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Pop

Der einsame Hedonist

Sein Body und er: Udo Lindenberg zum 80. Geburtstag

Foto: Daniel Reinhardt/dpa
Udo Lindenberg und die »Udo Lindenberg Experience« (Hamburg, 13.3.2018)

Es ist schon ein bisschen schräg, dass ausgerechnet die Verwertungsgesellschaft Gema, die ja ganz auf wirtschaftliche Aspekte der Musiknutzung ausgerichtet ist, einen Sonderpreis für Innovation auslobt, als wäre sie ein Hort der Musikkritik. Mindestens genauso schräg ist, dass Udo Lindenberg den diesjährigen Preis erhielt, immerhin macht er seit mehr als einem halben Jahrhundert dasselbe: kommerzialisierten, in den Mainstream überführten Deutschrock. Das Innovative ist längst verjährt. Aber möglicherweise will die Gema schlichtweg ein wenig teilhaben am Trubel um Lindenbergs 80. Geburtstag.

Dass der Musiker diesen Tag überhaupt erlebt, grenzt an ein Wunder. Der Mann, der jahrzehntelang mit Lady Whisky unterm Säufermond tanzte, kann es wohl selbst kaum fassen. Vermutlich deshalb hat er auf seinem aktuellen Album die Dankeshymne »Mein Body und ich« von 2003 noch einmal aufgewärmt.

Um Lindenberg ranken sich viele Mythen: der Norddeutsche, der aus Westfalen kam, mit Otto Waalkes und Marius Müller-Westernhagen in einer WG lebte. Für die »Tatort«-Titelmelodie am Schlagzeug saß. Aber all diese biographischen Bruchstücke haben nichts mehr zu tun mit dem Rocker, der Mitte der neunziger Jahre hinter Hut und Sonnenbrille verschwand und zur Marke Udo wurde. Zu ihr gehört das Unbehauste im Hotel, die Malerei mit Likören, die Ersatzfamilie aus Musikern und Weggefährten. Und natürlich der markante nasale Sprechgesang.

Die Themen, die Lindenberg seit Jahrzehnten besingt, sind ebenso vielseitig wie sein Stimmumfang. Zu Beginn seiner Karriere drehten sich Lindenbergs Lieder oft um seine Wahlheimat »Hoch im Norden«, dazu gab es Stimmungsbilder von der »Honky Tonky Show« auf der Reeperbahn, die er mit dem »Boogie-Woogie-Mädchen« besuchte, das oft erschreckend jung war, wie die 14jährige »Nina«. Noch in den Neunzigern sang Lindenberg von einer Minderjährigen »an der Schwelle zum Frausein« und einer anderen, die auch »Noch nicht reif« für ihn war.

Diese sexbeladenen und entsprechend problematischen Oden an »Lolita« wurden vom Publikum kritiklos hingenommen. Sie gingen unter im Angesicht von Liebesballaden wie »Cello«, »Horizont« oder »Ich lieb’ dich überhaupt nicht mehr«, die – im starken Kontrast – weitestgehend ohne Körperlichkeit auskommen.

Überhaupt zieht sich die Flucht vor engeren Beziehungen wie ein roter Faden durch Lindenbergs Schaffen. Von frühen Versionen wie »Daumen im Wind« und »Er wollte nach London« bis zu »Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klau’n« und »Flipper« beschreibt er eine ziellose Suche, Hauptsache: weg.

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Bei seinem unerwarteten Comeback 2008 schwebte er als Astronaut verkleidet auf die Bühnen der Republik. Diese Figur hatte Lindenberg schon 1982 für sich entdeckt, um Einsamkeit zu versinnbildlichen. Auf dem Album »Stark wie zwei«, das ihn erstmals an die Spitze der Charts katapultierte, besingt er in »Der Astronaut muss weiter« erneut die Einsamkeit des Weltalls, deutet das Alleinsein aber in der Hitsingle »Mein Ding« gleichzeitig positiv um: Der Sonderling ist zum Star geworden.

Mit Album und Single setzte ein später Ruhm ein, der zu MTV-unplugged-Alben und einem Musical führte, zu »Goldener Henne« und Bundesverdienstkreuz. Nebenbei entstanden die Mutmachlieder »Wenn du durchhängst« und »Durch die schweren Zeiten« sowie die »Mein Ding«-Variation »Komet«.

Solche Erfolge sind nicht nur Lindenbergs Esprit zu verdanken, sondern auch all den ganz verschiedenen Musikern, die er in seinen kreativen Arbeitsprozess einbezieht. Von Ulla Meinecke und Inga Humpe bis zu Clueso und Apache 207 tummeln sich zahllose Geister um das Panikorchester, das Lindenberg im Kern seit den Siebzigern begleitet. Der einsame Mann ist – welch Widerspruch – auch ein begnadeter Menschenfänger.

Auf der anderen Seite steht ein Publikum, das früher den provokanten Jugendversteher liebte, in den Neunzigern die in die Jahre gekommene Witzfigur bespöttelte und ihn dann – wie Karl Lagerfeld abgespeckt und im Slimfit-Anzug frisch verpackt – als Kultfigur neu lieben lernte.

Aber wofür eigentlich? Freundschaft, Sinnsuche, die endlose Party – das sind Lindenbergs große Themen, die er ­genial bespielt. Gelegentlich wird er auch als politischer Künstler gesehen, weil er ab und an nach links geschaut und die Welle der Friedensbewegung geritten hat. Dabei stieß er allerdings an seine Grenzen, weil Coolness eben keine Tiefe hat.

Lindenberg kreierte in den Siebzigern schwach sozialkritische Porträts um Rudi Ratlos, Jonny Controlletti und Bodo Ballermann. Seine Ballade »Wir wollen doch einfach nur zusammen sein« nutzt die deutsche Teilung, um in die Sehnsucht zu fliehen. Ein Lindenberg-typisches Verhalten in Sachen Liebeslied.

In den Achtzigern arbeitete sich Lindenberg intensiver an der Politik ab, doch Lieder wie »Russen«, »Der Generalsekretär« und der legendäre »Sonderzug nach Pankow« sind mehr spaßhaft überdreht als von wirklicher Substanz. Wenn er Moskau als »Wahnsinns-Halli-Galli-Stadt« besingt, klingt das genauso oberflächlich wie sein Aufruf gegen »diese neuen Nazi-Schweine«. Immerhin bewegt sein Friedensappell »Wozu sind Kriege da?«, der zeitlos wurde, weil er keinen konkreten Bezug hat.

Gerhard Schröder und Angela Merkel werden in Lindenbergs Liedern zu Ulkfiguren, die nachfolgenden Kanzler blieben unbesungen. Der späte Lindenberg bleibt vage, wenn es um Krieger im All geht und um die aktuellen TV-Nachrichten. Er flieht in die Liebe und in den Selbstzweifel: »Und er fragt sich, ob er mit seinen Liedern / überhaupt was erreichen kann / Wir wollten doch die Welt verändern – irgendwann«. Am 17. Mai wird Udo Lindenberg 80 Jahre alt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 16.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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