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Kirche und Krieg

Umfassend einsatzbereit

Wenn demnächst im Krieg gestorben wird, sind die Kirchen zur Stelle. Sie wollen seelsorgerisch wirken und Halt geben, wie ein gemeinsames Papier von Evangelischer und Katholischer Kirche erklärt. Den Krieg stellen sie nicht in Frage

Foto: Patrick Pleul/dpa
Auch den zukünftigen »Gefallenen« will die Kirche ihre »besondere Fürsorge« zugute kommen lassen. Der evangelische Militärbischof Gerhard Felmberg segnet tote Wehrmachtssoldaten auf dem Waldfriedhof Halbe (30.4.2025)

Im November 2025 stellte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ihre neue Denkschrift der Öffentlichkeit vor: »Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick, Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen«. Sie liest sich wie eine regierungsamtliche Stellungnahme in christlichem Gewand, geschmückt mit Bibelzitaten.

Kurz darauf führte die Evangelische Akademie Berlin, zusammen mit zwei anderen evangelischen Akademien, eine Veranstaltung zu dieser Denkschrift durch. Außenminister Johann Wadephul (CDU) hielt die einleitende Rede. An einer Podiumsdiskussion nahm auch eine ehemalige Angestellte der NATO teil, kontroverse Positionen kamen nicht zur Sprache. Eine einzige Nachfrage aus dem Publikum war zugelassen, wurde aber beiseite geschoben.

Institutionen und Einzelpersonen kritisieren die Denkschrift heftig.¹ Scharf widersprach auch der Vorstand der Bonhoeffer-Niemöller-Stiftung: »Das Ziel, die Institution des Krieges aus der internationalen Politik zu entfernen, ist aufgegeben. Damit fällt die Schrift hinter die Charta der Vereinten Nationen und hinter den aktuellen friedensethischen Diskurs zurück.«

Vorbereitung auf den Krisenfall

Bei der Denkschrift geht es um Theorie. Ganz und gar praktisch aber wird das Thema von einem Dokument behandelt, das die EKD und die Deutsche Bischofskonferenz (DBK, das leitende Gremium der deutschen Katholiken) gemeinsam beschlossen haben. Seit kurzem findet es sich im Internet, wird aber nicht wie die Denkschrift offiziell bekannt gemacht, zumindest zur Zeit noch nicht, sondern ist ein »internes Arbeitspapier« mit dem Titel »Ökumenisches Rahmenkonzept: Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall«.²

Die drei Begriffe aus der Überschrift »Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall« ziehen sich durch den gesamten Text wie ein roter Faden. Im Spannungsfall »steht eine militärische Auseinandersetzung bevor, auf die sich Deutschland und seine Bündnispartner vorbereiten«. Der Bündnisfall tritt ein, wenn ein oder mehrere Mitgliedstaaten der NATO oder EU »angegriffen werden. Damit tritt Deutschland ggf. in einen internationalen bewaffneten Konflikt ein, ist aber selbst nicht Ort der militärischen Auseinandersetzung. Im Verteidigungsfall wird Deutschland selbst durch militärische Kräfte angegriffen und wird somit zum Gebiet militärischer Auseinandersetzungen.«

Das am häufigsten gebrauchte Wort ist »Krise« in verschiedenen Zusammensetzungen: etwa »krisensensible Seelsorge«. Im Bereich der Militärseelsorge ist »ein Lagezentrum zu etablieren, das im Krisenfall rund um die Uhr besetzt ist«. Der Text ersetzt das Wort im weiteren Verlauf auch durch »Ernstfall« oder »Ereignisfall« oder »verheerende Ereignisse«. Genau das ist der Duktus des gesamten Papiers: Zu Beginn klingen die Worte verhältnismäßig sachlich, nennen dann zunehmend die Kriegswirklichkeit mit Verwundeten und Toten, wobei allerdings der Begriff »Krieg« nirgends vorkommt. Die Herausforderungen – ebenfalls ein häufig gebrauchtes Wort – werden härter, beispielsweise im Gesundheitssystem: »Kapazitäten für verletzte Soldaten, möglicherweise auch Zivilisten, und psychisch überlastete Personen greifen tief in den Regelbetrieb ein und können selbstverständlich gewordene Standards der bestmöglichen individualmedizinischen Versorgung außer Kraft setzen. Triagierungen und die damit verbundenen Herausforderungen sind hier nur eine mögliche Intervention.«

