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Aus: Ausgabe vom 16.12.2025, Seite 1 / Titel
Krieg in der Ukraine

Berlin gibt den Caterer

Ukraine-Gespräche in der Bundeshauptstadt: Selenskij erklärt Bereitschaft zu Verzicht auf NATO-Beitritt. BRD will ukrainisches Rüstungs-Know-how abschöpfen
Von Reinhard Lauterbach
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Die Bundesregierung stellte Schutz und das Kanzleramt für die Verhandlungen zur Verfügung, mitreden durfte sie nicht (14.12.2025)

Die Gespräche zwischen den USA und der Ukraine im Berliner Kanzleramt sind am Montag mittag nach zweitägiger Dauer zu Ende gegangen. Über Ergebnisse wurde zunächst nichts mitgeteilt. Die als Gastgeberin fungierende Bundesregierung war ebensowenig wie andere EU-Staaten in die Gespräche einbezogen. Auf einer Pressekonferenz am Montag morgen wusste Regierungssprecher Stefan Kornelius nur zu berichten, dass die beiden US-Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner zu einem gemeinsamen Abendessen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) mit mehreren EU-Regierungschefs eingeladen seien. Ob sie teilnehmen würden, konnte er nicht sagen.

Der Eindruck, dass die Bundesregierung in den Gesprächen keine relevante Rolle spielte, wird verstärkt durch Aussagen von Kornelius, dass er nicht wisse, ob es bei den US-Ukraine-Gesprächen auch Kontakte zu Russland gegeben habe. Er könne dazu nichts sagen, so Kornelius; von der Bundesregierung sei jedenfalls keine Initiative dazu ausgegangen, und es gebe derzeit auch keine Pläne der Merz-Regierung, das Gespräch mit Russland zu suchen.

Am Sonntag hatte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij erstmals signalisiert, dass er bereit sein könnte, auf den ukrainischen Anspruch auf NATO-Mitgliedschaft zu verzichten. Bedingung dafür seien aber entsprechende Sicherheitsgarantien von seiten der USA nach dem Vorbild von Artikel 5 des NATO-Status. Allerdings hat Artikel 5 gerade keinen Beistandsautomatismus zum Inhalt. Er besagt vielmehr, dass im Falle eines Angriffs die übrigen Mitgliedstaaten dem angegriffenen Land in der Weise zu Hilfe kommen, die sie für geeignet und zweckmäßig halten.

Aus Russland kam die erste vorsichtig positive Reaktion auf die Berliner Gespräche zwischen USA und Ukraine. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte, die NATO-Frage sei ein »Eckpfeiler« aller Gespräche über ein Ende des Krieges; ein eventueller ukrainischer Verzicht müsse aber völkerrechtlich verbindlich erklärt werden. Peskow erklärte, Russland erwarte nun eine offizielle Unterrichtung durch die USA. Präsident Wladimir Putin sei bereit für einen Frieden, aber er habe kein Interesse an »irgendwelchen Tricks, die nur darauf abzielten, Zeit zu schinden und künstliche befristete Atempausen für die Ukraine zu schaffen«.

Wo ein Interesse der BRD am Ukraine-Konflikt liegt, wird aus einem am Montag bekanntgewordenen Zehnpunkteplan zur Rüstungszusammenarbeit mit der Ukraine deutlich. Die Bundesregierung strebe an, gemeinsam mit europäischen Partnern Rüstungsgüter zu beschaffen, etwa Drohnen aus ukrainischer Produktion.

Unterdessen war Außenminister Johann Wadephul am Montag in Italien. Sein erklärtes Ziel war, die italienische Skepsis gegen die dauerhafte Beschlagnahme russischen Staatsvermögens zu überwinden. Ähnliche Versuche des Kanzlers in Belgien hatten letzte Woche nichts gebracht. Russland verklagte inzwischen die belgische Finanzinstitution Euroclear auf Schadenersatz in Höhe von 195 Milliarden Euro für den Fall, dass es tatsächlich zur Einziehung des russischen Geldes kommen sollte. Nach Informationen des britischen Portals Intellinews sind nach wie vor Belgien, Italien, Tschechien, die Slowakei, Ungarn und Zypern gegen den Plan. Sollte der EU-Gipfel in der zweiten Wochenhälfte den Konfiskationsplan nicht absegnen, steht die weitere finanzielle Unterstützung der Ukraine auf der Kippe.

