-
27.04.20264 Leserbriefe
- → Thema
Kein blinder Fleck
Warum Marx weder die Natur noch die Carearbeit übersehen hat und digitale Informationen eine besondere Rolle spielen. Zur Diskussion der objektiven Werttheorie
→ Am 4. März 2026 hat Peter Schadt an dieser Stelle im Rahmen seiner Forschungen zu einer »Kritik der politischen Ökonomie der Digitalisierung« über eine Werttheorie im 21. Jahrhundert geschrieben. Der Beitrag hat zahlreiche Reaktionen hervorgerufen und wurde vielfach kommentiert. Da die Diskussion grundsätzliche theoretische Fragen berührt, geben wir dem Autor hier die Gelegenheit, ausführlich darauf zu antworten. (jW)
Die erste Vorstellung meiner Habilitationsschrift hat noch vor deren Erscheinen einiges an Debatte ausgelöst – nicht nur in Form von Leserbriefen an die Redaktion der jungen Welt, sondern auch in Form von E-Mails an mich sowie Kommentaren zu der zeitgleich erschienenen Folge des Podcasts »99 zu eins« zu dem Thema.¹ In diesem Versuch, auf die zentralen Kritikpunkte einzugehen, werden zuerst grundsätzliche Einwände gegen die Werttheorie beantwortet, um dann auf spezifischere Kritik einzugehen.
»(Mehr)wertprosa«
Die grundlegendste Kritik erreichte mich in Form eines Videos des Influencers »Morf«, der die »Mehrwertprosa« von Marx einzig als tauglich für »linke Macker und Marxsches Marketing« erklärt.² Etwa die Hälfte³ seines Podcasts führt er nur ein Argument ins Feld: Die Arbeit mag ja ihren Anteil haben, aber nie und nimmer sei »Mehrwert« alleine das Produkt ebendieser. Das sei eine Versimplifizierung komplexer Realität, so als würde man sagen, ein Auto fahre nur durch das Benzin.⁴ Dabei wussten doch schon die alten Physiokraten, dass man vielleicht den Samen in die Erde stecken muss, die Natur dann aber ganz ohne Menschen die Pflanzen wachsen lasse.⁵ »Morf« besteht also darauf, dass neben der Arbeit auch die Natur und die Maschinen ihren Anteil an dem Warenreichtum hätten. Auf diese Kritik lohnt es sich zu antworten, weil sie weit über den Subkosmos linker Podcaster hinaus verbreitet ist.
Auf der stofflichen Seite ist das auch kaum zu leugnen, wie Marx selbst am besten wusste. Der polemisierte nämlich seinerseits, wann und wo er konnte, gegen Vertreter der frühen Arbeiterbewegung, wenn sie solche »Weisheiten« produzierten wie etwa im Gothaer Programm, in dem steht, dass »die Arbeit (…) die Quelle alles Reichtums und aller Kultur« sei. Dagegen schrieb Marx an: »Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichtums. Die Natur ist ebensosehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) als die Arbeit, die selbst nur die Äußerung einer Naturkraft ist, der menschlichen Arbeitskraft.« (MEW Bd. 19, S. 15)
So sei der Arbeitsprozess »unabhängig von jeder bestimmten gesellschaftlichen Form« (MEW 23, 192) immer »ein Prozeß zwischen Mensch und Natur« (ebd.): »Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber« (ebd.). Die ganze Kritik an Marx besteht bis hierher darin, ihm vorzuwerfen, er habe übersehen, was aber ganz offensichtlich nur seine Kritiker im Zuge eines schlampigen Marxstudiums bei ihm übersehen haben. Nach etwa der Hälfte des Videos von »Morf«⁶ fällt ihm dann ein und auf, dass Marx mit »Mehrwert« gar keine physikalische, sondern eine soziale Kategorie adressiert. Seine Hinweise auf die stofflichen Notwendigkeiten des Arbeitsprozesses sind eben etwas anderes als der Inhalt des Verwertungsprozesses. Anders gesagt: Marx selbst besteht ganz offensichtlich darauf, dass – obwohl er selbst mehrfach schreibt, dass alle Gebrauchswerte der Natur und dem Menschen entspringen – Wert nur »vergegenständlichte abstrakte Arbeit« ist. Damit allerdings ist die ganze Kritik an Marx auch hinfällig, was die Seite der Physik und der Naturgesetze betrifft.