Auch »Sicherheit« ist ein oft benutzter Begriff. Er soll beruhigen, denn angeblich sind die Regierungsverantwortlichen seit Jahren für unsere Sicherheit tätig – bis hin zum »Konzept der integrierten Sicherheit«, das das Auswärtige Amt 2023 herausgegeben hat unter dem Titel »Wehrhaft, Resilient, Nachhaltig. Integrierte Sicherheit für Deutschland. Nationale Sicherheitsstrategie«. Für die Seelsorge bringt die »veränderte Sicherheitslage« besondere Herausforderungen mit sich; beispielsweise werde sie mit bisher nicht gekannten Verletzungen konfrontiert und müsse auch mit eigenen Sorgen und Ängsten umgehen.

Auch vom Frieden ist eingangs die Rede: Selbstverständlich wissen sich die Kirchen dem Frieden verpflichtet: »Wer aus Gottes Frieden lebt, tritt für gerechten Frieden ein«, lautet der erste Satz. Damit knüpft das gemeinsame Papier wörtlich an die evangelische Denkschrift an, die den Begriff des gerechten Friedens schon im Titel trägt. Dieser verschwommene Begriff findet keine Klärung durch die weitschweifigen Ausführungen im aktuellen gemeinsamen Papier. Vielmehr gehe es in diesem Text »darum, sich auf Situationen vorzubereiten, in denen alle Friedensbemühungen gescheitert sind. Nicht zuletzt der russische Angriffskrieg auf die Ukraine zeigt, dass so ein Fall tatsächlich eintreten kann.«

Damit nennt gleich der erste Absatz den Ausgangspunkt des Papiers und bekräftigt ihn etwas später: »Deutschland und seine europäischen Nachbarn sind jetzt schon Angriffsziel: hybride Bedrohungen, Angriffe auf die kritische Infrastruktur, Cyberattacken sind nur einige Stichpunkte. Alle relevanten Akteure aus Militär, Nachrichtendiensten und Wissenschaften warnen davor, dass Russland bereits vor Ende dieses Jahrzehnts in der Lage sein könnte, NATO-Gebiet anzugreifen.«

Keiner dieser Begriffe wird belegt, kein »relevanter Akteur« wird beim Namen genannt; dafür soll vielleicht das Wort »alle« die Glaubwürdigkeit dieser Behauptung unterstreichen. Während des diesjährigen Berliner Ostermarsches am 4. April hat Lühr Henken in seiner Rede nachgewiesen, dass diese Behauptung nicht stimmt. Aber für die Verfasser des Papiers ist er gewiss kein relevanter Akteur!³

Stabilisieren und orientieren

Das gemeinsame Papier hat drei Hauptteile und beginnt mit »Rolle und Kontext«. Dieser Teil kann hier vernachlässigt werden, da ihn der dritte Teil »Aufgabenfelder« ausführlich behandelt. Die wichtigste Aussage des zweiten Teils »Organisationale Maximen« ist die Ablehnung neuer Strukturen, da die Kirchen bereits über bewährte Strukturen verfügten. Die Adjektive »bewährt« und »erprobt« tauchen immer wieder auf, beispielsweise bewege sich die Seelsorge »in den bewährten örtlichen Gemeindestrukturen und nutzt diese gleichzeitig, um ihr Angebot sichtbar zu machen und eventuell zu verstärken«. Zudem gebe es die seit langem bestehenden Werke der Diakonie und der Caritas.

Der dritte Teil »Aufgabenfelder« handelt vom eigentlichen Inhalt, nämlich der Seelsorge. Sie ist zuständig für die Zivilbevölkerung vor Ort; für die Gesundheitsversorgung; die Betreuung von Einsatzpersonen; die Kriegsgefangenen und das Wachpersonal; für die Gefallenen und deren Angehörige; für Fluchtbewegungen; auch muss sie Seelsorge leisten und Supervision für die Menschen, die in der Seelsorge arbeiten, also die Seelsorgenden selbst.

