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Aus: Ausgabe vom 27.02.2026, Seite 6 / Ausland
Nahostkonflikt

Gegen linkes Lagerdenken

Eine Antwort auf Mathias Dehnes Aufruf zu »kritischer Solidarität« mit der Islamischen Republik Iran. Von Fabian Lehr
Von Fabian Lehr
Januar-Proteste im Iran.jpg
Furor gegen die Islamische Republik: Die Aufnahme zeigt mutmaßliche iranische Regimegegner (Teheran, 9.1.2026)

Unter dem Titel »Verbunden im Antiimperialismus. Die Rolle der Islamischen Republik Iran für den palästinensischen Befreiungskampf« ist kürzlich in der jW ein Beitrag von Mathias Dehne erschienen, der sich mit einem Artikel von Sanaz Azimipour im Freitag auseinandersetzt. Darin hatte die Autorin ihre Irritation über die taktische Unterstützung der Islamischen Republik durch Teile der deutschen Linken aus geopolitischem Lagerdenken heraus ausgedrückt. Dehne sieht in Azimipours Kritik einen »moralischen Imperativ«, demgegenüber es eine nüchterne Analyse der weltpolitischen Rolle der Islamischen Republik zu unternehmen gelte. Diese müsse unterm Strich positiv ausfallen, weil Teheran ein Gegengewicht gegen die USA und einen Rückhalt für den palästinensischen Befreiungskampf darstelle. Er zitiert dazu zustimmend aus einem Aufsatz, in dem der Iran klassifiziert wird als Staat, der »objektiv eine Funktion der Gegenwehr gegen die volle Entfaltung der US-imperialistischen Hegemonie« ausübe – eine Variante der Charakterisierung auch ausgesprochen reaktionärer Regierungen als »objektiv antiimperialistisch«, sofern sie in einem außenpolitischen Konflikt mit den USA oder anderen NATO-Mächten stehen.

Dieser Begriff des »objektiv antiimperialistischen« Charakters bestimmter reaktionärer Regierungen wurde gelegentlich in der Zeit des Kalten Krieges auf bürgerlich-kapitalistische Staaten angewandt, die zwar im Innern weit von sozialistischen Vorstellungen entfernt waren, mit denen die Sowjetunion aber ein taktisches Bündnis unterhielt, das auf globaler Ebene den sowjetischen Block stärkte. Dieses Konzept war auch im Kalten Krieg nicht unproblematisch. Aber die damalige Welt war doch immerhin von einem echten Systemkonflikt zwischen einer sozialistischen und einer kapitalistischen Welt geprägt, in der der US-geführte NATO-Block den mit Abstand stärksten und aggressivsten imperialistischen Akteur darstellte.

Bei der Rivalität des Iran mit Israel und den USA handelt es sich aber nicht um einen Systemkonflikt. Die Islamische Republik ist ein bürgerlich-kapitalistisches Regime, das eine eigenständige expansive Machtpolitik betreibt und sich in einem lockeren Bündnis mit dem ebenfalls bürgerlich-kapitalistischen Russland befindet. Weder der Iran noch sein Bundesgenosse repräsentieren ein in irgendeiner Weise fortschrittlicheres Gesellschaftssystem. Ja, die Islamische Republik ist nicht nur kein sozialistischer, sondern ein vehement antikommunistischer Staat: Die Tudeh als wichtigste kommunistische Organisation Irans ist brutal zerschlagen worden, ihre Mitglieder wurden ermordet, eingekerkert oder ins Exil getrieben. Dementsprechend charakterisiert die Tudeh aus dem Exil heraus die Islamische Republik als eine reaktionäre Tyrannei, deren Sturz durch die Massen unbedingt zu unterstützen sei. Und doch empfiehlt Dehne Kommunisten, denen in Teheran der Galgen drohen würde, taktische Solidarisierung mit diesem Staat aufgrund seiner außenpolitischen Gegnerschaft gegen USA und Israel. Damit wird in seiner Replik an Azimipour genau das von ihr kritisierte Lagerdenken reproduziert, das das von Linken gegenüber einem Staat einzunehmende Verhältnis ausschließlich aus deren außenpolitischer Bündnislage und nicht aus ihrem Klassencharakter und ihrer inneren Politik ableiten will und im Zweifel Solidarität auch mit einer extrem reaktionären antikommunistischen Diktatur einfordert, wenn diese nur in Rivalität zu den USA steht.

