Optimist des Willens
Nachruf auf den Schweizer Kapitalismuskritiker Jean Ziegler
Er war ein großer Geist in einem kleinen, manches Mal auch ziemlich kleinkariert wirkenden Land. Einem Land, das sein Wohlergehen vor allem denen da draußen verdankt, die es als sicheren Hafen für ihr Geld und als angenehmen Ort für Geschäfte aller Art nutzen. Dieser selbstzufriedenen Gesellschaft wollte sich der aus dem Berner Oberland stammende Hans Ziegler entziehen und ging nach Paris, später nach New York. Dank seiner Freundschaft mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir konnte er in der renommierten literarisch-politischen Zeitschrift Les Temps Modernes publizieren, musste dafür allerdings seinen Vornamen in »Jean« ändern.
Radikalisiert wurde Jean Ziegler durch einen zweijährigen Aufenthalt in Afrika im Auftrag der Vereinten Nationen. Dieser fiel in die Zeit unmittelbar nach der Ermordung von Patrice Lumumba, dem ersten kongolesischen Ministerpräsidenten, der sein Land auf einen eigenständigen Weg führen wollte. Der Kongo, ein rohstoffreiches Land, ist noch heute bitterarm, muss Kriege und Pandemien erleiden, während die Profiteure der Ausbeutung weiterhin bestens leben. Nach solchen Erfahrungen krassester Gegensätze zwischen Arm und Reich wollte sich Ziegler am liebsten dem bewaffneten Kampf in der »dritten Welt« anschließen. Che Guevara, der als Vertreter der kubanischen Regierung 1964 an einer Konferenz in Genf teilnahm und dem Ziegler dort als Fahrer diente, überzeugte ihn allerdings davon, dass sein Platz im »Gehirn des Monsters« sei. Hier müsse er kämpfen.
In einem Gespräch mit der schweizerischen Gewerkschaftszeitung Work anlässlich seines 90. Geburtstags im April 2024 erklärte Ziegler, Che Guevara habe ihm »den Weg der subversiven Integration gezeigt: in die Institutionen eintreten und ihre Kraft für die revolutionären Ziele nutzen«. So ging er in die Wissenschaft und übernahm an der Universität Genf den Lehrstuhl für Entwicklungssoziologie. Ziegler trat der Sozialdemokratischen Partei (SP) bei und wurde 1967 erstmals in den Nationalrat, die große Kammer des schweizerischen Parlaments, gewählt. Helmut Hubacher, langjähriger SP-Präsident, meinte einmal, so einen wie Ziegler brauche die Schweiz.
Das sahen viele, vor allem die Vertreter des eidgenössischen Bürgertums, nicht so. Ziegler kritisierte die schweizerischen Geschäfte mit Fluchtkapital sowie die ausgeklügelten Dienste der großen Banken für Steuerhinterzieher aus aller Welt mit aller Vehemenz und machte sich bald einen Namen als Kapitalismuskritiker. Dabei ging er, wie die Neue Zürcher Zeitung in ihrem Nachruf leicht süffisant schreibt, »keiner Kontroverse aus dem Weg«. 1998 antwortete er mit seinem Buch »Die Schweiz, das Gold und die Toten« auf den Skandal der »vergessenen« Konten ermordeter Jüdinnen und Juden bei Schweizer Banken. Die Finanzinstitute hatten sich die Gelder stillschweigend angeeignet. Ziegler sollte wegen »Landesverrats« angeklagt werden, doch das Verfahren verlief im Sande. Schließlich waren es die Banken, die sich rechtfertigen und in einem Vergleich rund 1,2 Milliarden US-Dollar an jüdische Hilfsorganisationen zahlen mussten.
Zieglers Sympathien für sozialistische Regierungen und antiimperialistische Bewegungen kamen und kommen beim bürgerlichen Mainstream natürlich nicht gut an. Im Nachruf der Neuen Zürcher Zeitung wird dies als »Liebe zu den Falschen« apostrophiert. Zu den Gemeinten zählte der 2011 ermordete libysche Führer Muammar Al-Ghaddafi, dessen »Menschenrechtspreis« Ziegler entgegengenommen hatte. Immerhin hält die NZZ fest, Ziegler habe gewusst, wovon er sprach und schrieb. Er sei kein Zyniker gewesen und das Elend der Welt habe ihn »fassungslos« gemacht.
Ein wenig beachteter Aspekt von Zieglers Denken und Argumentieren ist der religiöse. Der kommt in einem seiner ersten wissenschaftlichen Werke, »Die Lebenden und der Tod« aus dem Jahr 1975 (Deutsch 1977), zum Ausdruck. Dort vergleicht er den »Tod im Abendland« mit dem »afrikanischen Tod« und stellt Überlegungen zum Verhältnis zwischen »dem sicheren Tod des Körpers und dem ungewissen Tod des Bewusstseins« an. Dabei kommt Ziegler auch auf das Problem »der Fortsetzung der Existenz jenseits der Zäsur, der Wiederauferstehung«, zu sprechen. Er selbst glaubte an die Auferstehung. Das Leben könne nicht im Nichts enden.
Im Sinne Antonio Gramscis war Jean Ziegler ein Optimist: Pessimismus des Verstandes angesichts der zerstörerischen Herrschaft des Kapitals, doch Optimismus des Willens, den Widerstand dagegen und die Hoffnung auf eine andere Welt nicht aufzugeben.
Am 10. Juni ist Jean Ziegler im Alter von 92 Jahren in Genf verstorben.
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