Jedes dieser Themen wird im Dreierschritt bearbeitet: »Interaktion«, »Kompetenzen« und »Systemisches Empowerment«. »Interaktion« meint, so das Papier, »interaktionale Erfordernisse«. »Kompetenzen« meint einzelne Personen und Institutionen; und »systemisches Empowerment« bezieht sich auf die »Befähigung und Ermöglichung qualifizierten Handelns«. Die drei Aufgabenfelder lassen sich nur schwer voneinander abgrenzen, so dass diese Einteilung manchmal formalistisch erscheint. Auch die theoretische Unterscheidung zwischen Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall spielt in der Praxis keine Rolle. Schließlich kann es den Opfern gleichgültig sein, zu welcher Kategorie sie gehören. In der Zivilbevölkerung jedenfalls, so der Text, ist mit einer hohen Opferzahl zu rechnen.

Die Kirchen auf lokaler, Landes- und Bundesebene seien in der Lage, durch Krisenstäbe zu handeln, Informationskanäle zu schaffen und mit der jeweiligen politischen Ebene zu kommunizieren. In jedem dieser Bereiche sollen »Ruhe, Ordnung, Orientierung und Handlungsfähigkeit« (wieder) hergestellt werden. Aufgabe der Seelsorge ist es, die Menschen »emotional und seelisch zu stabilisieren, Halt und Orientierung zu geben (…), mit den Herausforderungen umzugehen und den Weg zurück ins Leben zu finden. Es geht hier um die professionelle Vermittlung der fünf basalen Erlebnisqualitäten Sicherheit, Beruhigung, Selbst- und kollektive Wirksamkeit, Kontakt und Anbindung, Hoffnung.«

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Darauf seien, so das Papier, die Kirchen gut vorbereitet, denn sie verfügten über ausreichend Kompetenz. In Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen setzten sie sich »mit der Situation im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall auseinander«, mit dem »Leid der Schöpfung« und beteten »für die Gemeinschaft und die Soldatinnen und Soldaten«. Es »entsteht zudem eine erweiterte liturgische Sprachfähigkeit in allen gottesdienstlichen Zusammenhängen. Sie soll dazu beitragen, die neue Alltagssituation zu benennen und anzunehmen sowie im Licht des Evangeliums eine Perspektive zu finden.«

Für Beerdigungen und Gedenkfeiern »werden Hilfen zur Vorbereitung entwickelt und zur Verfügung gestellt«. Auch mit Massentraumatisierungen können die Kirchen umgehen, denn sie »verfügen über Seelsorgende, die mit entsprechenden Handlungs- und Unterstützungskonzepten vertraut und ggf. qualifiziert sind«.

Auch für Kriegsgefangene zuständig

So gibt gleich das erste Handlungsfeld »Zivilbevölkerung« das Schema vor, dem die anderen Handlungsfelder folgen: Die Situation im Spannungs-, besonders im Bündnis- und Verteidigungsfall sei eine Herausforderung und erfordere besondere Maßnahmen, die genannt werden. Die Kirchen besitzen Gebäude, Strukturen, notwendige Kompetenzen und Ressourcen und sind seit langem in verschiedenen Bereichen tätig, beispielsweise als Krankenhaus-, Gefängnis-, Flüchtlingsseelsorge. Diese Kompetenzen werden vergrößert und angepasst, so dass die Kirchen auch in herausfordernden Situationen gut handlungsfähig seien.

Seelsorgerisch betreut werden auch die Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS), beispielsweise Polizei, Zoll, Feuerwehr, Technisches Hilfswerk. Diese müssten mit einem sehr viel höheren Aufkommen an Rettungs- und Katastrophenschutzeinsätzen rechnen. Die Seelsorge gebe dabei »die nötige Unterstützung der Menschen, deren Dienst für die Aufrechterhaltung der Ordnung in einem Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall mitentscheidend ist«. Hier leiste die Seelsorge einen besonders qualifizierten Dienst, ist sie doch »in den Techniken der Krisenintervention und der psychosozialen Notfallversorgung besonders geschult«.