Linke in NATO-Staaten wie Deutschland müssen sich selbstverständlich energisch gegen jede Unterstützung US-amerikanischer militärischer Regime-Change-Pläne wenden, die nicht zu einer Befreiung der Massen, sondern nur zu Tod und Elend und höchstens zur Ersetzung eines reaktionären Regimes durch ein mindestens ebenso reaktionäres, nun pro NATO eingestelltes Regime führen würde. Daraus folgt aber keine Solidarisierung mit der Islamischen Republik in ihrem Kampf gerade gegen die progressivsten Schichten ihrer eigenen Bevölkerung. Die Bevölkerungen auch vermeintlich »objektiv antiimperialistischer« Staaten des globalen Südens können von Linken nicht als bloße Figuren auf einem geopolitischen Spielbrett betrachtet werden, wenn wir Internationalismus ernst nehmen wollen, der eben Solidarität der Völker und nicht ihrer bürgerlichen Regierungen meint.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (27. Februar 2026 um 19:00 Uhr)
    Wer lesen kann, ist im Vorteil. Meine Leseempfehlung: Den letzten Absatz in www.jungewelt.de/artikel/517819.nahostkonflikt-verbunden-im-antiimperialismus.html (dieser Link ist auch zu Beginn dieses Artikels angeführt) lesen, am besser zwei oder dreimal. Dann löst sich die Argumentation hier reichlich in Luft auf.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Michael G. aus Leipzig (27. Februar 2026 um 16:52 Uhr)
    Fabian Lehr wirft Mathias Dehne vor, mit dem Konzept des »objektiv Antiimperialistischen« ein überholtes Lagerdenken zu reproduzieren. Seine eigene Kritik aber weist erhebliche Widersprüche auf. Lehr verengt Imperialismus auf einen Systemkonflikt: Nur ein sozialistischer Gegensatz könne eine objektiv antiimperialistische Rolle begründen. Damit wird der Imperialismusbegriff entleert. Lenin definierte Imperialismus ökonomisch als Stadium des Monopolkapitals, gekennzeichnet durch Kapitalexport und Ausbeutung der Peripherie. Entscheidend ist, ob ein Konflikt die imperialistische Weltordnung schwächt – nicht, ob ein sozialistischer Staat/Partei beteiligt ist. Lehr verabsolutiert den Klassencharakter des Iran und entwertet damit dessen Stellung im globalen Machtgefüge. Die Analyse internationaler Kräfteverhältnisse wird durch die Fixierung auf die innere Klassenstruktur ersetzt. Die aggressive Bedrängung durch USA und Israel tritt in den Hintergrund. Er wendet die Hauptfeind-Doktrin nur halb an. Westliche Regime-Change-Politik will er bekämpfen – richtig. Doch die Folgen eines Krieges blendet er aus: Hunderttausende Tote, mit hoher Wahrscheinlichkeit Chaos wie in Syrien oder Libyen. Ein erfolgreicher Regime Change würde den Iran nicht befreien, sondern in eine Halbkolonie zurückwerfen. Lehrs Internationalismus bleibt widersprüchlich. Solidarität mit den Völkern – korrekt. Aber Regierungen sind auch die Organisationsform, in der sich Völker im Kampf gegen den Imperialismus bewusst oder unbewusst behaupten (müssen). Diese strategische Dimension fehlt. Am Ende bleiben gut klingende Phrasen statt einer konkreten Strategie. Wer den Unterschied zwischen den Imperialisten mit all ihren Werkzeugen – Militär, Geheimdienste, Sanktionen, kulturelle Hegemonie – und einem sich wehrenden Staat einebnet, lähmt antiimperialistische Praxis – und nützt objektiv dem Imperialismus.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (27. Februar 2026 um 10:09 Uhr)
