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Comic

Kein schönes Leben

Gefangen, gefoltert, auf der Flucht: Vier lesenswerte politische Comicneuerscheinungen

Foto: Reprodukt
Faktenbasierte Geschichten: »Schattenleben« von Jonas Seufert und Lisa Frühbeis

In den Comicecken besserer Buchhandlungen – schlechte haben keine – liegen zur Zeit vier mehr oder weniger biographische Neuerscheinungen, die sich rasch weglesen, aber lange nachhallen. Die erste gibt Einblicke in ein Grauen, das man nur verdrängen möchte. Wir haben von Abu Ghraib, Guantanamo, Sde Teiman und anderen Foltergefängnissen gehört; der Ruf des Wertewestens als Verteidiger der Menschenrechte ist, höflich gesagt, im Allerwertesten. Das macht die Verbrechen in anderen Unrechtsstaaten aber nicht kleiner. In »Al-Fazia’ – Das Grauen« erzählt der Syrer Akram Al Saud von seinen Erlebnissen im Gefängnissystem unter Assad: Verhöre, Prügel, Ungewissheit, mit Dutzenden anderen in viel zu kleinen Zellen eingepfercht werden, Todesangst, Entlassung, erneute Verhaftung. Bekannte werden nachts entführt, sterben unter der Folter, an Krankheiten oder unter Beschuss. Noch schlimmer wird es, als russische Flugzeuge Fassbomben abwerfen. Aber Nachbarn helfen auch einander, bieten Ausgebombten Unterschlupf. Als seine eigene Wohnung zerstört wird, entschließt Akram sich zur Flucht, die über vier Monate dauern wird. Der Comic entstand im Rahmen des internationalen Projekts »Survivor-Centred Visual Narratives« der Universität Victoria in Kanada und ist sehr dokumentarisch angelegt: Ein Drittel des Büchleins besteht aus Karten, Vorzeichnungen und langen, teils redundanten Anmerkungen und Danksagungen der Beteiligten.

In »Schattenleben« schildern vier Menschen ohne Papiere ihr Leben in Deutschland. Brienne entkam der Zwangsprostitution und hat ihre ehemalige Chefin verklagt. Dâus Eltern hatten ihren Hof verpfändet, damit sie in Europa studieren kann. Leider reichte das Geld überhaupt nicht, und die Vietnamesin schlägt sich mit Schwarzarbeit durch, damit ihre Eltern nicht völlig verarmt dastehen. Charlotte aus Kamerun wurde von ihrem Onkel vergewaltigt, dann von ihrer Familie verstoßen. Als ihr Asylantrag abgelehnt wird, lebt sie jahrelang ohne festen Wohnsitz, scheut sich auch vor Arztbesuchen. Nasir aus Somalia hat fast sein ganzes Leben in Deutschland verbracht, aber immer wieder behördliche Probleme, weil er keine Geburtsurkunde vorweisen kann. Zuletzt war er obdachlos. Zwischen die Lebensgeschichten setzen der Journalist Jonas Seufert und die Zeichnerin Lisa Frühbeis jeweils ein paar Faktenseiten zu Arbeit, Gesundheit, Abschiebung und Regularisierung.

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Die Journalistin Jutta Pilgram hat sich für ihren ersten Comic grafisch und erzählerisch stark von Persepolis, dem autobiographischen Klassiker der gerade verstorbenen Marjane Satrapi, aber auch von ihren eigenen Erfahrungen in einem religiösen Milieu inspirieren lassen. In »Glaub mir« geht es nicht um eine Kindheit im Iran, sondern um zwei in Deutschland. Die Protagonistinnen Regina und Malika erleben Religion nicht als Einschränkung ihrer jugendlichen Freiheit, sondern als Verbindung: Beide sind fromm und fühlen sich fremd unter Gleichaltrigen. Die Freundschaft geht aus nicht ganz geklärten Gründen in die Brüche, als Malikas Cousine Amira auftaucht, lebt aber Jahre später wieder auf, als die beiden sich in Ägypten wiedersehen. Amira hat nun drei Kinder von und ist glücklich mit dem Mann, den sie ursprünglich gar nicht heiraten wollte. Die Frömmigkeit der drei hat nachgelassen, ihre Brüder leben sogar vollends »in Sünde«.

»Die Summe seiner Teile« von Julia Zejn und Matthias Lehmann schließlich ist futuristisch, fiktional und leider doch nicht ganz unwahrscheinlich. Nach einem schweren Autounfall liegt Joshua im Koma und wartet auf den Tod. Sein Bewusstsein wird gescannt, hochgeladen und nach seinem Ableben simuliert – oder lebt er nicht tatsächlich im Computer weiter, aber jetzt schmerzfrei, unsterblich und nach nicht allzu langer Zeit gelangweilt und antriebslos? Kann er noch fühlen, depressiv werden? Marc-Antoine Matthieu hat in »Deep me« und »Deep it« den Horror der simulierten Existenz mit den Sinnen eines Maschinengeists erzählt. Hier sehen und fühlen wir mit Joshuas Partnerin Mara, die dem Upload zugestimmt hat und ihre Entscheidung langsam bereut. Manchmal ist man ganz froh, ein ruhiges Leben ohne besondere Vorkommnisse zu führen.

→ Tobi Dahmen, Akram Al Saud: Al Fazia’ – Das Grauen. Übersetzt von Jan Dinter. Carlsen-Verlag, Hamburg 2026, 128 Seiten, 25 Euro

→ Jutta Pilgram: Glaub mir. Jaja-Verlag, Berlin 2026, 244 Seiten, 24 Euro

→ Jonas Seufert, Lisa Frühbeis: Schattenleben. Menschen ohne Papiere erzählen. Reprodukt-Verlag, Berlin 2026, 160 Seiten, 24 Euro

→ ulia Zejn, Matthias Lehmann: Die Summe seiner Teile. Reprodukt-Verlag, Berlin 2026, 128 Seiten, 20 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 13.06.2026, Seite 10, Feuilleton

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