmen mit Standorten vor allem in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien, in dem die Entwicklung und die Produktion von Lenkflugkörpern gebündelt ist. Gegründet wurde es 2001 – nach einer komplexen Reihe bereits zuvor durchgeführter Fusionen – von Aérospatiale-Matra Missiles (Frankreich), der Flugkörpersparte von Alenia Marconi (Italien) sowie Matra BAe Dynamics (Großbritannien). 2006 stieß die LFK-Lenkflugkörpersysteme GmbH aus Schrobenhausen etwas nördlich von München hinzu, die seither als MBDA Deutschland firmiert. Die nationalen Segmente von MBDA sind im Kern weiterhin eigenständig handlungsfähig. So wird das französisch-italienische Flugabwehrsystem »SAMP/T« von Thales, Leonardo, MBDA France sowie MBDA Italia gefertigt, während MBDA Deutschland Raketen für das rivalisierende US-System »Patriot« herstellt. Die Marschflugkörper »Storm Shadow« und »SCALP«, die man aus dem Ukraine-Krieg kennt, werden in britischen und französischen Werken von MBDA produziert, während der Marschflugkörper »Taurus« von Saab AB und MBDA Deutschland gefertigt wird. Der »Taurus« wurde parallel zu dem Gemeinschaftsprodukt »Storm Shadow/SCALP« entwickelt – ein Beispiel dafür, wie europaweite Kooperationen bis heute gebremst werden von den unverändert dominanten Interessen des jeweiligen nationalen Kapitals.

→ Jörg Kronauer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 31. Januar 2026 über den Operationsplan Deutschland: »Gesellschaft, bei Fuß!«

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.04.2026, Seite 12, Thema

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