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Literatur

Das Märchen vom gefallenen Prinzen

Foto: IMAGO/KHARBINE-TAPABOR
Ein Prinz ohne Räuber

Es war einmal ein schöner Prinz, der edel, tapfer und gewesen war. Die Jungmägde hatten längst neue Schwärme, die Zeit vergeht so schnell, jetzt haben sie bei Aldi schon wieder Lebkuchen im Regal. In eines keuschen Edelfräuleins Herzen aber glomm die alte Liebe noch in aller Herrlichkeit. Dereinst seine Spielgefährtin war sie schon im zarten Jugendalter in ein fernes Land gezogen. Nun, nach ihrer Eltern Tod, und längst der nur erkauften Liebesdienste ihrer Knappen überdrüssig, rief sie die kluge Rechna aus dem Tale, ihr zu zeigen, wie es dem Teuren wohl ergehe. In der Hexe Kugel Örf sah sie den Prinzen in der alten Heimat, doch − oh Schreck! − er war verletzt und wie von Sinnen, dunkle Gestalten beugten sich über ihn. Sogleich hieß sie die Rechna wieder hinunterfahren und brach eilig auf, in ihrer Ahnen Land den Prinzen aufzusuchen.

Der Prinz und die Gefolgschaft aus dem Montessori-Orden Hauptschule Rheinbachstraße wähnten sich noch in den wackeren Jugendjahren. Nach angestammtem Brauche gaben sie zum Monatsersten in des hehren Kaufmanns Bülent Schenke neben dem Pornokino ein Bankett mit trauten Weisen und den Köstlichkeiten aus dem Orient mit Fritten. An den anderen Tagen kehrte der Tross zum Trank in der Hofeinfahrt des Prinzen ein und feierte bis zum Morgengrauen, dass es nur so eine Pracht war. Hier war es auch, wo er in einer gar zu derben Nacht darniedersank und fortgetragen ward. Jessica, die Mutter immerhin des letzten seiner Kinder, wollte fürderhin nur noch per Anwalt mit ihm reden.

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Das Edelfräulein aus der Ferne aber nahm sich seiner an. Denn Rechnas Zauber und die Liebe machten, dass sie im gefallenen noch immer nur den schönen Prinzen sah. Sie war ja auch nicht mehr die Jüngste. Und außerdem gibt es Beratungsstellen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 16.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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