Für die Arbeit mit Kriegsgefangenen nutzen die Kirchen ihre Kontakte zu Auslandsgemeinden. So können Kriegsgefangene anderer Konfessionen ebenfalls seelsorgerlich betreut werden. Das gilt auch für andere Religionen. Manche Kirchengemeinden könnten Dolmetscher zur Verfügung stellen. Schon bei der Planung von Gefangenenlagern möchten die Kirchen beteiligt sein, »um bereits im Vorfeld Fragen des Zugangs zu klären und eigene personelle Möglichkeiten und professionelle Schulungen abzustimmen«. Für schnelle und unkomplizierte Absprachen mit staatlichen Stellen gibt es seit Gründung der Bundesrepublik die »Verbindungsbüros«.⁴

Umsorgte Tote

Ein recht umfangreiches Kapitel thematisiert »Gefallene und deren Zu- und Angehörige«. »Den Gefallenen kommt eine besondere Fürsorge zu.« Sie stehen an erster Stelle, noch vor den Lebenden. Damit verlassen die Verfasser die biblische Tradition: Die Evangelien berichten von einem Mann, der sich Jesus anschließen, aber vorher noch seinen Vater begraben will. Ihm antwortet Jesus: »Lass die Toten ihre Toten begraben.« Soweit müssten die Verfasser über die tradierte Botschaft Jesu Bescheid wissen.

Aber vielleicht wissen sie nicht oder wollen nicht wissen, dass sie sich in die Tradition der »LTI«, der Lingua Tertii Imperii, der Sprache des Dritten Reiches begeben, die den »gefallenen« Soldaten eine besondere Würde zuschreibt und ihn von den anderen Toten unterscheidet. Der Philologe Victor Klemperer analysierte in seinem kleinen Buch »LTI« die Sprache der Nazis⁵ und stellte unter anderem fest, dass die Zeitungsanzeigen für »Gefallene« an erster Stelle stehen, mit einem Hakenkreuz dekoriert und wortreicher sind als die dann folgenden schlichten Anzeigen für Zivilisten, die beispielsweise durch Bomben getötet wurden.

So sieht das aktuelle kirchliche Papier für die »Gefallenen« eine »würdige Bestattung« vor, möglichst im Kreise der Familie. »Wenn die Zahl der Gefallenen sehr hoch sein sollte und ein Transport in die Heimat nicht mehr möglich ist, werden andere Möglichkeiten des Gedenkens an die Gefallenen (…) geschaffen werden müssen.«

Tage des Gedenkens wie Volkstrauertag, Ewigkeitssonntag und Allerseelen existierten bereits und könnten durch andere Daten ergänzt werden. Auch könnten die Kirchen temporäre oder feste Gedenkorte für »Gefallene« schaffen.

Bundeswehr und Polizei überbringen die Todes­nachricht und werden dabei von der Militärseelsorge oder ähnlichen Institutionen unterstützt. Auch »die lokalen erprobten Strukturen der psychosozialen Notfallversorgung für Betroffene« können helfen, ebenso die kirchliche Notfallseelsorge. Denn sie »hält den Schrecken aus, begleitet die Zu- und Angehörigen und hilft, die nächsten wichtigsten Schritte zu planen.« Für alle Geistlichen, die bei der Überbringung einer Todesnachricht dabei sind, stehen Materialien zur Verfügung.

Angehörige von »Gefallenen« sollen organisierte und strukturierte Trauerbegleitung erfahren durch ein »auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenes Angebot«. Sie bilden eine eigene Gruppe der Trauernden innerhalb der Gemeinden, die ihnen einen geschützten Rahmen bieten. »Ziel ist die Stärkung der Selbstwirksamkeit.« Das Papier empfiehlt die Zusammenarbeit mit nicht-kirchlichen Organisationen wie dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. und dem Bund Deutscher Einsatzveteranen e. V.