Vermutlich (auch) deswegen fällt »Morf« dann das Erdöl als neuer Kritikpunkt an der Werttheorie ein. Spätestens hier meint er, sei es doch schon an der Oberfläche erkennbar, dass Marx sich irren muss. Die Länder, welche fossile Brennstoffe verkaufen, hätten doch ihren Reichtum sicher nicht aus irgendeinem nur aus Arbeit resultierenden »Mehrwert«, sondern aus dem Verkauf eines energiedichten Rohstoffs, dem Erdöl.
Und es ist wieder auf der Oberfläche nicht zu bestreiten, dass Erdöl seinen Preis wirklich nicht aus der Arbeit von irgendwem bezieht, sondern aus der Nachfrage nach Erdöl als Rohstoff und Energieträger für die Produktion in den kapitalistischen Zentren. Fragt sich nur, warum es gegen den ersten Band des »Kapitals«, welcher die Produktion in den Blick nimmt, sprechen soll, dass in einem entwickelten Kapitalismus eben nicht nur Dinge ein Preisschild erhalten, die etwas Wert sind, sondern gerade die Naturstoffe einfach qua Gewalt als so was wie Waren hergerichtet werden. Im dritten Band heißt es dazu: »Das Grundeigentum setzt das Monopol gewisser Personen voraus, über bestimmte Portionen des Erdkörpers als ausschließliche Sphären ihres Privatwillens mit Ausschluß aller anderen zu verfügen.« (MEW 25, 628).
Mit dieser Gewalt über die Gratisgabe der Natur eignen sich die Ölnationen eine ganze Menge an Dollars ein, mit der sich diese Staaten dann auf dem Weltmarkt einiges an Reichtümern kaufen können, welche in den großen Industrienationen mit Hilfe ihres Erdöls produziert wurden. So machen auch die Erdölstaaten einiges an Profit – das ist die Oberfläche –, eignen sich damit aber nur »ein Teil des vom Kapital erzeugten Mehrwerts« an, der ihnen als »Grundeigentümer anheimfällt« (MEW 25, 627).
Damit ist dann auch klar, inwiefern hier Preis und Wert auseinanderfallen: Die Erdölnationen eignen sich die Arbeitsprodukte fremder Nationen an, aber nicht, indem sie selbst etwas zur gesellschaftlichen Arbeitsteilung beitragen, sondern schlicht durch ihre herrschaftliche Gewalt über Sand und schwarzen Schlamm. Dieses Auseinanderfallen ist übrigens ebenfalls an der Oberfläche zu studieren: Der Weltmarktpreis für diese wertlosen Gratisgaben der Natur springt entsprechender »Nachfragebooms« sowie »Angebotsschocks« und oszilliert eben nicht um einen Wert. Entsprechend wird hier gerne von einer besonderen »Preisvolatilität« gesprochen.
Ignorierte Carearbeit
Später⁷ wiederholt »Morf« dann die Verwechslung von Mehrprodukt (Gebrauchswert) mit Mehrwert (Tauschwert) und verweist darauf, dass für den stofflichen Reichtum sicher nicht nur Lohn-, sondern auch Carearbeit wichtig ist: Die Mütter erziehen doch immerhin die ganze kommende Generation! Diese praktisch gültig gemachte Trennung zwischen dem stofflichen Produktionsprozess einer Gesellschaft (zu dem auch Kindererziehung, Pflege und alles Mögliche gehören) und der Mehrwertproduktion, die Marx nachweisen will, bemerkt er nicht einmal, sondern wirft statt dessen Marx vor, im Wertbegriff zu ignorieren, was für eine stoffliche Produktion notwendig wäre.
So kommt er zu dem Urteil, dass Marx mit dem Wertbegriff nur Affirmation der »Geschichte«, »die wir uns erzählen« würden, betreibe, weil er eben »darauf hereinfalle«, dass nur die Lohnarbeit Werte schaffe. Dabei fällt »Morf« weder ein noch auf, dass die Werttheorie erklärt, warum die Natur und die Familienarbeit als Gratisgabe fungieren, obwohl sie eben für die Gebrauchswerte allemal notwendig sind. »Es genügt daher nicht länger«, um es direkt mit Marx zu sagen, »daß (der Arbeiter) überhaupt produziert. Er muß Mehrwert produzieren. Nur der Arbeiter ist produktiv, der Mehrwert für den Kapitalisten produziert oder zur Selbstverwertung des Kapitals dient.« (MEW 23, 532). Marx würde mit dem Wertbegriff affirmieren, dass nur Lohnarbeit wertbildend sei; wohingegen »Morf« natürlich weiß, dass auch Natur, Carework und Maschinen »Wert« schaffen.
