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Aus: Ausgabe vom 07.04.2026, Seite 16 / Sport
Nachruf

Parallele Biographien

Zum Tod des legendären Dresdner Fußballspielers Hans-Jürgen »Hansi« Kreische
Von Ronald Kohl
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Hans-Jürgen Kreische im Januar 2021

Kotrainer: »Du, Walter, willste nicht langsam mal den Hans bringen?« Darauf der Trainer: »Für wen denn?« Der Kotrainer, aufgebracht: »Na für irgendeinen. Ist doch scheißegal!« – Der Hans, das war der in der Nacht zum 1. April verstorbene Hans-Jürgen »Hansi« Kreische, Mittelfeldregisseur und erfolgreichster Torschütze der SG Dynamo Dresden während der großen Zeit des Vereins in den 70er Jahren. Sein Mannschaftskamerad, der offensivstarke Libero »Dixie« Dörner, wird noch immer gerne der »Beckenbauer des Ostens« genannt. Man mag von dieser Art Analogien, schon wegen ihrer Einseitigkeit, nicht begeistert sein, doch der Vergleich bietet die Möglichkeit, Grenzen und Unterschiede herauszustellen.

Ich möchte Kreische nicht als »Dresdens Günter Netzer« bezeichnen (auch wenn beide langes blondes Haar mit einem interessanten Scheitel trugen). Auffällig an beiden Karrieren war der Dauerkonflikt mit dem Trainer. Bei Netzer endete er bekanntlich mit einer Selbsteinwechslung in seiner letzten Partie für Borussia Mönchengladbach (im DFB-Pokalfinale 1973 gegen den 1. FC Köln). Bei Kreische stand am Ende der Karriereabbruch: Er hat dem Trainer im November 1977 am Ende eines Punktspiels die Töppen vor die Füße geworfen, gewissermaßen eine dauerhafte Selbstauswechslung.

Eine auffällige, damals jedoch noch recht typische Parallele in beiden Biographien ist, dass sowohl Netzer als auch Kreische dort geboren wurden und aufwuchsen, wo sich später der wichtigste Abschnitt ihrer Laufbahn abspielen sollte. Eine weitere Gemeinsamkeit: die entscheidende Rolle des Vaters.

Schon Hansi Kreisches Großvater war in Dresden als Fußballspieler bekannt gewesen. Kreisches Vater Hans, eng befreundet mit dem ebenfalls aus Dresden stammenden späteren Bundestrainer Helmut Schön, verließ mit seiner jungen Familie, Hansi Kreische wurde 1947 geboren, die DDR, um erst in Westberlin und später in Heidelberg mit dem Fußball Geld zu verdienen. Irgendwann hatte die Mutter die Nase voll: »Wir wollen wieder nach Hause. Der Junge kommt bald in die Schule.«

In Dresden war Hansi Kreische zunächst das, was damals fast alle Jungen waren: Straßenfußballer mit Leib und Seele. Mit zehn Jahren bestritt er sein erstes Punktspiel in der Knabenabteilung von Dynamo, darunter gab es keinen organisierten Spielbetrieb. Knaben, das bedeutete, die Altersklassen 10 bis 14 befinden sich in einer Mannschaft und spielen von Beginn an Großfeld. Als Zehnjähriger sah Kreische dort keinen Stich. Sein Vater stellte nach dem ersten Spiel enttäuscht gegenüber der Mutter fest: »Also der, der wird mal nischt. Der steht nur rum.«

Eine Meinung, die auch sein späterer Trainer Walter Fritzsch gerne vertrat, selbst wenn es gut lief und Kreische, aus dem Mittelfeld kommend, im Strafraum seine Tore machte, auch auf internationaler Bühne, unter Flutlicht in Dresden.

Da Kreische als Abschluss seiner Sportlehrerausbildung eine Diplomarbeit über die Geschichte der SG Dynamo geschrieben hat, erscheint es angemessen, kurz zu beleuchten, warum Dresden die fußballverrückteste Stadt in Ostdeutschland geworden ist.

Es gab kein Westfernsehen, zudem hatte die Stadt die ideale Größe. In Berlin und Leipzig gab es jeweils zwei Vereine im Spitzensport, und die Sympathie der Bevölkerung gehörte den Unterprivilegierten, also Union und Chemie. In Dresden war der FSV Lok dann doch zu unbedeutend, um als Rivale gelten zu können. Zudem schlug die weitflächige, kriegsbedingte Verwüstung von »Elbflorenz« zu Buche. Dynamo hat der neu aufgebauten Stadt erst die »Seele eingehaucht«, das behaupten zumindest alle Experten.

Nach seiner aktiven Laufbahn war Hansi Kreische bis in die 90er Jahre als Nachwuchstrainer bei Dynamo tätig. Während der Zeit des finanziellen Niedergangs wurde er für die Saison 1995/96 als Cheftrainer verpflichtet. Das erfolgreiche Projekt einer von ihm aufgebauten Fußballschule empfahl ihn für die Nachwuchsabteilungen des HSV und später von RB Leipzig, bevor ihn Ralf Minge nach Dresden in die Jugendförderung zurückholte.

Ich möchte diesen Nachruf nicht abschließen, ohne auf eine Sache einzugehen, die Kreische ewig gewurmt hat: Er hat trotz des Potentials der Mannschaft nie einen internationalen Titel mit Dynamo geholt. Mit großer Verbitterung sprach er noch Jahrzehnte später über die von Rachsucht und Kleinlichkeit geprägte Aufstellung der Elf unter anderem im Cup der Landesmeister gegen Bayern München. Anstelle des erfahrenen Abwehrstrategen Klaus Sammer entschied sich Walter Fritzsch für einen Spieler, dem Uli Hoeneß dann mehrmals davonlief, was auch zu Gegentreffern führte. Da Hansi Kreische den Namen des Spielers nicht nannte, will auch ich es so handhaben (es handelt sich um jemanden, der später als Trainer sehr großen Wert auf Kondition und Schnelligkeit legte).

Der Fußball blieb in Hansi Kreisches Leben immer der Mittelpunkt. Das trifft sicher auch auf Günter Netzer zu. Für beide war es Beruf und Berufung. Und doch gab es bei beiden etwas, das noch tiefer saß.

Netzer hat einmal im Interview erzählt, dass er als kleiner Straßenfußballer bei den Großen nicht mitspielen durfte. Sein Vater, ein selbständiger Metzgermeister, hat ihm daraufhin einen Lederball gekauft, den einzigen im ganzen Viertel. Von da an hat Günter immer gespielt. Kein Wunder, dass Netzers Herz bis heute für das Geld schlägt (allein seine anekdotische Beschreibung der Vertragsverhandlungen bei Real Madrid ist legendär, andererseits spricht er noch heute von »seinen Gladbachern«). Hansi Kreisches Herz schlug bis zum Schluss für Dynamo.

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