Das Lachen im Halse
Premiere in der jW-Maigalerie: Unbequem aus Prinzip – Gina und Frauke Pietsch präsentieren in Berlin ihr neues Programm zu Brechts 70. Todestag
An diesem ihrem 36. Brecht-Abend singt Gina Pietsch Brecht nicht als Nachlassverwalterin, sondern als Künstlerin in einer Tradition, in der Lied, Schauspiel und politische Erkenntnis zusammengehören. Gemeinsam mit ihrer Tochter Frauke Pietsch hat sie anlässlich Brechts 70. Todestag am 14. August ein Programm entwickelt, das ihn nicht entschärft, sondern als Störung ernst nimmt: »Von den Leben die hellen. Von den Toden die schnellen.« Gina Pietsch verwendet den Dichter als Medium, um über Tod und Frieden zu singen.
Der Titel des Abends stammt aus dessen »Orges Wunschliste«. Was wie ein Nachruf klingt, ist ein Gegenprogramm zur Andacht. Der Abend handelt vom Tod und den gesellschaftlichen Verhältnissen, die Menschen sterben lassen, sie zum Sterben überreden, ihr Sterben verklären oder nachträglich verwalten. Brecht wollte nicht bewundert werden, sondern stören, unbequem sein. Diese Haltung trägt der Abend und schützt vor falscher Verehrung. Pietsch und Pietsch zeigen keinen Künstler hinter Glas, sondern einen Brecht, dessen Verse Gefühl und Geist fordern.
Die kleine Galerie an der Torstraße ist gut gefüllt am 11. Juni. Das Duo erzeugt sofort eine eigene Atmosphäre, wie 20er-Jahre-Varieté plus philosophischer Debattierklub. Frauke Pietsch versteht es, das Klavier geschickt und mit spielerischer Brillanz in die Melodien des Gesangs einzufügen. Gina Pietsch interpretiert einen schroffen Brecht ebenso meisterlich wie seine ironischen und hintersinnigen Texte. Es entsteht ein Auf und Ab der Emotionen, das seinen Höhepunkt in der »Seeräuber-Jenny« findet. Mag sein, dass diese Melodie hypnotisiert. Vielleicht ist es aber auch der thematische Kontext Tod, in dem die traurige Melodie die unbedachte Lust daran, Köpfe rollen zu lassen, bricht.
Die Auswahl spannt einen klaren politischen Bogen von der »Hauspostille« über Faschismus und Exil bis zu den späten Gedichten. Texte wie »Legende vom toten Soldaten«, »Mein Bruder war ein Flieger« und »Deutsches Miserere« legen die Sprache der Mobilmachung bloß und erinnern daran, wie Brecht 1918 den ehrenvollen Tod als Propaganda entlarvte. Damit trifft er die Gegenwart: Aktuelle Rufe nach Kriegstüchtigkeit und nationaler Wehrhaftigkeit verdeutlichen die Aktualität seiner Antikriegshaltung. Brecht verstand, wie Kriege sprachlich vorbereitet werden.
Das Programm endet nicht beim Krieg. Mit »O Falladah, die du hangest!« rückt soziale Gewalt – Hunger, Kälte, Armut – in den Blick. Brecht moralisiert nicht, sondern fragt nach den Umständen, die Menschen verrohen lassen. Dieser Moment erzeugt den härtesten Kontrast des Abends. Das Lächeln über die Ironie der letzten Pointe bleibt einem im Hals stecken, wenn das Lied von der Verwunderung eines Pferdes erzählt, das von Verhungernden zerfleischt wird.
Brecht weiß: Krieg, Hunger und Opportunismus gehören zusammen. Das »Lied des Speichelleckers« erinnert an die Rolle der Mitläufer, der Angepassten, der Karrieristen. Gina Pietsch besitzt für diese Art der Interpretation die nötige Autorität. Sie steht in der Linie von Brecht, Weill, Eisler und Dessau, studierte bei Gisela May und nennt Ekkehard Schall ihren wichtigsten Lehrer. Doch entscheidend bleibt nicht der künstlerische Stammbaum, sondern die Haltung. Pietsch singt Brecht nicht geschönt. Sie macht ihn aktuell, hart, widerspenstig.
Das Programm wirkt. »Frieden, Frieden, Frieden«, mahnt Gina Pietsch am Schluss der Vorstellung. Das Konzept geht auf. Die beiden Musikerinnen verstehen es, einen Brecht zu ehren, der nachdenklich macht, und zugleich seine Botschaft gekonnt und kunstvoll zu übermitteln, ohne ihn zur Parole zu machen. Auch die lichten Momente wirken deshalb nicht versöhnlich. »Gebt keinen euresgleichen auf«, »Freundschaft«, »Lied von der Moldau« und die »Kinderhymne« spenden keinen Trost über die Toten. Sie stellen die Gegenfrage: Was kann der Produktion von Tod entgegengesetzt werden? Solidarität, Erinnerung, Widerspruch, Organisation und eine andere Vorstellung von Land und Zukunft.
Der Abend ist keine Gedenkveranstaltung, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart durch Brecht. Seine Texte geben keine einfachen Antworten, aber sie nehmen den bequemen Antworten ihre Unschuld. Wer verdient am Krieg, wer bezahlt ihn, wer bereitet ihn sprachlich vor und wer liegt am Ende unter der Fahne?
→ Nächste Vorstellung: 24.11., Wohnungsgenossenschaft Merkur, Volkradstraße 9 e, 10319 Berlin, 17.30 Uhr
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