Zum Inhalt der Seite

Morgen um diese Zeit

Erneutes US-Ultimatum an Iran

Foto: Mark Schiefelbein/AP/dpa
Drohen und zerstören: Trumps derzeitige Lieblingsbeschäftigung (West Palm Beach, 29.3.2026)

Im Oktober 1962 gab es einen Tag, an dem unser Deutschlehrer sich nach dem Unterricht von uns mit einer kurzen Ansprache verabschiedete, die mit den Worten endete: »Morgen um diese Zeit sind wir vielleicht alle nicht mehr am Leben.« Irgendwo hatte er wahrscheinlich ein »meine Herren« eingebaut, denn wir waren in dem Alter, wo die Lehrer zum Siezen übergingen, und diejenigen, die den Krieg als Offiziere verbracht hatten, eben so sprachen. Er war in der Sowjetunion gewesen.

Es muss der 24. Oktober 1962 gewesen sein, ein Mittwoch. Wenige Stunden später begann eine vom US-Präsidenten John F. Kennedy angeordnete »Quarantäne«, eine Blockade Kubas durch Kriegsschiffe, nachdem die Sowjetunion Raketen auf der Insel stationiert hatte. Sowjetische Schiffe sollten gezwungen werden, sich innerhalb einer 500-Meilen-Zone einer »Inspektion« zu unterwerfen. Das widersprach eindeutig internationalem Recht. Bange Stunden, aber alle sowjetischen Schiffe drehten vor Erreichen des Sperrgürtels ab. In den folgenden Tagen und Wochen wurde eine Lösung nach dem uralten diplomatischen Prinzip »do ut des« (Ich gebe, damit du gibst) ausgehandelt.

Anzeige

In der Nacht zu Mittwoch läuft – falls Donald Trump nicht plötzlich ein neuer Zeitplan einfällt – wieder einmal ein Ultimatum ab, von dem sich nicht sagen lässt, was auf dem Spiel steht. Der US-Präsident hatte dem Iran am 21. März erstmals mit der ­Zerstörung seiner Energieanlagen gedroht, falls er sich nicht allen Forderungen unterwerfen würde. Es folgten mehrere neue Terminsetzungen und immer wildere Vernichtungsdrohungen, die der exzentrische Milliardär mit Märchen über angeblich vielversprechende gute Gespräche abwechseln ließ. Am Sonnabend setzte Trump eine angeblich wirklich allerletzte »Deadline« mit 48-Stunden-Frist. Andernfalls werde er »die Hölle auf sie niederregnen lassen«. Folgend konkretisierte er: »Dienstag, 20:00 Uhr Eastern Time!« Am Freitag hatte er auf seinem persönlichen Forum »Truth Social« unter Bezug auf die Zerstörung einer großen Brücke in der Islamischen Republik gedroht, »viel mehr« werde folgen. »Es ist Zeit für Iran, einen Deal zu machen, bevor es zu spät ist.«

Den USA ist das militärische Potential zuzutrauen, diesen Krieg noch monatelang fortzusetzen, das industrielle Potential zumal, ihre Kriegsgeräte zu erneuern, deren Zahl zu vergrößern, qualitativ zu verbessern, und die kriminelle Energie und der Überlegenheitswahn, die dafür erforderlich sind. Die Gefahr einer regionalen Ausweitung des Krieges ist real. Dass wir morgen vielleicht nicht mehr leben, ist – soweit es jedenfalls diesen Krieg angeht – für uns kaum zu befürchten. Aber für die Bevölkerung Irans ist das eine reale Gefahr. In einem gewissen Sinn, trotz aller Unterschiede, liegt darin etwas von der »tragischen Einsamkeit« Vietnams, die Che Guevara beklagte.

Themen:
junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 07.04.2026, Seite 3, Ansichten

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
→Leserbriefe
  • Wilfried Schubert aus Güstrow 8. Apr. 2026 um 12:18 Uhr
    Eine Regionalmacht bietet der Weltmacht USA und Israel erfolgreich Paroli. Für die Iraner stellt der Widerstand einen ersten Sieg dar. Die Revolutionsgarden nutzen dazu alle Aspekte der asymmetrischen Kriegsführung. Zwar erleidet der Iran gewaltige Zerstörungen und seine Wirtschaft wird geschwächt. Doch weiß der Iran, dass seine Abschreckungsfähigkeit wirksam ist. Seine zentrale geografische Lage und Seine natürlichen Ressourcen sind von Vorteil. Obwohl der Iran keine Atomwaffen hat, zwingen ihn die Ereignisse fast zwangsläufig dazu. Denn nicht nur die USA verfügen über ein umfangreiches nukleares Arsenal, auch der Angreifer hat zumindest 90 nukleare Waffen. Enttäuschend die Haltung der Bundesregierung zum Krieg gegen den Iran. Während Bundespräsident Steinmeier den Angriff auf den Iran noch als völkerrechtswidrig bezeichnete, eiert die Bundesregierung nur rum.
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!