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27.04.2026
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Trauer und Wut in Kaschmir
Indien: Seit dem Terrorangriff von Pahalgam hat Neu-Delhi seine Repressionen verschärft. Protest gegen Iran-Krieg
Ein Jahr nach dem letzten Krieg zwischen Indien und Pakistan ist das Kaschmirtal weiterhin von Repressionen betroffen. Bei einem der schlimmsten Terroranschläge der jüngeren Geschichte in Kaschmir hatten Bewaffnete am 22. April 2025 in Pahalgam 25 Touristen und einen Reiseführer erschossen. Seitdem herrscht im Kaschmirtal ein vollständiger Stillstand. Zwar verurteilten politische Parteien, Handelsverbände und gesellschaftliche Organisationen einmütig den Anschlag und bekundeten ihre Solidarität mit den Opfern und ihren Familien. Doch als kollektive Bestrafung leitete der indische Staat eine der brutalsten Repressionen in der Geschichte des Tals ein.
Innerhalb einer Woche wurden damals mehr als 2.000 Menschen festgenommen, viele mitten in der Nacht aus ihren Betten geholt und unter drakonischen Sicherheits- und Antiterrorgesetzen festgesetzt. Und mit einer Taktik, die dem israelischen Drehbuch entnommen schien, zerstörten die indischen Streitkräfte mindestens neun Häuser von mutmaßlichen Militanten in ganz Kaschmir. In einem Fall, im Dorf Murran in Südkaschmir, wurden mindestens zwölf Gebäude beschädigt, als indische Streitkräfte das Haus eines mutmaßlichen Militanten in die Luft sprengten.
Die vom indischen Staat angeführte Repression hat sich im vergangenen Jahr nur noch verstärkt. Die Einwohner berichten von einer Zunahme der Häufigkeit von polizeilichen Vorladungen und Hintergrundüberprüfungen. Im Juni wurde ein Lehrer an einer staatlichen Schule in Srinagar entlassen, nachdem bei solchen Ermittlungen ein entfernter Verwandter als mutmaßlich antiindischer Militanter identifiziert worden war. Im August wurden mindestens 250 von Hilfsorganisationen betriebene kaschmirische Schulen von der Unionsregierung unter dem Vorwand übernommen, dass die Schulen mit verbotenen islamistischen Gruppen verbunden seien. Im selben Monat verbot die indische Regierung dann 25 Bücher über Kaschmir, darunter auch Werke von Arundhati Roy, und warf den Autoren vor, »Sezessionismus und Terrorismus« zu verbreiten.
In einem Schritt, der als Versuch bezeichnet wurde, die Geschichte und das kollektive Gedächtnis des kaschmirischen Volkes auszulöschen, verhinderte die indische Regierung auch zum ersten Mal seit Jahren Versammlungen am Märtyrertag, an dem der Opfer des despotischen, feudalistischen Hindu-Dogra-Regimes in Kaschmir gedacht wird. Am 13. Juli 1931 hatten sich 4.000 bis 5.000 Menschen vor dem Gefängnis von Srinagar versammelt, um dem Prozess gegen Abdul Qadeer Khan beizuwohnen, der das Volk dazu aufgerufen hatte, sich gegen die Dogras zu erheben. Als die Menge jedoch versuchte das Gefängnis zu betreten, eröffnete die Polizei das Feuer, tötete 22 kaschmirische Muslime und verletzte viele weitere. Jener Tag gilt als Schlüsselereignis in der modernen Geschichte Kaschmirs, da die Morde ein neues Kapitel im Kampf um die Befreiung vom Feudalismus einläuteten. Im vergangenen Jahr stellte die indische Regierung jedoch alle wichtigen politischen Führer unter Hausarrest und hinderte den gewählten Ministerpräsidenten Omar Abdullah physisch daran, das Märtyrerdenkmal zu erreichen und der gefallenen Rebellen von 1931 zu gedenken.
Dennoch gingen die Kaschmirer im März zum ersten Mal seit 2019, als die hindunationalistische Regierung unter Modi die relative Autonomie des Bundesstaates Jammu und Kaschmir aufhob, auf die Straße, um die gezielte Tötung des Ajatollahs Ali Khamenei im US-amerikanisch-israelischen Krieg gegen den Iran zu betrauern. Aus dem ganzen Kaschmirtal, in dem zahlreiche Schiiten leben, wurde von Protesten nicht zuletzt gegen den offen proisraelischen Kurs Neu-Delhis berichtet, bei denen sich große Gruppen von Trauernden versammelten, die Porträts des iranischen Führers trugen und Parolen zur Verurteilung des Angriffs skandierten. Es gab tagelange Unruhen, die auf strenge Sicherheitsmaßnahmen und Einschränkungen der Kommunikation sowie der Berichterstattung zurückzuführen waren, die von der indischen Regierung im gesamten Tal verhängt worden waren. Auch in anderen Regionen Indiens wurden Proteste verzeichnet, darunter Verurteilungen der Tötung Khameneis durch verschiedene kommunistische Parteien.
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