    »Die Islamische Republik ist ein bürgerlich-kapitalistisches Regime, das eine eigenständige expansive Machtpolitik betreibt und sich in einem lockeren Bündnis mit dem ebenfalls bürgerlich-kapitalistischen Russland befindet.« Das ist schon ein starkes Stück, ausgerechnet dem vom Imperialismus bedrohten Iran eine expansive Machtpolitik zu unterstellen. Und wenn Lehr mit dem Argument »wenn wir Internationalismus ernst nehmen wollen« dem Iran die Solidarität verweigert, spricht da etwa der »frühere Trotzkist« (Fabian Lehr über Fabian Lehr)? Zu diesem Thema ist ein Artikel der Kommunistischen Organisation vom 12.02.2026 zu empfehlen: »(Anti-)Imperialismus, ›Campismus‹ und der Iran. Eine Antwort an Fabian Lehr und alle Befürworter eines Regime Changes im Iran.« Leseprobe: »Einleitung: Während die Kriegsvorbereitungen gegen den Iran auf Hochtouren laufen und dem Land wortwörtlich die Pistole auf der Brust liegt, ist man sich von der Springerpresse bis weit hinein in die Linke einig: Die Islamische Republik soll um jeden Preis fallen. Mit dem ›Campismus‹ avanciert aktuell ein trotzkistischer Kampfbegriff zum linken Modewort. Vor allem vor dem Hintergrund der Parteinahme vieler Linker und Kommunisten für die Beseitigung des ›Mullah-Regimes‹ sind mit ›Campisten‹ jene gemeint, die sich angeblich blind hinter ›bürgerliche Nationalstaaten‹ wie den Iran stellen würden. Wer sich demzufolge an die Seite von Staaten stellt, die entgegen dem Druck des US-Imperialismus um ihre nationale Souveränität ringen, sei im Lager des Reformismus und Nationalismus angekommen. Am Beispiel des Irans wird besonders deutlich, wie diese Überzeugung dazu führt, sich in die Agenda der herrschenden Klasse einzureihen. Unsere Stellungnahme ›Solidarität mit der Islamischen Republik Iran‹ hat dementsprechend einige wütende Kommentare und kritische Reaktionen hervorgerufen. (…)«
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Christoph H. (26. Februar 2026 um 21:22 Uhr)
    Danke. Den Vulgär-Antiimperialismus sollten wir inzwischen wirklich überwunden haben.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Thomas Z. aus Duisburg (26. Februar 2026 um 20:31 Uhr)
    Die Oberflächlichkeit dieses Textes demonstriert, wie schlecht es um die Linke in Deutschland steht. Während Dehne sich Mühe gibt, möglichst nah an der globalen, regionalen und iranischen Realität zu argumentieren, kehrt sich Lehr fast völlig von jeder konkreten Realität ab: Dehne spricht über den palästinensischen Befreiungskampf – Lehr blendet ihn komplett aus; Dehne redet über die konkrete Politik des Iran gegenüber Israel und den USA – Lehr redet über den bürgerlich-kapitalistischen Charakter, den der Iran mit den USA und Israel teilt; Dehne beschreibt, wie der Iran sich bemüht, sich durch regionale Bündnisse gegen die imperialistische Bedrohung abzusichern – Lehr schwadroniert über eine »expansive Machtpolitik« Teherans. Zwar distanziert sich Lehr natürlich von westlichen Regime Change-Versuchen, relativiert sie aber zugleich, indem er überhaupt nicht konkret über sie redet und ihre Ausmaße damit faktisch relativiert. Dass er auch noch behauptet, im Iran würden die »progressivsten Schichten« unterdrückt, liest sich zumindest so, als würde er mit den jüngsten, von Tel Aviv und Washington offen unterstützten Unruhen sympathisieren. Wie weit weg Lehr von der Realität ist, zeigt sich aber vor allem an seiner völlig verqueren Sicht auf die Weltlage: Der Iran sei in einem »Lager« mit Russland. Wer die Entwicklungen in den letzten beiden Jahren verfolgt hat, weiß, dass man kaum ernsthaft von einem solchen Lager reden kann. Dieses nicht existierende »Lager« dient Lehr und Co., um eine Situation wie 1914 herbei zu phantasieren, eine Träumerei über bessere, »revolutionärerer« Zeiten. Revolutionär sein bedeutet aber, die objektive Realität zu erkennen und danach zu handeln. Und das bedeutet heute, zu erkennen, dass es nur ein imperialistisches Lager gibt, das der NATO, das die Welt im Würgegriff hält. Und dass es – leider – bislang kein realexistierendes zweites Lager gibt, auf das sich Linke überhaupt stellen könnten.

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