Dass Marx mit seinem Wertbegriff gerade eine vernichtende Kritik am Kapitalismus leistet, weil eben in den gesellschaftlichen Stoffwechsel des Geldes nur eingeht, was einen Dienst am Privateigentum leistet, und entsprechend ganz viel gesellschaftlich notwendige Arbeit und ihre Bedingungen, von fruchtbarem Boden bis atembarer Luft, gerade als Gratisgabe verschlissen werden, fällt dem Kritiker leider nicht auf. Marx übernimmt eben kein »Narrativ« der »Unternehmer«, dass nur Lohnarbeit Wert schafft, sondern er weist nach, dass in dieser Gesellschaft nur als Wert gilt, was einen Dienst am Privateigentum leistet.
Auch das hätte »Morf« und mit ihm einer ganzen Reihe feministischer Kritikerinnen und Kritiker auffallen können, welche unisono Marx die Vernachlässigung der Fürsorgearbeit als stoffliches Moment gesellschaftlicher Reproduktion vorwerfen: dass Marx es nicht versäumt hat, die Wertbildung der Carearbeit zu berücksichtigen, sondern er damit den praktischen Zynismus dieser Gesellschaft brandmarkt, in der als gesellschaftliche Arbeit überhaupt nur in Betracht kommt, was in die Warenzirkulation und damit als Dienst am Privateigentum sich darstellt. Die unmittelbare gesellschaftliche Arbeit mag von seiten ihres Gebrauchswerts so notwendig sein wie die Natur: Als allgemein zugängliche Ressource entbehren sie dem entscheidenden kapitalistischen Nutzen: Zugriff auf fremdes Eigentum zu sein.⁸
Es ist eben kein Mangel der Werttheorie, dass Fürsorgearbeit und Natur als stoffliche Bedingungen der Gesellschaft aus dem geldvermittelten Stoffwechsel exkludiert sind, sondern es ist die adäquate Theorie einer Gesellschaft, in welcher Carearbeit und Ressourcen als Gratisgabe behandelt und entsprechend verschlissen werden. Wer daran eine Kritik hat, der sollte sich das alte Diktum noch einmal vergegenwärtigen: Es kommt nicht darauf an, die Welt einmal mehr neu zu interpretieren, sondern sie dahingehend zu verändern, dass »der Wert« nicht mehr als vom stofflichen Reichtum getrennte Kategorie der Aneignung fremder Arbeit existiert, das heißt, Geld und dessen Vermehrung nicht mehr der letztgültige Zweck aller Produktion ist.
Das zu Erklärende als Erklärung
Soweit zu den Kritikern jeder objektiven Werttheorie, die ihren Gegenstand vollständig verfehlen. Den Freunden einer solchen Theorie geht es dabei nicht immer besser. So argumentiert jW-Leser Enrico Mönke gegen meinen Artikel: »Stellen wir zur Einleitung einfach die Frage: Wie ist gesellschaftliche Produktion mit Privatproduzenten überhaupt möglich? Antwort: Durch das Wertgesetz (MEW 25, 905–909).«
Einig sind wir uns in der Frage. Dass die gesellschaftliche Arbeit kollektiv, das heißt arbeitsteilig erledigt wird, ist nichts Spezifisches für den Kapitalismus. Die »Notwendigkeit der Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit in bestimmten Proportionen« wird »nicht durch die bestimmte Form der gesellschaftlichen Produktion aufgehoben, sondern nur ihre Erscheinungsweise geändert« (MEW 32, 552). Dass also Arbeitsprodukte getauscht werden, ist nach Marx »self-evident« und wenig Aufhebens wert, es gilt für alle Gesellschaften. Wie funktioniert allerdings diese Arbeitsteilung im Kapitalismus, wenn sie nicht geplant wird⁹, sondern »sich als Privataustausch der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht« (ebd.)? Wie stellt sich gesellschaftliche Produktion her, wenn alle Beteiligten das Motiv der privaten Bereicherung verfolgen? Oder eben in Mönkes Variante: Wie ist gesellschaftliche Produktion mit Privatproduzenten überhaupt möglich? Das ist die Frage.