Die Kirchengemeinden vor Ort »können Trauerfälle in herkömmlichem Maß bewältigen. Sollte die Anzahl der Trauerfälle die örtlichen Kompetenzen übersteigen, halten Gliedkirchen bzw. (Erz-)Diözesen Konzepte vor, wie die Ortsgemeinden in Seelsorge und Trauerbegleitung agieren können. Liturgien und Hilfen für Trauerfeiern und Bestattungen mit einer größeren Anzahl von Gefallenen liegen vor, Taschenkarten für Aussegnung und Notbeisetzung ebenso.«

Auch die »Vermissenden« werden einbezogen, denn sie befinden sich in einem Auf und Ab zwischen Hoffnung und Resignation, zwischen Trauer und Verdrängung und brauchen intensive Begleitung.

Am Schluss bleibt noch die Sorge um die Seelsorgenden. Denn diese seien mit Situationen konfrontiert, die über bisherige Erfahrungen hinausgehen, seien möglicherweise auch selbst betroffen und könnten die professionelle Distanz verlieren. Ihnen wird eine Begleitung nach dem Konzept für Einsatzkräfte angeboten, die »den natürlichen Bewältigungsprozess von grundsätzlich gesunden Menschen« fördert. »Die Seelsorge für Seelsorgende wurzelt im Glauben und hat ihren Fokus auf Hoffnung auf Zukunft.« Das Papier endet: »Die bewährten Strukturen der Salutogenese und Begleitung in den Kirchen und diakonischen Einrichtungen sind in diesem Zusammenhang zu sehen.«

Sie drehen das Rad

Der erste, starke Eindruck, den das Papier hinterlässt: die Unverzichtbarkeit der Kirchen. Diesen Eindruck vermittelt nicht nur die Rubrik »Kompetenzen«, sondern er durchzieht den gesamten Text. So fühlen sich die Kirchen nicht nur für Kirchenmitglieder zuständig, sondern für alle religiösen Menschen und sogar für Menschen, die keiner Religion angehören. Dass es auch nichtkirchliche Hilfsorganisationen gibt, die Menschen psychisch betreuen, kommt im Text nicht vor.

Der ebenso starke Eindruck: das volle Einverständnis mit dem Staat in der Kriegsvorbereitung. Das halböffentliche Papier beschreibt in zurückhaltender Sprache brutale Situationen, wie sie in der breiten Öffentlichkeit noch nicht diskutiert werden.

Vielleicht hat die starke Kritik an der Denkschrift zunächst verhindert, das gemeinsame Papier der Öffentlichkeit vorzustellen. Ob das überhaupt geschieht und wann, werden die Verantwortlichen aus Staat und Kirche gemeinsam entscheiden. Das Terrain ist jedenfalls vorbereitet.

Die am Anfang genannte biblische Grundlage der Seelsorge ist die Gestalt des »barmherzigen Samariters«. Er, der Nichtjude, hilft dem halbtoten Opfer eines Raubüberfalls, nachdem Glaubensbrüder ihm keine Beachtung schenkten. 1933 thematisierte der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer diese Erzählung während einer Radioansprache: Es genüge nicht, die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern jetzt sei es notwendig, »dem Rad in die Speichen zu fallen«. Sofort wurde Bonhoeffer das Mikrophon abgedreht; danach bekam er nie wieder die Möglichkeit, im Radio zu sprechen. Seit dem Jahre 1932 warnte er immer wieder vor einem Krieg. 1945 wurde er zusammen mit anderen Widerstandskämpfern hingerichtet. Die evangelische Kirche, zuweilen auch die katholische, erinnert ständig an Bonhoeffer, singt mit Ergriffenheit sein vertontes und verkitschtes Gedicht »Von guten Mächten« und feiert ihn als christlichen Märtyrer. Wenn die Kirchen ihren Bonhoeffer doch endlich ernst nähmen als Widerstandskämpfer, der eindringlich vor dem Krieg warnte!

