Gott ist nicht neutral
Von Frederic Schnatterer
revolutionäres Potential, heute Hang zur Reaktion? Die Rolle des Christentums in Lateinamerika hat sich in den vergangenen Jahrzehnten geändert. Gerade evangelikale Freikirchen sind mittlerweile zum sozialen Vehikel erzkonservativer Positionen geworden und stützen rechte politische Projekte in einer Region, die ohnehin nach rechts rückt. Das war durchaus einmal anders. Daran erinnert der Dokumentarfilm »The Gospel of Revolution«. Er spürt der Geschichte der Befreiungstheologie nach und erinnert an heute fast vergessene Zeiten.
In großen Teilen Lateinamerikas gewinnen ab den 1960er Jahren revolutionäre Bewegungen an Bedeutung. Auch Vertreter der katholischen Kirche mischten mit im Kampf gegen diktatorische Regime und für eine bessere Welt. Teils nahmen sie dabei auch selbst die Waffe in die Hand. Auf dem Subkontinent, dessen Bevölkerung insbesondere auf dem Land zutiefst katholisch geprägt ist, legten Kirchenvertreter das Evangelium radikal aus. Die Parteinahme für die Ausgeschlossenen und Unterdrückten wurde zum Kern ihres Christentums. Oder wie die Journalistin und Theologin María López Vigil im Film erklärt: »Die Befreiungstheologie ist keine Theorie. Sie ist eine Praxis. Sie ist eine Art, in der Welt zu sein.« Die dahinterstehende Idee: »Gott ist nicht neutral. Er steht auf der Seite der Armen.«
In vier Kapiteln geht der französische Regisseur François-Xavier Drouet vier bedeutenden Momenten in der Geschichte des progressiven Katholizismus nach. Er trifft den belgischen Pastor Roger Ponseele, der zwölf Jahre lang die Revolution in El Salvador begleitete, auch wenn er selbst nie eine Waffe in die Hand nahm. Am Beispiel Nicaraguas wird deutlich, wie der Vatikan in seiner Sorge vor Machtverlust und aus antikommunistischer Überzeugung die Befreiungstheologen bekämpfte, die auf Seiten der sandinistischen Revolution standen. In Brasilien, der historischen Hochburg der Befreiungstheologie, porträtiert die Dokumentation den Widerstand gegen die Militärdiktatur und den Beginn der Landlosenbewegung. Im mexikanischen Chiapas zeichnet Drouet nach, wie Teile der katholischen Kirche von einem Apparat der kolonialen Unterdrückung indigener Gemeinschaften zu einem Verbündeten im Kampf um Selbstbestimmung und Würde wurden.
Dabei lebt der Film vor allem von faszinierenden Originalaufnahmen, deren Präsentation eine außergewöhnliche Archivarbeit vorausgegangen sein muss. So begleitet er einen Gottesdienst in einer von der Guerilla Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional (FMLN) befreiten Region in El Salvador. Wir wohnen Szenen der Totenmesse für den Erzbischof von San Salvador, dem wegen seines Engagements ermordeten Oscar Romero, bei, die von Militärs niedergeschossen wird. Und wir sehen, wie Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch im revolutionären Nicaragua die Priester des Landes arrogant maßregelt. Die vielen Interviews mit wichtigen Vertretern der Befreiungstheologie sind wertvolle Zeitdokumente und liefern spannende und berührende Perspektiven, darunter von so großen Persönlichkeiten wie den Brasilianern Leonardo Boff und Frei Betto.
»The Gospel of Revolution« macht außerdem deutlich, wie brutal die Vertreter der Befreiungstheologie verfolgt wurden. Ob in El Salvador oder Brasilien, in den Diktaturen, die im Verbund mit den Vereinigten Staaten kommunistische Bestrebungen bekämpften, warteten Kerker, Folter und Mord. Selbst in Nicaragua, wo formal weiter die Erben der siegreichen Revolution regieren, droht ihnen heute Repression.
Regisseur Drouet gelingt ein in sich geschlossener Film – was angesichts der Fülle an Geschichten, die in verschiedenen Momenten an unterschiedlichen Ecken Lateinamerikas spielen, eine erhebliche Leistung ist. So schafft er ein spannendes Abbild hoffnungsvollerer Zeiten, ohne dabei ins Nostalgische abzurutschen.
»The Gospel of Revolution«, Regie: François-Xavier Drouet, Frankreich/Belgien 2024, 116 Min., Kinostart: heute
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