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Aus: Ausgabe vom 16.04.2026, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Kein Thema

Ein Film in Rot, Weiß, Blau und Gelb: »I Accidentally Wrote a Book« von Nóra Lakos
Von Ronald Kohl
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Porträt der Künstlerin als junge Doppelgängerin: Villö Demeter als Nina

Nina (Villö Demeter) ist zwölf Jahre alt und trägt einen gelben Gürtel. Ganz selten auch mal einen blauen. – Rot, Weiß, Blau und ein Tupfer Gelb, das ist die Farbkombination in jeder einzelnen Einstellung von »I Accidentally Wrote a Book«. Eine Verneigung der Regisseurin Nora Lakos vor dem Bauhaus. Selbstverständlich lebt Nina auch in einer Bauhausvilla. Davon gibt es etliche in Budapest (selbst Imre Nagy bewohnte lange Zeit eine).

Ninas Familie verfügt also über reichlich Platz. Genauer gesagt, leider über etwas zuviel. Denn sie sind nur zu dritt: Nina, ihr Papa und das Brüderchen. Seit acht Jahren ist die Mama tot. Leidet Nina darunter? Kaum. Momentan jedenfalls macht ihr etwas ganz anderes zu schaffen. Nina erzählt gerne selbsterdachte Gutenachtgeschichten. Doch hängen die ihrem einzigen Zuhörer, dem jüngeren Bruder, allmählich zum Halse raus.

Ein paar Straßen weiter in dem verträumten Viertel lebt die berühmte Schriftstellerin Lidia. Mit ihrem neuen Notizbuch (blau-weiß-roter Einband, gelbes Papier) besucht Nina die alte Dame und trägt ihr den Anfang ihrer neuen Geschichte vor. Es geht um ein Mädchen, das Schriftstellerin werden will und glücklich mit seinem Vater und dem kleinen Bruder in einem schönen Haus lebt.

Die alte Schriftstellerin mit ihrem schnurrenden Kater auf dem Schoß hört sich das eine Weile an. Dann erfolgt die erste Lektion: Ein Autor muss Kritik vertragen. Zweitens muss er über Konflikte schreiben, Probleme darstellen. Schon jetzt will Nina am liebsten aufgeben. Die Regisseurin hat es in einem Interview folgendermaßen ausgedrückt: »Ihr Problem ist, dass sie denkt, dass sie kein Problem hat.« Mich hat das ein wenig an meinen illusionslosen Lieblingsschriftsteller Wolfgang Hilbig erinnert, der »das Nichtvorhandensein eines Themas« zum Thema gemacht hat.

So weit, unterhaltsam über etwas schreiben zu können, das nicht einmal existiert, ist Nina noch lange nicht. Außerdem gibt es neuerdings doch ein erkennbares Problem in ihrem Leben: Detti, die neue Freundin ihres Vaters. »Liebe ist vergänglich«, schreibt die ambitionierte Nachwuchsautorin in ihr Notizheft. »Aber wird das auch bei Papa so sein?«

Zum ersten Mal ist da eine ohne Macken am Start. Eine, die ihren Vater so liebt, wie er ist. Und vor allem eine, die auch nur blau-weiß-rote Kleidung trägt, mit gelben Accessoires. Aber eben auch eine gefährliche Konkurrentin auf dem winzigen Markt für Gutenachtgeschichten.

Schon die Romanvorlage der niederländischen Autorin Annet Huizing verstand sich als unterhaltsamer Leitfaden für angehende Schriftstellerinnen. (Das weiß ich freilich nicht deshalb so genau, weil ich das Buch gelesen hätte. Doch Regisseurin Lakos berichtet über die Testvorführung der ungarisch-niederländischen Koproduktion, dass die anwesenden Kinder die Schriftstellerin unter anderem nach dem Unterschied zwischen Buch und Roman gefragt hätten: Sie konnte keinen nennen.)

Als die alternde Schriftstellerin Lidia bei ihrer Schülerin erste Fortschritte bemerkt, widmet sie sich umgehend einem der zentralen Aspekte des Schreibens, dem Figurenaufbau: »Charaktere werden lebendig, wenn der Autor genug über sie weiß.«

Nina weiß so gut wie nichts über ihre verstorbene Mutter, und dieser weiße Fleck muss möglichst farbig ausgemalt werden, bevor sich Nina gegenüber der neuen Freundin ihres Vaters öffnen kann. Da es sich bei ihrer Mutter – aus Ninas Perspektive – um eine reale Figur handelt, darf sie sich auch nicht einfach irgend etwas ausdenken. Fotos gibt es kaum von ihr, jedenfalls keine brauchbaren. Ihre Mama war, »ähnlich den Urvölkern«, davon überzeugt, dass der Mensch mit jeder Fotografie ein Stück seiner Seele verliert.

Nina beginnt, im Leben ihrer Mutter zu recherchieren: die Schule, der modische Nähkurs, Freunde. Auf ihrem Weg muss sie etliche Hürden überwinden. Genau darin ist Nina als Leichtathletin zum Glück geübt. Und auch im Stürzen und Wiederaufstehen. Sie gehört nicht zu den größten Mädchen ihres Jahrgangs: ein wesentliches Merkmal der Figur.

Wegen der komplizierten Finanzierung der Produktion musste der Drehbeginn nach dem bereits erfolgten Casting noch einmal auf den darauffolgenden Sommer verschoben werden. Der späteren Hauptdarstellerin wurde in aller Offenheit gesagt: »Wenn du über den Winter einen Schuss machst, müssen wir uns eine neue Darstellerin suchen. Dann passt du nicht mehr für die Rolle.« Der Winter kam und ging, und im Frühjahr sollte sich zeigen, so erzählt es die Regisseurin, dass Villö in den vergangenen acht Monaten nicht einen einzigen Zentimeter gewachsen war.

Das nenne ich Willensstärke.

»I Accidentally Wrote a Book«, Regie: Nóra Lakos, Ungarn/Niederlande 2024, 98 Min., Kinostart: heute

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