»Durch das Wertgesetz« ist darauf allerdings keine Antwort. »Wertgesetz« meint nur und nichts anderes als dass die »Anarchie der gesellschaftlichen Produktion« (MEW 20, 253) herrscht, dieser allgemeine Konkurrenzstall von lauter Privateigentümern, die ihre private Bereicherung verfolgen, »die Warenproduktion, wie jede andre Produktionsform« aber dennoch ihre »eigentümlichen, inhärenten, von ihr untrennbaren Gesetze« (ebd.) besitzt. Und diese Gesetze »setzen sich durch, trotz der Anarchie, in ihr, durch sie. Sie kommen zum Vorschein in der einzigen fortbestehenden Form des gesellschaftlichen Zusammenhangs, im Austausch, und machen sich geltend gegenüber den einzelnen Produzenten als Zwangsgesetze der Konkurrenz« (ebd.).
Wie sich das Wertgesetz durchsetzt und was sein Inhalt ist, das heißt, wie sich gesellschaftliche Produktion mit Privatproduzenten vollzieht, wird von diesem Kritiker also einfach damit beantwortet, was zu erklären wäre: »durch das Wertgesetz«, als sei das mehr als eben das Wort für die Gesetzmäßigkeit, wie sich hinter dem Rücken der Individuen ihre Gesellschaftlichkeit herstellt, obwohl alle nur ihre private Bereicherung betreiben. Der Kritiker ist allerdings mit diesem Zusammenschluss von dem zu Erklärenden als Erklärung so zufrieden, dass er im weiteren Verlauf gar nichts mehr entdeckt, was überhaupt noch zu klären wäre: »Und dies (das Wertgesetz) bereits bei einfacher Warenproduktion, beginnend vor circa 7.000 Jahren in Ägypten und Babylonien. Der für die auszutauschenden Produkte ›einzig geeignete Maßstab‹ war die jeweils zu ihrer Herstellung aufgewendete Arbeitszeit. Mit Beginn der kapitalistischen Produktion erfuhr das Gesetz zwar eine Modifikation. Doch es bleibt als Gesetz der kapitalistischen Warenproduktion deren alleiniger Regulator. Schadt hat kein Argument dafür, warum nun ›die Digitalisierung‹ eine ›Herausforderung für die Werttheorie‹ sei. (Bezüglich ›Carearbeit‹, ›Natur‹ etc. als vermeintlicher Anlass für eine ›Werttheorie des 21. Jahrhunderts‹ bis auf Selbstanpreisungen übrigens auch nicht).«
Derart begeistert von Engels »Ergänzungen« im dritten Band des Kapitals und seinen Ausführungen darüber, dass schon in irgendwelchen antiken Gesellschaften Arbeitsprodukte ausgetauscht wurden, dampft Mönke die spezifischen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus zu »Modifikationen« zusammen, die am Wesentlichen nichts ändern würden: Das Wertgesetz bleibe »der alleinige Regulator« der Warenproduktion, auch im Kapitalismus. Was aber ist eigentlich der Erklärungsgehalt dieses »Gesetzes«, wenn es die Ökonomie in Ägypten und Babylon genauso »erklärt« wie den modernen Kapitalismus? Wie erklärt die Antwort »Wertgesetz« eigentlich die Fragen, die für den Kritiker keine sind, etwa wie mit »Informationen« Waren ge- und verkauft werden, die man ganz ohne Arbeit einfach downloaden könnte, wenn das nicht per staatlicher Gewalt schlicht verboten wäre? Wie erklärt sich dieser Kritiker umgekehrt, dass Kinderaufzucht und Altenpflege ohne Zweifel eine beständig notwendige gesellschaftliche Arbeit sind, die aber keinen Preis hat – während diese in der feudalen gesellschaftlichen Arbeitsteilung durchaus als (weiblicher) Beitrag zur (familiären) Arbeitsteilung ihren Platz hatten?
