Aus: Ausgabe vom 16.10.2018, Seite 6 / Ausland

Stimme der Entrechteten

Vatikan spricht Befreiungstheologen Óscar Arnulfo Romero aus El Salvador heilig

Von Volker Hermsdorf
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»Bis heute niemand angeklagt oder zur Verantwortung gezogen«: Prozession am Samstag in San Salvador

Papst Franziskus hat am Sonntag sieben Katholiken heiliggesprochen – neben Papst Paul VI., der deutschen Ordensschwester Katharina Kasper und Nazaria Ignacia, der ersten Heiligen Boliviens, auch den früheren Erzbischof von El Salvador, Óscar Arnulfo Romero. Sie alle stünden für den Einsatz der Kirche für die Armen, sagte Franziskus vor rund 60.000 Gläubigen auf dem Petersplatz in Rom. »Wo das Geld im Mittelpunkt steht, gibt es keinen Platz für Gott und auch keinen Platz für den Menschen«, sagte Franziskus während der Messe.

Der einst konservative Óscar Romero, der sich später zu einem Vertreter der Befreiungstheologie entwickelte, setzte sich für besitzlose Bauern ein, kämpfte für Reformen und gegen die Unterdrückung sozialer Proteste. Der antikommunistische polnische Papst Johannes Paul II. hatte sich noch gegen den Befreiungstheologen gestellt, seit Sonntag wird er in Lateinamerika als »San Romero« verehrt.

El Salvador wurde 1980 von einer Koalition aus rechten Militärs und einem Dutzend mächtigen Familien beherrscht. Auf einen Generalstreik am 17. März 1980 reagierte das Regime mit einem Vergeltungsschlag, durch den allein in der Hauptstadt 54 Menschen getötet wurden. »Ich flehe Sie an, nein, ich befehle Ihnen im Namen Gottes: Beenden Sie die Unterdrückung«, wandte sich Romero am 23. März in seiner letzten Predigt an die Militärs. Kein Soldat sei verpflichtet, Befehle auszuführen, die gegen das Gesetz Gottes verstoßen, sagte er.

Einen Tag später wurde der Erzbischof während der Messe von einem Heckenschützen erschossen, Auftraggeber war der CIA-Agent Oberst Roberto D’Aubuisson. Romero war innerhalb von drei Jahren der elfte Priester, der in El Salvador ermordet wurde. Während seiner Beisetzung explodierte mitten in der trauernden Menge eine Bombe. Auf die in Panik geratenen, fliehenden Menschen wurde aus dem Staatspalast und anderen Regierungsgebäuden geschossen. Mindestens 40 Personen kamen dabei ums Leben, Hunderte wurden verletzt.

Die wichtigste kubanische Tageszeitung Granma erinnerte am Sonntag daran, dass die Todesschwadronen, denen auch der Oberst D’Aubuisson angehörte, vom US-Auslandsgeheimdienst CIA finanziert worden waren. Nach dem Mord an Romero bewilligte die US-Regierung im Januar 1981 zehn Millionen US-Dollar Militärhilfe für das Regime und die Entsendung zusätzlicher »Berater«.

Der derzeitige Weihbischof von El Salvador, Kardinal Gregorio Rosa Chávez, ein ehemaliger enger Vertrauter von Romero, kritisierte am Wochenende, dass bis heute niemand für den Mord angeklagt und zur Verantwirtung gezogen wurde. Im Gegenteil: Roberto D’Aubuisson gründete im September 1981 die ultrarechte Partei »Nationalistische Republikanische Allianz« (Alianza Republicana Nacionalista, Arena), deren spätere Wahlprogramme unter anderem mit Unterstützung der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung aus Deutschland entwickelt wurden. Der Mörder Romeros starb Anfang 1992 in San Salvador, er musste sich für seine Verbrechen nie vor Gericht verantworten.

Um so größer waren am Sonntag Freude und Genugtuung vieler Bürger des Landes, die die Rede von Papst Franziskus auf großen TV-Leinwänden verfolgten. »Arena hat Romero umgebracht, die Kirche spricht ihn heilig«, hieß es auf Transparenten auf der Plaza Civica vor der Kathedrale in der Hauptstadt. Präsident Salvador Sánchez Cerén bezeichnete Romero als »Stimme der Stimmlosen«, dessen Botschaft von sozialer Gerechtigkeit im Volk weiterlebe.

Auf einer Kundgebung in Managua erklärte Nicaraguas Präsident Daniel Ortega, Romero habe gepredigt, dass das Evangelium der Mehrheit der Menschen verpflichtet sei. »Und die Mehrheit sind die Armen, die Bauern und die Arbeiter«, rief Ortega vor Tausenden Zuhörern. Der argentinische Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel kommentierte am Sonntag vom Petersplatz in Rom aus: »Von heute an beten wir Lateinamerikaner zu San Romero, und bitten ihn darum, dass er uns im Kampf für Demokratie, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit unterstützt.«


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  • Doris Prato: Ausdruck der Heuchelei Dass Volker Hermsdorf die Heiligsprechung von Romero unter den sieben Heiligen auswählt, ist verständlich. Nicht aber, dass junge Welt sich darauf beschränkt und es nicht für nötig hält, darauf einzug...

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