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Aus: Ausgabe vom 23.04.2026, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Das schöne Leben

Geld, Macht, Liebe: Thierry Klifas Spielfilm »Die reichste Frau der Welt« mit Isabelle Huppert als L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt
Von Ronald Kohl
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Hier sitzt die Chefin selbst: Isabelle Huppert

»Wo endet die Macht des Geldes?«, wird Marianne (Isabelle Huppert) gleich zu Beginn von »Die reichste Frau der Welt« gefragt. Marianne muss nicht lange überlegen. Der von ihrem Vater aufgebaute Kosmetikkonzern beschäftigt weltweit 88.000 Mitarbeiter. Papa ist längst tot, und sie steht einsam an der Spitze. Ihr Ehemann ist zwar offiziell der Chef, hat aber genauso wenig zu melden wie ihr Schwiegersohn, der im Vorstand für Produktneuerungen zuständig ist. Die Fäden hält einzig und allein Marianne in der Hand; seit Jahrzehnten bestimmt nur sie, wann Geld fließt und wohin. Sie weiß eben aber auch ganz genau, wo die Macht des Geldes aufhört: »Da, wo die Freude des Lebens anfängt.«

Die Journalistin, die ihr die Frage gestellt hat, klappt dankbar ihr Notizbuch zu. Jetzt hat sie genau den richtigen Schluss für ihren Artikel (und wir ein schönes Leitmotiv für einen Liebesfilm). Fehlen nur noch die Bilder. Das Magazin, das die Schönen und Reichen porträtiert und sich im Film passenderweise Selfish nennt, hat seinen als charmanten Schleimer verrufenen Fotografen Pierre-Alain Fantin (Laurent Lafitte) geschickt. Der übernimmt gleich das Zepter: Madame braucht eine neue Garderobe für das Shooting! Schließlich lockert er mit bloßen Händen ihr Haar auf. »Wer hat das denn verbrochen? – Nein, nicht anfassen!«, ruft er hysterisch, als sie mithelfen möchte. »Fassen Sie das tote Tier nicht an!« Sie lacht und gehorcht.

Als er ihr ein paar Tage später die Originalfotografie vorbeibringt und von seinen Schwierigkeiten berichtet, eine seinem Niveau entsprechende Ausstellung zu bekommen, überreicht sie ihm den ersten Scheck: 250.000 Franc. »Das ist mir aber wirklich sehr unangenehm«, sagt Fantin, nachdem er das kostbare Stück Papier in seiner Westentasche hat verschwinden lassen.

Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit. Und zumindest die eine, zentral im Raum stehende Zahl stimmt mit der Realität überein: Fast eine Milliarde Euro hat Francois-Marie Banier, Fotograf des Journals Egoiste, von der L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt in Form von Immobilien, Gemälden und Lebensversicherungen erhalten, bis die Tochter der Alleinerbin einschritt, im wirklichen Leben nicht weniger energisch als im Kino.

Im Prolog des Films erleben wir eine Razzia. Die Polizei hat die Villa gestürmt. Das Personal steht schon mit erhobenen Händen in der Halle, als sich Madame in ihrem Bett noch einmal umdreht. Ihre erste Frage beim Anblick der in ihrem Wohnzimmer herumwuselnden Flics lautet: »Weiß der Präsident davon?« Wir erfahren es nicht. Die Verquickungen des Kosmetikimperiums mit der Politik sind nur dann ein Thema, wenn Fantin, der Fotograf, das Familienidyll aufmischt: »Nach dem Krieg waren plötzlich alle im Widerstand gewesen!« Mit solchen Sätzen lässt sich schon mal eine gemütliche Frühstücksrunde sprengen.

Die Frage ist freilich nicht, ob er recht hat, sondern warum er das darf? Weshalb akzeptiert Madame, dass Fantin das System der Familie, Zurückhaltung und Diskretion, unterminiert? Weil er so gut im Bett ist? Das ist er vielleicht, nur schläft er nie mit Frauen. Aber er liebt sie. Oder doch nur ihr Scheckheft? Für Madames Tochter liegen die Dinge klar auf der Hand; Fantin ist ein Erbschleicher, ein Schmarotzer. Sie beginnt, gegen ihn zu arbeiten, obwohl auch ihr nicht entgeht, dass ihre Mutter aufblüht: Migräne, Appetitlosigkeit und die ewigen Rückenschmerzen – alles wie weggeblasen. Mitten in den aufziehenden Familienkrieg platzt dann die ganz große Bombe: Madames Ehemann, der eingangs erwähnte Frühstücksdirektor, hatte in der Besatzungszeit in Zeitungsartikeln gegen die Juden gehetzt. In den Fernsehnachrichten wird er nun unter anderem mit diesem Satz zitiert: »Sie zu denunzieren ist eine Pflicht, ein Dienst an der Gemeinschaft!« Madame kommentiert das mit den Worten: »Du hättest den Sender kaufen sollen.«

Wer auf diese Art von politisch unkorrektem Humor abfährt, kommt auf jeden Fall auf seine Kosten. Ansonsten ist es eine eher seichte Produktion, was auch daran liegt, dass Madames Tochter als schwacher, wankelmütiger Charakter auftritt. Sie spielt leidenschaftlich gerne Klavier, hat auch schon einmal eine Platte aufgenommen, die allerdings längst vergriffen ist. Madame hatte die komplette Auflage erworben und sofort einstampfen lassen. Die musikalischen Vorlieben der Tochter der L’Oréal-Erbin sind mir nicht bekannt. Vielleicht spielt auch sie gerne Klavier. Auf jeden Fall hat Francoise Bettencourt-Meyers als erste Frau der Welt die Marke von 100-Milliarden-US-Dollar Privatvermögen geknackt.

Die Affäre eins zu eins umzusetzen, hätte sicher das Budget gesprengt.

»Die reichste Frau der Welt«, Regie: Thierry Klifa, Frankreich/Belgien 2025, 123 Min., Kinostart: heute

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