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  • Leserbrief von Wilfried Schubert aus Güstrow (17. Dezember 2025 um 11:06 Uhr)
    Mit viel Pomp fand ein NATO-ukrainisches Treffen in Berlin, zum Krieg in der Ukraine statt. Trotz des russisch-ukrainischen Krieges war Russland, obwohl Kriegsbeteiligter, nicht vertreten. Als Ergebnis wurde erreicht, dass die Ukraine, auf einen NATO‑Beitritt verzichtet. Eine mögliche Waffenruhe soll eine multinationale Truppe sichern. Russland stimmt dem nicht zu, es hätte dann die NATO an seiner Grenze. Des Weiteren während der Zeit einer Waffenruhe kann die Ukraine ihre Kriegstüchtigkeit, mit Unterstützung der NATO, erhöhen. Auch gemeinsame Rüstungsvorhaben Deutschlands mit der Ukraine sind einem Frieden nicht dienlich. Hinzu kommt, der geplante Diebstahl von 210 Mrd. Euro eingefrorener russischer Vermögenswerte, die der Ukraine zur Nutzung übergeben werden sollen. Das Berliner Treffen ist dem Frieden in der Ukraine nicht nennenswert nähergekommen. Viel Trara, aber außer Spesen nichts gewesen.
  • Leserbrief von Hayen (16. Dezember 2025 um 11:29 Uhr)
    Ich bin fast erschlagen von der ständig steigenden diplomatischen Hektik, die von schrillen Medien begleitet wird. Geht es darum, dass der Westen den Russen einen Waffenstillstand diktieren will und den befürchteten Diktatfrieden von Russland zu verunmöglichen?
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (16. Dezember 2025 um 10:42 Uhr)
    Das Abendmahl 2.0: Berlin fungierte bei diesen Gesprächen offenkundig nicht als politischer Akteur, sondern lediglich als Partyservice: Räume, Speisen, Getränke – mehr nicht. An den eigentlichen Verhandlungen war die Bundesregierung nicht beteiligt; informiert wurde sie offenbar erst im Nachhinein beim gemeinsamen »Abendmahl«. Zur eigentlichen Sache: In den Medien kursiert erneut eine in sich widersprüchliche Darstellung. So heißt es, der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij habe erstmals signalisiert, auf einen NATO-Beitritt verzichten zu wollen – allerdings nur unter der Bedingung von Sicherheitsgarantien der USA nach dem Vorbild von Artikel 5 der NATO. Das ist faktisch kaum mehr als ein semantischer Trick, denn eine solche Garantie käme einem NATO-Beitritt durch die Hintertür sehr nahe. Auffällig ist zudem, dass Selenskij weiterhin so präsentiert wird, als verfüge er über substanzielle politische Gestaltungsmacht. Tatsächlich befindet sich die Ukraine wirtschaftlich, militärisch und gesellschaftlich in einem Zustand weitgehender Erschöpfung und ist vollständig von externer Unterstützung abhängig. Unstrittig ist: Russland hat den Krieg begonnen. Ebenso unstrittig ist jedoch, dass Moskau zuvor wiederholt darauf hingewiesen hat, dass die Ukraine – wie im Budapester Memorandum von 1994 festgeschrieben – bündnisneutral bleiben solle. Russland verstand sich dabei als Garantiemacht dieser Ordnung und behauptet nun, diese Rolle militärisch durchzusetzen. Ob man diese Argumentation teilt oder nicht: Juristische Spitzfindigkeiten und diplomatische Wortakrobatik werden an dieser Realität kaum noch etwas ändern.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (17. Dezember 2025 um 12:09 Uhr)
      Eine Verpflichtung zur Neutralität der Ukraine ist im Budapester Memorandum so nicht enthalten. Man könnte allenfalls die in der ukrainischen Verfassung damals enthaltene Neutralitätspflicht als wesentliche Vertragsvoraussetzung im Sinne des Artikels 62 des Wiener Übereinkommens über das Recht der Verträge interpretieren. Bei Wegfall so einer Voraussetzung könnte ein Vertrag (hier das Budapester Memorandum) gekündigt werden. Dass Russland das gemacht hätte, ist mir nicht bekannt. Vielmehr gesteht das Budapester Memorandum den Garantiestaaten – also auch Russland – ein Selbstverteidigungsrecht gegen die Ukraine ausdrücklich zu. Russland beruft sich entsprechend auf das kollektive Selbstverteidigungsrecht der Donbassrepubliken (Artikel 51 der UN-Charta) gegen die seit Mitte Februar 2022 eskalierende Gewalt dort. Vor dem russischen Kriegeintritt ist ein Beistandsabkommen zwischen Russland und den Donbassrepubliken geschlossen worden, das gemäß dem völkerrechtlichen Prinzip der Bündnisfreiheit die rechtliche Grundlage für den Kriegseintritt darstellt. Ausschlaggebend könnte die nukleare Drohung Selenksijs auf der Münchner Sicherheitskonferenz wenige Tage zuvor gewesen sein. Dass russische Sorge vor einer westlichen Zerschlagungsstrategie gegenüber der Russischen Föderation als Motiv mit hineinspielte, sei geschenkt. Die westliche Einmischung in die Maidan-Proteste 2013/2014 war ja ein klarer Verstoß gegen die auch im Budapester Memorandum bekräftigte KSZE-Schlussakte von Helsinki, speziell gegen das auch dort niedergelegte Prinzip des Verbots der Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten. Und Pläne zur Zerlegung Russlands kursieren in westlichen Thinktanks zur Genüge. Allein für sich stellen die natürlich keine Aggression im Sinne des Artikel 51 UN-Charta dar, in Verbindung mit der tatsächlichen militärischen Gewalt wirken sie aber unzweifelhaft kriegsfördernd.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (15. Dezember 2025 um 23:11 Uhr)
    Danke, Herr Lauterbach, für die viele gute Laune, die Sie stiften: 1 Kanzler der BRD, der als Veranstaltungstechniker viele Millionen »in die Hand nimmt«, um für die geladenen Gäste zu sorgen, denen Fernmündliches ein Grauen ist, aber die dringend in Berlin empfangen werden wollen. Aus Geltungsdrang? Vergleichbar mit den deutschen Reisekaisern (nach Charles Higounet bereits mit Otto dem Ersten), die zum eigenen Machterhalt permanent Präsenz nicht schaffen, sondern illustrieren mussten. - Vom Reisekaiser zum Reisekaspar/Reisekomiker/Reiseclown/Reiseclon und damit am besten nach Öffentlichkeit gierender/süchtiger Person – zu bedeutsam für ein Telefon? Herr Selenskij. Der eine Neuwahl im Herrschaftsbereich scheut? Weil akzeptable Umfragen auch ausländischer Quellen zumindest andeuten, wessen Politik wohl am Ende und gescheitert ist, liebes reduziertes ukrainisches Parlament? (Es wurde 1935/36 einberufen und heißt bis in die Gegenwart Oberster Sowjet.)

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