Wertlose Informationen
Wo Mönke sich nicht einmal für die Frage interessiert, wie digitale Informationen in einer Werttheorie vorkommen, sind andere wie Helmut Dunkhase durchaus an der Frage interessiert, haben allerdings Zweifel an meiner Auflösung: »Ich glaube, die These ›Informationen sind wertlos, haben aber einen Preis‹ stimmt nicht. Information ist Materie, etwas Materielles. Die Herstellung von etwas Materiellem kostet, wenn es nicht gerade als Gratiskraft von der Natur zur Verfügung gestellt wird, Arbeit, nimmt also in der kapitalistischen Produktionsweise Wert an. Was digitale Informationen – um die geht es hier ja wohl – von anderen Produkten unterscheidet, ist, dass ihre Reproduktion wenig Arbeit kostet, aber keineswegs null, wie Schadt meint (Lesegeräte, Arbeitskraft usw., um sie nutzen bzw. weiterverarbeiten zu können).«
Es wird schon so sein, dass die Reproduktion der Daten Lesegeräte, Serverfarmen, Infrastruktur und ähnliches benötigt, wie im Text, den Dunkhase kritisiert, auch explizit steht.¹⁰ Die Kopie der Informationen braucht also so sehr eine materielle Basis, wie es gar nichts daran ändert, dass die »Information« dieser Daten keine Arbeit mehr erfordert. Denn dass ein E-Book mit jeder Kopie ein Stück Serverfarm, zum Abrufen ein Lesegerät und zum Datentransfer eine ganze Infrastruktur fürs Internet braucht, ist das eine; dass das Buch selbst als »Information« aber nicht ein bisschen, sondern gar nicht neu geschrieben werden muss, ist das andere.¹¹
Mein Kapitel über die »Information« und ihren Wert macht aber nicht nur hinsichtlich der analytischen Trennung zwischen Information und materieller Seite der Daten Schwierigkeiten. So besteht jW-Leser Heinrich Hopfmüller darauf, dass es disparate »Informationen« gibt, vom »wertlosen Film« bis hin zu »höchsten Gebrauchswerten, die zum Beispiel Fertigungsmaschinen erzeugen«: »Frau muss also sehr genau hinschauen, welches Datum, welche Information welchen Wert hat oder nicht hat: Die für die ›Erzeugung eines (…) Gebrauchswerts erforderliche gesellschaftliche Durchschnittsarbeit‹ ist halt doch irgendwie relevant. Kurz: Information ist nicht gleich Information. Und Digitalisierung ist nicht gleich Digitalisierung.«
Ein wenig unentschlossen ist Hopfmüller dann aber doch mit seinem Einwand. Zuerst führt er den Gebrauchswert so mancher »Information« ins Feld, wobei ihm zuzustimmen ist, dass – nicht nur – jener der Software für Fertigungsmaschinen zweifellos gegeben ist. Dass etwas nützlich ist, macht es aber noch lange nicht zum Wert, wie Hopfmüller selbst gleich schreibt, sondern die »erforderliche gesellschaftliche Durchschnittsarbeit«. Die ist nicht »irgendwie« relevant, sondern das Entscheidende. Gerade diesbezüglich aber äußert sich Hopfmüller überhaupt nicht zu meiner Erklärung, dass die zur Herstellung des Produkts erforderliche Arbeit nach dem einmaligen Produzieren auf null sinkt, da die Information aufwandslos reproduziert werden kann, also gerade die von Hopfmüller selbst angemahnte »erforderliche gesellschaftliche Durchschnittsarbeit« auf null sinkt. Ein – nach Marx – totaler moralischer Verschleiß des Werts.
