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16.05.20261 Leserbrief
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An die Substanz
Der Kulturpalast Bitterfeld ist erneut gefährdet. Der Bürgermeister will aus dem Projekt aussteigen
Seit dem März 2025 schien es, als sei der Bitterfelder Kulturpalast gerettet. Die städtische Ratsversammlung fasste einen Grundsatzbeschluss zu Umbau und Sanierung des traditionsreichen Hauses. Eine Stadtentwicklungsgesellschaft (Steg) übernahm es als neue Eigentümerin. Doch der Schein trog: Erneut beschäftigte sich der Stadtrat nun am Mittwoch mit dem Thema, und manches deutet auf einen Ausstieg aus dem Projekt »Musical- und Ausstellungszentrum im Kulturpalast« hin.
Der »Kupa«, wie er in der Gegend nur genannt wird, war zwischen dem 1. Mai 1952 und dem 24. Oktober 1954 als multifunktionelles Zentrum des VEB Elektrochemisches Kombinat im Bitterfelder Industriegebiet errichtet worden. Durch ihre Arbeit erwirtschafteten 5.000 Freiwillige allein ein Drittel der Gesamtkosten. Der Bau entwickelte sich schnell zu einem kulturellen Treffpunkt. Hier wurde 1959 auch eine neue Etappe der DDR-Kulturrevolution eröffnet. Unter dem Motto des Schriftstellers Werner Bräunig »Greif zur Feder, Kumpel!« setzte eine Konferenz Signale für eine engere Beziehung zwischen den Welten der Arbeit und der Literatur – noch heute wäre es lohnenswert, sich der Idee und deren Ergebnissen anzunehmen.
Was auch im Kupa geschehen sollte, zumindest wurde es zeitweilig diskutiert, ebenso wie eine kommerzielle Ausrichtung bei Wahrung des kulturellen Charakters. Dieses Jahr soll zum dritten Mal das selbstorganisierte Festival »Osten« im und um den Kupa herum stattfinden. Unter welchen Besitzverhältnissen, ist offen. Alles wie gehabt, möchte man fast meinen. Seit dem Anschluss der DDR an die BRD und besonders seit der Übernahme des Kupa für einen Euro durch einen Westunternehmer 2003 ist die Zukunft des Palastes unklar. 2013 wurde er geschlossen und steht seither leer, was an der baulichen Substanz nagt, es gründete sich eine Bürgerinitiative gegen den drohenden Abriss. Der lokale Veranstalter Matthias Goßler übernahm die Umgestaltung zu einem Multifunktionsgebäude, die damalige Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sagte vier Millionen Euro Fördermittel zu. Doch Goßler verstarb 2022 bei einem Unfall.
Schließlich wollte die Stadt das Gebäude übernehmen. Doch nun wird ein von der Steg in Auftrag gegebenes Gutachten von Oberbürgermeister Armin Schenk (CDU) genutzt, um »die Reißleine (zu) ziehen«, wie die Mitteldeutsche Zeitung (2./3.3.2026) kommentierte. Tatsächlich allerdings liest sich die 17seitige »Gutachterliche Stellungnahme« des Instituts für moderne Unternehmensführung (IMU) wie ein Papier zur Verhinderung einer zukünftigen Nutzung. Nicht nur für Reinhard Waag, langjähriger Leiter des Palasts (1995–2003), sind die vorgebrachten Argumente mehr als »fadenscheinig«.
Gutachterin Uta van den Broek, eine Volkswirtin, rechnet vor: Die 20 Millionen Euro aus dem Strukturstärkungsprogramm für Kohleregionen wie die Lausitz und zwei Millionen Euro Eigenmittel des Veranstalters reichten bei weitem nicht aus. Bis zu 36 Millionen würden benötigt. Zu einem ähnlichen Ergebnis käme eine Münchner Firma, die »führend ist bei Theaterbauten«, sagte Steg-Geschäftsführer Heiko Kaaden der MZ. Zudem liege keine »Nutzungsgenehmigung« vor, und ob das Bauordnungsamt eine solche erteile, sei unklar, so OB Schenk. Da das Gebäude im Sicherheitsbereich zweier »Störbetriebe« liege, kämen weitere Kosten für den Katastrophenschutz hinzu. Außerdem sei der Kupa-Saal mit derzeit 946 Plätzen »zu klein« für den Investor.
Dieser wird dazu freilich nicht befragt. Laut Planung des Unterhaltungsproduzenten Willem Metz aus Haarlem in den Niederlanden soll im sanierten Palast dauerhaft das Musical »Shanghai Orchid« aufgeführt werden. Schenk meint nun, dass das finanzielle Risiko, das die Stadt eingehe, nicht überschaubar sei. Es könnte zu Folgekosten und Regressforderungen kommen. Deswegen sei es notwendig, von dem Projekt zurückzutreten.
Der Vorstoß kommt kurz vor knapp: Die vertragliche Ausstiegsklausel für die Steg ist noch bis 30. Juni gültig. Da fragt sich, weshalb das sonderbar anmutende Gutachten erst so kurzfristig präsentiert wurde. Die Spekulationen gehen weiter, von anderer Gewichtung der Fördermittel ist die Rede. Und die Zukunft des Kupa ist wieder einmal offen.
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