→ Anmerkungen:

1. Umdenkschrift zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden – Kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse, Hamburg 2026, abrufbar unter: https://t1p.de/y0n5k

2 Abrufbar unter: https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/Oekumenisches-Rahmenkonzept-Seelsorge.pdf

3 Siehe: https://www.friedenskooperative.de/ostermarsch-2026/reden/lühr-henken-berlin

4 Durch die kirchlichen Verbindungsbüros auf Landes- und Bundesebene können die Kirchen schnell und formlos mit staatlichen Stellen kommunizieren. Siehe dazu: Carsten Frerk: Kirchenrepublik Deutschland. Christlicher Lobbyismus. Aschaffenburg 2015

5 Victor Klemperer, LTI, Notizbuch eines Philologen. Leipzig 1990 (erste Auflage 1946), S. 128 ff. Weitere Beispiele aus dem aktuellen Papier wären zu nennen. So fordert es »persönliche Resilienz« der Seelsorgerinnen und Seelsorger, dazu »gesamtgesellschaftlich ein resilientes Mindset«. Im Dezember 1944 notiert Klemperer (Tagebücher Bd. 7, Berlin 1994, S. 160), dass »ein Oberstleutnant E. zur Stärkung der Resistenz populärst moralisierende Artikel« schreibt. Zwar definiert sich »Resilienz« etwas anders als »Resistenz«, es geht aber um dasselbe Ziel. Auch die Formulierung »Einüben von Haltung« weckt Assoziationen!

→ Horsta Krum schrieb an dieser Stelle zuletzt am 23. Oktober 2025 über die Militärseelsorge der deutschen Kirchen: »Mit Gottes Segen«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.04.2026, Seite 12, Thema

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→Leserbriefe
  • Manfred Pohlmann aus Hamburg 11. Mai 2026 um 14:00 Uhr
    Nachdem die veröffentlichte Meinung in Richtung Hochrüstung und Krieg auf Vordermann gebracht, den Schülerinnen und Schülern dieses Landes mit dem Wehrpflichtgesetz auch der militärische Einsatz für die Deutschland-AG in Aussicht gestellt ist, kommen nun die restlichen Teile der Bevölkerung, die noch Mitglied der einen oder anderen Kirchengemeinde sind, an die Reihe. Rudimentäre Anteile an Religiosität oder Spiritualität werden ebenfalls auf Krieg umgestellt. »Für die Seelsorge bringt die ›veränderte Sicherheitslage‹ besondere Herausforderungen mit sich; beispielsweise werde sie mit bisher nicht gekannten Verletzungen konfrontiert und müsse auch mit eigenen Sorgen und Ängsten umgehen« heißt es im Artikel. In der Tat werden dabei Bilder aus Hiroshima und Nagasaki wieder wach, allerdings mit dem Unterschied, dass eine zukünftige atomare Weltschlacht ihr Zentrum in Europa hat und was die Zerstörungsgewalt angeht, zigmal stärker sein wird. »Die Kirchengemeinden vor Ort können Trauerfälle in herkömmlichem Maß bewältigen. Sollte die Anzahl der Trauerfälle die örtlichen Kompetenzen übersteigen, halten Gliedkirchen (…) Konzepte vor, wie die Ortsgemeinden in Seelsorge und Trauerbegleitung agieren können. Liturgien und Hilfen für Trauerfeiern und Bestattungen mit einer größeren Anzahl von Gefallenen liegen vor, Taschenkarten für Aussegnung und Notbeisetzung ebenso.« Da fragt sich der mittelmäßig in militärstrategischen Angelegenheiten geschulte ehemalige Wehrpflichtige, von welcher Art Krieg die protestantischen und katholischen Seelsorger denn ausgehen? Sie haben zwar für sich und ihre Schäfchen den Trost der Auferstehung. Für alle anderen bleiben Bilder, die kaum zu ertragen sind: »Ich bin gestorben, lange her, in Hiroshimas heißem Licht. Bleibe immer sieben Jahre, tote Kinder wachsen nicht. Erst brannten mir die Haare weg, dann meine Augen, mein Gesicht. Übrig blieb von mir nur Asche, nur eine Hand voll, federleicht. Ich möchte kein Bonbon von dir, gar nichts, du musst bedenken: Ein Kind brannte wie Papier, du kannst ihm nichts mehr schenken. Leise klopf ich an deine Tür, gibst du mir deine Unterschrift? Auf daß nie mehr Kinder brennen und dass man ihnen Bonbons gibt.« (Nazim Hikmet) Wer diese Zeilen des wunderbaren Nazim Hikmet ohne ergriffen zu sein hören kann, ist weder Mensch noch Seelsorger. (Vertonung Maria Farantouri/Zülfi Livanelli auf youtube!)
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