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Langsam eingeknickt

Foto: Damian Dovarganes/AP/dpa

Es war eine schwere Geburt. Am Mittwoch, ganze neun Monate nach der Zollvereinbarungen mit den USA am 21. August 2025 haben sich das Europäische Parlament (EP) und der Europäische Rat auf die Umsetzung des Deals verständigt. Per Verordnung werden »Einfuhrzölle auf Industriegüter aus den USA abgeschafft«, wird weiteren Waren »ein präferenzieller Marktzugang gewährt«, so der Rat. Den USA bleibt indes vorbehalten, Zölle von bis zu 15 Prozent auf Waren aus der EU zu erheben – und erneut mit höheren Zöllen zu drohen, sollten das US-Kapital noch etwas wünschen. Damit rechnet man hierzulande schon, weshalb der Rat sich stellvertretend für die untergebutterte EU rühmt, einen »soliden Schutzmechanismus« verankert zu haben.

In der BRD weiß man um die Machtlosigkeit der heimischen Herrscher und redet sie sich daher mehr oder minder schön. »Immerhin hat das EP noch den Stolz, Trump etwas entgegenzusetzen«, goutierte die SZ, dass die Abgeordneten im Gegensatz zu Kommission und Bundesregierung nicht direkt eingeknickt sind. »Allein das verdient Respekt – auch wenn der Zolldeal per se einer Unterwerfung gleichkommt.« Vor allem spreche aus der Einigung »der Wille zur Schadensbegrenzung – und ein großes Misstrauen gegenüber dem wichtigsten Handelspartner«, wusste der Tagesspiegel. Dass man »dem US-Präsidenten keinen Blankoscheck ausgehändigt« habe, sei sinnvoll, »ein erneuter Wortbruch Washingtons« nämlich »kein unwahrscheinliches Szenario«. Vorerst sei aber »Aufatmen angesagt«.

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Noch zufriedener mit der Knechtschaft gibt sich die FAZ: »Einen besseren Deal hätte die EU nicht erreichen können«, da sie »sicherheitspolitisch zu abhängig von den Amerikanern« sei. »Viel zu lang« habe »die Hängepartie« gedauert, habe die Industrie auf »ein wenig Planungssicherheit« warten müssen. »Zu Recht ungeduldig geworden« sei da der US-Präsident. Hofiert wird letzterer bei der Taz nicht und statt dessen von einer rosigeren Zukunft geträumt: Die EU könne »das Abkommen 2029 revidieren, wenn Trump hoffentlich weg ist«. Das Urteil ist dasselbe, mutet aber resignierter an: »Die EU ist zu schwach, um stärker aufzutrumpfen.«

Jenseits vom Atlantik hat die Presse offenbar wenig Interesse daran, die Einigung zu kommentieren. AP berichtete nüchtern von »heftige Debatten« unter den Abgeordneten sowie Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Mitgliedstaaten, die »das mühsam ausgehandelte Abkommen« zwischenzeitlich »gefährdet haben«. Wie auch das Wall Street Journal erinnert die Nachrichtenagentur an Trumps Grönlandgelüste sowie den Verfassungsbruch mittels Zollkrieg. Dass die EU dagegen irgendwas auszurichten vermag außer Verzögerung, ist hinlänglich bekannt, bedarf also keiner Rede.

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.05.2026, Seite 2, Ansichten

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