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25.04.2026
- → Kapital & Arbeit
Alle Scheinwerfer auf China
Weltweit größte Kfz-Messe offenbart Risiken und Chancen für globale Autokonzerne. VW hält an Produktion in Volksrepublik fest
Sie wird wohl erneut Rekorde brechen, die Kfz-Messe »Auto China 2026«, die am Freitag in Beijing eröffnet wurde. Insgesamt 1.451 Fahrzeuge sollen dort laut Angaben der Veranstalter zu sehen sein, darunter 181 Weltneuheiten und 71 sogenannte Concept Cars, die Einblicke in die Zukunftspläne der Autohersteller gewähren. Bis zum 3. Mai dauert die Veranstaltung, die heute als die größte ihrer Art weltweit gilt. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen sich die damals noch in Frankfurt am Main abgehaltene Internationale Automobil-Ausstellung mit diesem Titel schmücken konnte. Maßgebliche Entwicklungen der Branche gibt es heute weniger in Deutschland, sondern vielmehr in China.
Der Automarkt der Volksrepublik ist allerdings zur Zeit in heftige Turbulenzen geraten. Beijing ist zu der Ansicht gelangt, dass der chinesischen Elektroautobranche inzwischen der Durchbruch an die Weltspitze gelungen ist. Deshalb sieht der neue Fünfjahresplan keine besondere Förderung mehr für sie vor. Entsprechend wurden zu Jahresbeginn Steuervorteile beim Kauf von Elektro- und Hybridfahrzeugen reduziert. Das hat den Markt drastisch einbrechen lassen. Inzwischen beginnt er sich wieder zu erholen, zumal der durch den Iran-Krieg stark in die Höhe getriebene Ölpreis dem Umstieg auf Elektroautos neuen Schwung verleiht. Gleichzeitig erschüttert weiter ein heftiger Preiskampf die Branche. Die Aussicht auf lukrative Geschäfte und staatliche Förderung hat in China mehr Elektroautohersteller entstehen lassen, als auf Dauer Bestand haben können. Die Konkurrenz zwischen ihnen ist im vergangenen Jahr rabiat eskaliert, nicht alle Produzenten werden sich auf Dauer halten können. Welche durchkommen, ist längst nicht klar.
Das gilt auch für die deutschen Kfz-Konzerne, für die China lange der große Hoffnungsmarkt war. Kürzlich machte in Deutschland eine vermeintliche Erfolgsmeldung die Runde: VW lag zu Jahresbeginn auf der Rangliste der Hersteller mit den meisten verkauften Neuwagen urplötzlich wieder vorn. Hatte der Konzern, der zuvor mit dem Rückgang seines Absatzes zu kämpfen hatte, die Wende erreicht? Nein. Weil der Elektroautomarkt krass eingebrochen war, fielen die Verbrenner, bei denen Volkswagen nach wie vor stark ist, kurzfristig wieder mehr ins Gewicht. Sie bleiben allerdings ein Auslaufmodell – und bei Elektroautos, auf die es in Zukunft ankommt, fiel der Marktanteil aller deutschen Hersteller zusammen im ersten Quartal 2026 laut Handelsblatt auf den historischen Tiefststand von 1,6 Prozent. Für 2030 geht VW-China-Chef Ralf Brandstätter nicht mehr von 3,5 bis vier Millionen verkauften Autos pro Jahr aus, sondern, wie er diese Woche mitteilte, nur noch von 3,2 Millionen. Zum Vergleich: 2019 waren es 4,2 Millionen. Chinas Kfz-Markt insgesamt dürfte weiter wachsen, von aktuell rund 24 auf 26 bis 28 Millionen Neuwagen im Jahr 2030.
VW, der in China mit Abstand stärkste deutsche Kfz-Konzern, setzt dennoch weiter auf die Volksrepublik. Zum einen gilt das Land längst als wichtigster Standort für Forschung und Entwicklung – nicht nur wegen der niedrigeren Kosten, sondern zunehmend auch wegen des in China deutlich höheren Innovationstempos. Zum anderen glaubt VW, künftig von China aus Drittstaaten im globalen Süden in großem Stil beliefern zu können. Dort stehe man ohnehin im Wettbewerb mit chinesischen Herstellern, heißt es bei dem Konzern. Habe man bisher »in China für China« produziert, so orientiere man nun auf »in China für die Welt«.
Kfz-Hersteller der Volksrepublik wiederum steigern ihre Exporte nicht nur allgemein. Im März lieferten sie fast 350.000 Elektro- und Hybridfahrzeuge ins Ausland, rund 140 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Sie haben außerdem weiterhin auch Europa im Visier, nicht zuletzt wegen der extremen Konkurrenzlage in der Volksrepublik. Der Anteil chinesischer Neuwagen in Deutschland stieg von 1,7 Prozent im Jahr 2024 auf 3,1 Prozent im ersten Quartal 2026. EU-weit kamen in den ersten beiden Monaten 2026 allein SAIC auf 1,9 und BYD auf 1,8 Prozent. Zudem beginnt die Produktion in Europa selbst. BYD hat kürzlich die Probefertigung in seinem Werk im ungarischen Szeged aufgenommen und wird bald in die Serienfertigung einsteigen. VW hingegen baut Produktionskapazitäten ab. Laut Konzernchef Oliver Blume sollen sie weltweit von zehn auf neun Millionen Autos pro Jahr sinken. Niedersachsens Ministerpräsident Oliver Lies hat jetzt in der Neuen Osnabrücker Zeitung vorgeschlagen, in den nicht mehr genutzten deutschen VW-Werken in Zukunft chinesische Autos zu bauen: Das sichere, erläuterte er, immerhin Arbeitsplätze.
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