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Kino

Das letzte Wort

Gegen alle Widerstände: Charlotte Devillers und Arnaud Dufeys’ Gerichtsdrama »Wir glauben euch«

Foto: Makintosh Films/The Party Sales
Kein leichter Gang: Alice (Myriem Akheddiou) und ihre Kinder auf dem Weg zum Gerichtssaal

Entschuldigen Sie diese Frage, aber: Wer will ernsthaft mit seinem Vergewaltiger Kontakt halten?«

Es ist die einzige rhetorische Frage, die Alice (Myriem Akheddiou) der Richterin zu stellen wagt. Alice darf es heute nicht vermasseln. Bei der ausführlichen Anhörung beider Parteien geht es – aus Sicht der Behörden – um das Wohl ihrer Kinder. Für Alice geht es um deren Schutz. Den Schutz vor ihrem Vater.

In der ersten Szene von »Wir glauben euch« sehen wir Alice, die es nicht gebacken bekommt, ihren zehn Jahre alten Sohn Etienne dazu zu bewegen, gemeinsam mit ihr und Lila, der sieben Jahre älteren Schwester, die Straßenbahn zu besteigen. Als die Bahn einfährt, legt Etienne sich auf den Boden. Seine Mutter ist machtlos. Die Straßenbahn fährt ohne die drei ab. – Der erste Kampf des Tages: verloren.

Bei der Sicherheitskontrolle im Gerichtsgebäude, das sie dann doch noch irgendwie erreichen, wird bei Etienne ein Küchenmesser sichergestellt, obwohl man ihm versichert hatte, dass er und sein Vater sich auf keinen Fall begegnen werden. Doch Etienne hat seine Erfahrungen mit dem juristischen Apparat, und auch heute wird in der Tat nicht alles so laufen, wie man es ihm zugesagt hatte.

Das Regiegespann Charlotte Devillers und Arnaud Dufeys verfolgt ausdrücklich nicht die Absicht, das juristische Prinzip der Unschuldsvermutung in Frage zu stellen, nur sollte nach dessen Überzeugung die Gefahr eines Missbrauchs entschieden größeres Gewicht bekommen als alle Bedenken hinsichtlich eines Kontaktverbots.

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Um diesen Ansatz umzusetzen, thematisiert der Film, dessen Hauptteil einzig aus den selten unterbrochenen Monologen während jener Anhörung besteht, zwei formal getrennt laufende Verfahren. Zum einen die Bemühung des Vaters, nach zwei Jahren wieder Kontakt zu seinen beiden Kindern haben zu dürfen. Und zweitens die laufende Untersuchung wegen der gegen ihn erhobenen Vorwürfe der sexualisierten Gewalt gegen die Kinder, die sein Recht auf Kontakt außer Kraft gesetzt haben – logischerweise, möchte man meinen. Weder Alice noch ihre traumatisierten Kinder verstehen deshalb auch nur ansatzweise den Sinn der heutigen Anhörung.

Devillers und Dufeys verfolgen erklärtermaßen die Absicht, die Justiz »visuell und formal« als ein »kafkaeskes Universum« zu porträtieren, das Kindern, um sie zu schützen, immer wieder alte Wunden aufreißt. Schlimm ist es auch für Alice, die ihre Kinder gegen deren Willen erneut der juristischen Prozedur aussetzen muss, wieder einmal in der vagen Hoffnung, dass danach endlich Schluss sein wird.

Bemerkenswerterweise kontrastiert der Handlungsablauf zu diesem scheinbar ewigen Anlaufen vollkommen. »Unsere größte Herausforderung bestand darin, sicherzustellen, dass das Tempo stimmt«, so die Regie.

Alice ist nicht nur ein Charakter, der sofort unsere Sympathie erobert, sondern auch einer, der sich innerhalb eines statischen Settings auffallend zügig entwickelt, gegen alle Widerstände.

Zunächst gegen den ihres Sohnes. Nachdem ihm der Sicherheitsdienst sein Obstmesser abgenommen hatte, lief Etienne wieder davon, verkroch sich im Erdgeschoss. Erst als er merkt, dass seine Mutter endgültig zu kapitulieren droht, will er seine Aussage machen.

Ihre wirklichen Gegner, den Exmann, dessen Anwältin und den Vertreter des Jugendamts, attackiert sie frontal. Sie hat das letzte Wort. Der Film folgt hier der in Frankreich und Belgien üblichen Praxis: Zunächst spricht die Verteidigung beider Seiten, dann der staatliche Vertreter und zum Schluss die Eltern, der Vater als Beschuldigter zuerst. Die sich aus dieser Reihenfolge ergebende Steigerung der Emotionalität wird in »Wir glauben euch« noch verstärkt, weil lediglich die Eltern von professionellen Mimen dargestellt werden; alle Juristen im Film werden von mit dem Familienrecht bestens vertrauten Advokaten gespielt, die dafür übrigens keinen Urlaub zu nehmen brauchten – wegen des äußerst knappen Budgets hatte das Drehteam nach nur drei Tagen alles im Kasten.

→ »Wir glauben euch«, Regie: Charlotte Devillers, Arnaud Dufeys, Belgien 2025, 78 Min., bereits angelaufen

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Erschienen in der Ausgabe vom 09.05.2026, Seite 11, Feuilleton

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→ Leserbriefe
  • Mario Primavesi/Prima*vero 11. Mai 2026 um 14:55 Uhr
    Ich verstehe den Satz »Das Regieteam (…) verfolgt ausdrücklich nicht die Absicht, das juristische Prinzip der Unschuldsvermutung in Frage zu stellen, nur sollte nach dessen Überzeugung die Gefahr eines Missbrauchs entschieden größeres Gewicht bekommen als alle Bedenken hinsichtlich eines Kontaktverbots« inhaltlich nicht. Oder ich verstehe ihn sogar besser als Autor und Lektorat selber. Die Unschuldsvermutung gegen eine potenzielle Gefahr »abzuwägen« ist doch exakt ihre fundamentale Infragestellung. Nur wird das durch eine Triangulierung trojanisiert und dann als Oxymoronie und also u. a. als Double-Bind/Dilemma/»bessere Realität« in die Welt gesetzt. Bemerkt noch jemensch anderes, dass die grundlegende Bewegungsart der Dialektik immer mehr durch eine neue Bewegungsart – die Triangulierung – ersetzt wird, und zwar auch in einem dann »sich entwickelndem neuen, verbesserten« Marxismus? Mit welch Schlangen müssten gegeneinander aufgebrachte Eltern und Kinder laokoonesk ringen in solch einer oxymoronen Uminterpretation von »Recht« und »Realität«? Letzte Frage: Wer wollte warum schon freiwillig in seinen eigenen Missbrauch einwilligen?
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