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Kino

Mama meint es gut mit dir

Interessante Puppenspiele: Rod Blackhursts böser Horrorfilm »Dolly«

Foto: Dolly in the Woods LLC/Shudder
Es gibt auch andächtige Momente in »Dolly«

Ein Horrorfilm mit einem Bösewicht, der eine Maske trägt, kann schnell zum Horror werden, wenn man den Kerl schlecht versteht. Meistens wird dann recht bald ein Ereignis eingeschoben, das die Maske überflüssig macht. (Ich hatte als Kind keine Angst vor dem Weihnachtsmann, weil er immer genau die gleichen weißen Pumps trug wie meine Mutter. Mit 17 habe ich mich dann endlich getraut, ihn darauf hinzuweisen.)

In »Dolly« hat die titelgebende Hauptfigur ihre Maske bis zum blutigen Ende auf. Was an deren außergewöhnlicher Qualität liegt: hartgebranntes Porzellan. Dem Aussehen nach stammt diese Maske von einer übergroßen Biedermeierpuppe. (Das weiß ich so genau, weil ich kein anderes Spielzeug kannte.)

Außerdem stört die Maske nicht, weil Dolly kaum spricht. Das muss sie auch nicht. – Warum sollte man etwas sagen, wenn man jemandem einen Schnuller in den Mund stecken will, der sich sträubt? Da holt die Puppenmama einfach die Geflügelschere aus der Schürzentasche, mit der sie schon so manches Fingerchen abgeknipst hat, und schon geht die kleine Schnute wie von selbst auf, auch wenn der Nuckel so aussieht, als hätte er schon einige Abstecher in ganz andere Körperöffnungen unternommen.

Wenn die knapp 30 Jahre alte Macy (Fabianne Therese) in einer späteren Szene ein Lätzchen umgebunden bekommt, um gefüttert zu werden, wird sie sich noch nach dem Schnuller zurücksehnen.

Noch mehr sehnt sie sich freilich nach ihrem alten Leben zurück, das erst vor wenigen Stunden mitten während einer kleinen Verlobungszeremonie plötzlich endete.

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Jetzt ist Macy an diesen Babystuhl gefesselt und bekommt von der übergroßen Puppenmama eine Trinkflasche in den Mund geschoben. Die Lippen aufeinander zu pressen, bringt nichts; Macy weiß genau, was dann passieren wird: Geflügelschere. Was sie noch nicht weiß, ist, was nach dem Fläschchen auf sie wartet, nachdem sie ein Bäuerchen und Aa gemacht haben wird.

Es gab für Regisseur und Koautor Rod Blackhurst eine Vielzahl von Gründen, diesen Film zu drehen. So bekam er zum Beispiel keinen Job als Regisseur von Horrorstreifen, weil die Studios ihm jedes Mal sagten: »Du hast so etwas noch nicht gemacht.«

Die Idee für »Dolly« stammt aus dem wirklichen Leben. Eine Freundin von Blackhurst hatte eine ziemlich gruselige Kindheit (»eine komplizierte Beziehung zu einer monsterartigen Mutter«, so Blackhurst). Später stand die junge Frau auf einmal selbst vor der Mutterschaft und stellte sich ständig die bange Frage, wie groß wohl die Gefahr sei, dass sich trotz aller guten Absichten der von ihr durchlebte Alptraum wiederholen könne.

Auch Macy mit der schmierigen Nuckelflasche im Mund war heute früh noch auf dem besten Weg, selbst Mutter zu werden. Stiefmutter zwar nur, aber eben doch verantwortlich für ein süßes kleines Mädchen, die Tochter ihres beinahe Verlobten Chase (Seann William Scott), der jetzt irgendwo da draußen auf allen Vieren durch den Wald kriecht und nach ihr sucht. Doch davon weiß Macy nichts. Ein Glück auch. Mit jedem Meter, den Chase vorwärts kommt, wird sein Bart schmutziger. Was vor allem daran liegt, dass sein Unterkiefer fast ab ist und nur noch auf einer Seite an einer Sehne baumelt. Das erschwert das Rufen nach seiner Liebsten, auf die jetzt gerade der Wickeltisch wartet.

Dolly kontrolliert nicht nur sämtliche Geschehnisse innerhalb ihres finsteren Holzhauses, auch alles, was sich draußen bewegt, ist nicht vor der großen eisernen Schaufel sicher, die sie im Freien stets griffbereit hält.

Auch wenn in »Dolly« reichlich Blut fließt, gibt es hin und wieder sehr stille, nahezu andächtige Bilder. Besonders friedlich wird es, wenn Dolly mit ihrer neuen Menschenpuppe nach dem Fläschchengeben und dem Windelwechsel im Schaukelstuhl sitzt und sie ihr etwas groß geratenes Baby behutsam in den Schlaf wiegt. Und sie wird ihr ängstliches Kindlein auch ganz bestimmt nicht fallenlassen, denn Dolly wird von Max Lindsey gespielt, besser bekannt als Max the Impaler, einem hünenhaften Wrestlingstar.

Als Regisseur Blackhurst zu Beginn eines Interviews einmal danach gefragt wurde, worum es in »Dolly« geht, antwortete er: »Es ist ein Film über Familienleben.«

Dieser eine kurze Satz fasst es ganz gut zusammen. Mir hat der Film vor allem deshalb gefallen, weil mir klargeworden ist, dass es jede Mama, auch meine, immer nur gut mit ihrem Kind meint.

→ »Dolly«, Regie: Rod Blackhurst, USA 2025, 83 Min., Kinostart: heute

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.06.2026, Seite 11, Feuilleton

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