Zum Inhalt der Seite
Krieg gegen Iran

Reigen der »Offenbarungen«

Israel und Emirate: Meldungen über Besuche und militärische Kooperation werfen mehr Fragen auf, als dass sie Klarheit schaffen

Foto: Ronen Zvulun/REUTERS
Strickt gern eigene Legenden: Benjamin Netanjahu auf dem Weg zu einer Pressekonferenz in Jerusalem (19.3.2026)

Das Verhältnis Irans zu seinen arabischen Nachbarn in der Region hat sich während des von den USA und Israel am 28. Februar begonnenen Angriffskriegs erheblich und offensichtlich verschlechtert. Was in der vorigen Woche über einen bis dahin geheim gehaltenen Besuch Benjamin Netanjahus in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) bekannt wurde, rundete das Bild nur ab. Die offizielle Mitteilung darüber, die das Büro des israelischen Premierministers am 13. Mai veröffentlichte, stieß die Tore weit auf für eine Flut ergänzender Meldungen: Auch die Chefs des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad, David Barnea, und des Inlandgeheimdienstes Schin Bet, David Zini, sollen nach Kriegsbeginn in Abu Dhabi gewesen sein, Barnea sogar mindestens zweimal, im März und im April. Am Freitag behauptete der staatliche israelische Sender Kan, dass auch der Stabschef der Streitkräfte, Generalleutnant Eyal Zamir, die VAE besucht habe. Er sei dabei von zwei anderen Militärvertretern begleitet worden, deren Namen nicht genannt wurden. Zu den Gesprächspartnern der israelischen Gäste soll meist auch der Präsident der Emirate, Scheich Mohammed bin Zayed, gehört haben.

In diesem Zusammenhang steht auch die Aussage des US-Botschafters in Israel, Mike Huckabee, Tel Aviv habe heimlich Luftabwehrbatterien seines Systems »Iron Dome« an die VAE geliefert, begleitet von eigenem Fachpersonal und Ausbildern. Huckabee eröffnete mit dieser Behauptung am 11. Mai während einer Konferenz in Tel Aviv den Reigen der »Offenbarungen«, die letztlich alle immer noch als unzureichend bewiesen, wenn auch politisch absolut plausibel betrachtet werden müssen.

Für die Regierung der Emirate, die neben Bahrain der einzige Staat der Region sind, der 2020 die »Abraham Accords« mit Israel unterschrieben hat, sind die »Enthüllungen« der vergangenen Woche überaus peinlich. Zusammenarbeit mit dem zionistischen Staat, zumal gegen andere Muslime, gilt in großen Teilen der islamischen Welt immer noch als unehrenhaft. Offiziell bestreiten die VAE die Richtigkeit aller diesbezüglichen Meldungen. Unzweifelhaft ist, dass die gemeldeten hochrangigen Besuche, falls sie wirklich stattgefunden haben, an die Voraussetzung strenger Vertraulichkeit gebunden waren. An eine solche Zusicherung zu glauben, wäre allerdings von vornherein leichtfertig und dumm gewesen. Für die israelische Seite wäre der Anreiz, das »Geheime« öffentlich zu machen und arabische Staaten gegeneinander auszuspielen, viel zu stark gewesen.

Anzeige

Seit Sonntag gibt es eine Legende: Netanjahu habe sich entschlossen, seinen Besuch in Abu Dhabi nachträglich offiziell zu machen, weil sein politischer Hauptrivale Naftali Bennett eine ähnliche Reise geplant habe. Das hätte dann so aussehen können, heißt es, als wäre Bennett dort ein willkommener Gast, der Premierminister jedoch nicht. Als erster erzählte der Privatsender Kanal 12 diese auf den ersten Blick nicht einmal ganz unwahrscheinliche Geschichte. Sie vermag aber nicht zu erklären, warum nach der Mitteilung aus dem Büro des Premierministers auch die angeblichen Besuche von Barnea, Zini und Zamir in den VAE öffentlich breitgetreten wurden.

Schon am 11. Mai hatte das Wall Street Journal (WSJ) berichtet, dass die Emirate hinter einigen Militärschlägen gegen iranische Ziele gestanden hätten, darunter auch hinter dem Angriff auf eine Raffinerie auf der Insel Lavan Anfang April. Offiziell hatte sich damals niemand als Urheber dieser Angriffe »bekannt«. Die VAE dementierten die Darstellung des WSJ ausdrücklich. Die britische Tageszeitung Telegraph behauptete in diesem Zusammenhang am Sonntag, die US-Regierung »ermutige« die Emirate, »sich direkter in den Krieg gegen Iran involvieren zu lassen«. Einige nicht namentlich gekennzeichnete US-amerikanische »Officials« hätten der Regierung in Abu Dhabi sogar vorgeschlagen, die Insel Lavan mit militärischer Gewalt zu übernehmen.

Die deutlich enger gewordene militärische Zusammenarbeit mit den meisten arabischen Staaten der Region würdigte der Kommandeur des Zentralkommandos der US-Streitkräfte, Admiral Brad Cooper, am Donnerstag bei einer Anhörung im Streitkräfteausschuss des Senats. Dank des Mitte Januar geschaffenen Zentrums für die gemeinsame Raketenabwehr (MEAD-CDOC) im Luftwaffenstützpunkt Al-Udeid auf dem Territorium Katars hätten während dieses Kriegs »zum ersten Mal in der Geschichte« US-Luftverteidiger »Schulter an Schulter« mit ihren arabischen Partnern operiert.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 19.05.2026, Seite 7, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!