Gegen jenen moralischen Verschleiß gibt es einen Einwand von jW-Leser Rudi Netzsch: »Ich stimme den Ergebnissen der Ausführungen von P. Schadt vollständig zu. Nur ein kleiner terminologischer Fehler ist mir aufgefallen: Schadt spricht davon, dass nach Erstellung von Informationen diese einem totalen ›moralischen Verschleiß‹ unterliege. Der Begriff ›moralischer Verschleiß‹ stammt von Marx (Kapital Bd. 1) und bedeutet, dass durch technologische Neuerungen der Wert einer nun veralteten Maschine sinkt. Das setzt allerdings voraus, dass die Maschine zuvor einen gemäß der Werttheorie bestimmten Wert hatte, und auch der neue, gesunkene Wert bestimmt sich nach der Werttheorie, nämlich als die beim neuen Stand der technischen Entwicklung zur Erzeugung eines vergleichbaren Gebrauchswerts erforderliche gesellschaftliche Durchschnittsarbeit. Da Information aber gar keinen Wert hat, kann sie auch keinem moralischen Verschleiß unterliegen. Der Preis, der beispielsweise für eine Softwarelizenz zu entrichten ist, ist ja auch gar nicht der Preis für die Software selbst, sondern für die juristische Konstruktion ›Verwendungslizenz‹. Dieser Preis bestimmt sich im Übrigen analog zu den Gesetzen der Differentialrente (Kapital Bd. 3) Die Arbeit für die Erstellung der Software ist auch nicht Arbeit für die Erstellung der vielen nachher für sie vergebenen Lizenzen, sondern – im kapitalistisch-ökonomischen Sinn – ›unproduktive‹ Arbeit, d. h. Arbeit, die gar keine Ware erzeugt, aber für das jeweilige Geschäft sehr wohl notwendig sein kann. Deshalb erzeugt sie auch keinen Wert.«
Da Informationen keinen Wert haben, so Netzsch in seiner wohlwollenden Kritik, können sie auch keinem moralischen Verschleiß unterliegen. Vielmehr sei der Preis für die Information ein Resultat des geistigen Eigentums als juristische Konstruktion, und der Preis für die Software entsprechend analog zur Differentialrente zu bestimmen. Im Resultat hat Netzsch völlig recht, erschlägt mit diesem Argument – dass Information keinen Wert und der Preis eine Rente ist – aber den Grund dafür. Warum ist denn Information »analog zu den Gesetzen der Differentialrente« zu begreifen, obwohl sie Produkt menschlicher Arbeit und eben nicht ein Stück Boden ist, wie bei ebenjener? Eben deswegen, weil sie, sobald einmal geschaffen, allgemein und ohne weitere Arbeit zugänglich ist. Die Wertlosigkeit, welche Netzsch daher gegen den moralischen Verschleiß ins Feld führt, ist gar nichts anderes als das Ergebnis davon, dass die für die Information notwendige durchschnittliche Arbeit nach ihrer »Produktion« auf null sinkt. Es ist eben genau der »moralische Verschleiß« der Information, welche diese wertlos macht.
→ Anmerkungen
1 https://www.youtube.com/watch?v=jC6ntL-A1Ic&t=139s
2 https://www.youtube.com/watch?v=ZkgsvDNdcnc&t=2892s
3 Bis Minute 26:00
4 Minute 7:00
5 Minute 21:00
6 Minute 26:00
7 Minute 30:00
8 Meine ganze Kritik an »Morf« findet sich als Podcast hier: https://www.youtube.com/watch?v=SUDQU5QlEkE&t=301s
9 Der »Witz der bürgerlichen Gesellschaft besteht eben darin, daß apriori keine bewußte gesellschaftliche Reglung der Produktion stattfindet«. (MEW 32, 552)
10 »Und die Reproduktion von Daten ist höchst materiell. Sie erfordert seltene Erden aus China und Afrika, globale Serverfarmen und enorme Mengen an Elektrizität, eine globale Infrastruktur, Kupfer- und sonstige Metallminen und Verarbeitung und vieles mehr.«
11 So heißt es in dem inkriminierten Text: »Die These von den ›Nahe-Null-Kosten‹ ist zugleich Über- und Untertreibung. Sie übertreibt im Hinblick auf Information als solche – denn dort ist der Aufwand tatsächlich null. Und sie untertreibt im Hinblick auf die materielle Dimension der Daten und ihrer Endgeräte, die enorme ökologische und soziale Kosten verursacht.«
→ Peter Schadt ist Sozialwissenschaftler. An dieser Stelle schrieb er zuletzt am 4. März 2026 über eine Werttheorie im 21. Jahrhundert: »Zur Ware gemacht«. Er veröffentlicht einen monatlichen Newsletter »Politische Ökonomie der Digitalisierung«.
Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
-
Enrico Mönke aus Uckerland 4. Mai 2026 um 12:13 UhrPeter Schadt glaubt eine Entdeckung gemacht zu haben: Informationen sind ein besonderer Saft, sind ohne Arbeit zu haben. Z.B. »ein E-Book (…) dass das Buch selbst (›mit jeder Kopie‹) als ›Information‹ (…) gar nicht neu geschrieben werden muss«, symbolisiert Schadts Kerngedanke: Bei der »Information als solche – (…) ist der Aufwand tatsächlich null«. Tatsächlich. Hinter dieser Sensation ist historisches Wissen um »irgendwelche antiken Gesellschaften« natürlich belanglos. Das ominöse »Gesetz« (Anführungsstriche von P.S.) zur Werttheorie von Marx bedarf dagegen jetzt der jahrhundertprägenden Schadtschen »analytischen Trennung zwischen Information und materieller Seite der Daten«. Schadt übersieht: Marx behandelt die »Information« als technisches und gesellschaftliches Wissen und Anwendung von Wissenschaft als natürlichen Teil der den Wert beeinflussenden Produktivkräfte ohne sophistische Luftsprünge für das Wertgesetz. Wird Schadt der Vulgärökonom der Moderne? Gegen den Zuruf des im Fach bekannten Begriffs »Wertgesetz« und dessen »Modifikation« (der Ausdruck kommt nicht von mir, siehe MEW 25: 909) gibt sich der Meister der Materie unwissend und fordert streng die Redundanz zum »Wie« und »Was«. Schadt selbst gibt seinen Fundus so zum Besten: »›Wertgesetz‹ meint nur und nichts anderes als dass die ›Anarchie der gesellschaftlichen Produktion‹ (MEW 20, 253) herrscht.« Diese Definition ist allerdings wie das beigefügte Zitat unzutreffend. Siehe dessen Original (MEW 20: 253). Für eine Darstellung der Werttheorie, welche Herrn P. Schadt ohne besondere Geistesanstrengung das Verständnis gestatten könnte, werden die 2000 Zeichen, die mir hier nur erlaubt sind, nicht ausreichen. Darum sei zum einen auf diese Seite verwiesen (https://www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/de/article/4468.sdsdsd.html) und zum anderen der Einfachheit wegen wenigstens die sorgfältige Lektüre der »Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des ›Kapital‹« (MEW 25: 901–917) empfohlen.
-
Onlineabonnent*in Stefan K. aus D. 29. Apr. 2026 um 15:37 UhrSchadt schreibt, dass nicht nur Dinge, die etwas wert seien, »sondern gerade die Naturstoffe einfach qua Gewalt als so was wie Waren hergerichtet« würden. Ist es nicht so, dass jede Ware qua Gewalt (staatliche Eigentumsgarantie und Ausschluss aller anderen von deren Gebrauch) zur Ware wird? Und jedes Arbeitsprodukt wird vom Eigentümer monopolistisch angeeignet. Qua Staatsgewalt können auch Frequenzbänder, Verschmutzungsrechte und Wasserquellen privatisiert und damit zu handelbaren Gütern gemacht werden. Diese W dienen regelmäßig der Verwandlung von G in G'. Das ganze Geheimnis des Werts löst sich auf, wenn man sich davon verabschiedet, ihn irgendwie substanziell oder metaphorisch in den Waren zu suchen, sondern ihn als vom Geld den Waren zugewiesen begreift. In aller Tiefe und Komplexität im Pod- und Vodcast »Die Moneyprofiler« von Butscher und Bockelmann besprochen. Zum Wert insbesondere Folge 6 ff. ...
-
Onlineabonnent*in Heinrich H. aus S. 26. Apr. 2026 um 23:38 UhrHeile Welt in der jungen Welt, endlich eine Debatte! So »äußert sich Hopfmüller« dazu, »dass die zur Herstellung des Produkts erforderliche Arbeit nach dem einmaligen Produzieren auf null sinkt«: Er hat den Artikel »Zur Ware gemacht, Warum Informationen wertlos, aber millionenschwer sind« als Behauptung gelesen und verstanden, Informationen seien von Anfang an wertlos. Wenn jetzt klargestellt wird, dass »gesellschaftliche Durchschnittsarbeit« zur Produktion von Informationen nötig ist, ist das meiste wieder im Lot. Was ihn aber immer noch brennend interessiert: Wie ist das Verhältnis von Wert, Preis, Gebrauchs- und Tauschwert? Nach meiner Auffassung steckt der Wert in einer Ware, nachdem sie produziert wurde (die neue Marx-Lektüre behauptet ja, der Wert entstünde in der Zirkulation). Ob ihr Wert auf dem Markt realisiert wird, sie unter Wert oder über Wert verkauft wird (Preis/Tauschwert), steht auf einem anderen Blatt. In diesem Zusammenhang sollte auch »geistiges Eigentum« (die Verwertung von), Patente, Markenrechte etc. diskutiert werden. Weiter mit Erdöl: Wie der Name andeutet, wird Öl von erdölproduzierenden Staaten produziert. Nun wird es nicht handgeschnitzt, sondern mit riesigen Maschinen aus der Erde geholt, transportiert, verarbeitet und wieder transportiert. Wat dat all kost? Gemini nach »Förderkosten Erdöl« fragen! Bei der »Inwertsetzung« (Kommodifizierung) von irgendertwas stellt sich doch die Frage, was haben Wert und Preis der Ware miteinander zu tun? Anders Thema: Goldpreis und die Spekulation mit Gold. Noch ganz anderes Thema »Care-Arbeit«: Die ist ja nicht wertlos, nur preislos.... Ach, gibt es auch noch einen Kostpreis? Da war doch was.
Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
Ich glaube, dass man die heutigen Erscheinungen des Kapitalismus mit Marxschen Begriffen gut analysieren kann, ohne neue Grundkategorien einer politischen Ökonomie der Digitalisierung. Deine Definition der Warenproduktion ist mindestens unscharf: »›Arbeit‹ gilt im Kapitalismus eben nur dann als gesellschaftlich notwendig im spezifischen Sinn abstrakter Arbeit, wenn sie zum Wachstum von Privateigentum beiträgt. (…) Für Carearbeit schlage ich also den Begriff der unmittelbar gesellschaftlichen Arbeit vor.«
Marx definiert den Wert als das Quantum abstrakter Arbeit, das dem Tauschwert der Ware zugrunde liegt. Waren wurden schon in biblischen Zeiten produziert, aber erst in den Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint ihr Reichtum als ungeheure Warensammlung (so der erste Satz im Kapital). Wie schon zu Marx Zeiten bestehen auch heute in den kapitalistischen Ländern neben der kapitalistischen Produktionsweise andere Produktionsweisen, die aber von ersterer geprägt sind: Es wird alles zur Ware gemacht, um daraus Profit schlagen zu können – oder um sich über Wasser zu halten. Nicht entscheidend ist, ob das Produkt materiell oder immateriell ist oder ob es sich um eine Dienstleistung handelt. Marx unterscheidet aber produktive und unproduktive wertschaffende Arbeit. Carearbeit wird auf ganz verschiedene Art verrichtet: Wird die Arbeit in der Familie für die eigenen Angehörigen geleistet, wurde kein Tauschwert produziert. Wird ein kommerzieller Pflegedienst engagiert, wurde Lohnarbeit verrichtet, also produktive Arbeit. Ist der Pflegedienst nonprofit, handelt es sich um unproduktive Lohnarbeit, die Lohnarbeiter gehören zur neuen Mittelklasse. Ist die Pflegekraft selbständig, gehört sie wahrscheinlich zum Prekariat oder zur traditionellen Mittelklasse (wie z.B. Handwerker, Landwirte oder Freiberufler). Oft ist es nur ein Zuverdienst zum Einzel- oder Familieneinkommen. Wie verhält es sich mit den Produkten der Digitalisierung? Daten fallen oft als Abfall oder Beiprodukt von diversen Prozessen an, wenn sie nicht gezielt produziert werden. Wenn sie als Waren gehandelt werden, bemisst sich ihr Wert nach dem Aufwand für ihre Erzeugung bzw. ihr Schürfen, Aufbereitung, Speicherung und Übermittlung. Da die Kosten ihrer Reproduktion sehr gering sind, nimmt ihr Anteil am Warenwert stark ab, je mehr verkauft werden. Die Verwendung des Begriffs »moralischer Verschleiß« halte ich hier für irreführend. Marx verwendet ihn bei der Analyse des fixen Kapitals, dessen Wert u.a. durch den Fortschritt der Wissenschaft vorzeitig gemindert wird, im Unterschied zum körperlichen Verschleiß. Die Wissenschaft selbst zählt er zu den gesellschaftlichen Produktivkräften »als das allgemeine geistige Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung (…) In der Maschine erscheint die realisierte Wissenschaft als Kapital den Arbeitern gegenüber.« (In: Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, Ffm 1969, S. 79 ff) Wissenschaft lässt sich schwer zur Ware machen, das ist ein Widerspruch in sich. Immaterielle Produkte benötigen jedenfalls neue Vertriebswege. Die Digitalisierung stellt eine Entwicklung der Produktivkräfte dar wie der Fordismus mit der Fließbandfertigung. Ob dies dem Kapitalismus aus seiner systemimmanenten Krise heraushilft, ist die Frage.