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18.03.2026
- → Antifaschismus
Nur scheinbar gegen die Eliten
Le Pens ultrarechte Partei biedert sich dem Kapital an – offenbar zum Missfallen der Basis
Mitten in den laufenden Kommunalwahlen und etwa ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich liegt der ultrarechte Rassemblement National (RN) in den Wahlumfragen mit 35 Prozent deutlich vorn. Das Bündnis aus Sozialdemokraten, Grünen und der linken La France Insoumise (LFI) kommt auf 24 Prozent – es ist jedoch unklar, ob die Parteien bis zur Wahl wieder zusammenfinden werden. Das vom scheidenden Präsidenten Emmanuel Macron 2021 ins Leben gerufene bürgerliche Bündnis Ensemble pour la République (deutsch: Zusammen für die Republik) kommt auf lediglich 14 Prozent.
Dementsprechend große Hoffnungen macht sich der RN, 2027 die Präsidentschaft zu übernehmen. Um den Schritt von der Oppositions- zur Regierungspartei vorzubereiten, biedert sich die Parteiführung verstärkt französischen Konzernchefs an, wie aus einem Bericht der US-Nachrichtenagentur Bloomberg von vergangener Woche hervorgeht. Seit 2021 hätten sich in der Führung der Partei und im Umfeld ihrer langjährigen Vorsitzenden Marine Le Pen vermehrt Berater aus der Welt der Finanzen und Unternehmen breitgemacht – ausgebildet an denselben Elitehochschulen wie die Politiker des französischen Establishments, die der RN seit Jahrzehnten als Feinde ausmacht –, heißt es in dem Bericht. Der prominenteste und einflussreichste unter ihnen ist der 42jährige François Durvye, ein Investmentbanker, der zu einem engen Berater Le Pens geworden ist. In seinem Schloss in der Normandie soll er Le Pen tagelang auf ihr Fernsehduell gegen Macron vor den Präsidentschaftswahlen 2022 vorbereitet haben.
»Sie sind ein Zeichen dafür, dass wir mit einer anderen Welt kommunizieren können; sie schlagen Brücken zur Wirtschaftswelt«, sagte Le Pen vergangenes Jahr in einem Interview mit der Tageszeitung Libération über den Kreis um Duryve. Was eine Reihe von Wirtschaftsbossen Bloomberg anonym von ihren Treffen mit Le Pen und deren 30jährigen Nachfolger Jordan Bardella berichtet haben sollen, lässt darauf schließen, dass der Einfluss der wirtschaftsnahen Berater bereits Früchte trägt. So sollen die beiden Steuersenkungen, Deregulierungen, die Unterstützung von Unternehmen in Aussicht gestellt haben – von der geplanten Änderung einer Abgabe zugunsten von Spitzenverdienern wollen Le Pen und Bardella demnach absehen.
Wer von den beiden im kommenden Jahr zu den Präsidentschaftswahlen antreten wird, ist derweil noch unklar. Im März 2025 wurde Le Pen wegen Veruntreuung von EU-Geldern zu vier Jahren Haft und einem Kandidaturverbot bis 2030 verurteilt. Ein Berufungsgericht soll bis zum Sommer das Urteil prüfen.
Ob Bardella oder Le Pen, fest steht: Der RN will vor den Wahlen seine Treue zum Kapital deutlich machen und hofft offenbar auf großzügige Wahlkampfspenden und darauf, weitere konservative Wähler abzugreifen. Bloomberg zufolge rumort es jedoch an der Basis der Partei, die sich seit Jahrzehnten als Gegenpol zu den Eliten des Landes inszeniert. Besonders in der Arbeiterklasse verfing die Rhetorik der ultrarechten Partei – bei den Parlamentswahlen 2024 kam der RN laut einer Ipsos-Umfrage bei Arbeitern auf 57 Prozent. Wohl auch, weil sich die Partei bislang immer gegen eine Anhebung des Rentenalters positioniert hat und vorgab, multinationale Konzerne zur Kasse bitten zu wollen und Bankgebühren zu senken. Die neuen Töne des RN – etwa die Abkehr von der Forderung eines EU-Austritts und ihre Absage an eine Reichensteuer – dürften den Wählern aus der Arbeiterklasse nicht gefallen.
Solange Themen wie Migration oder Islam die öffentliche Debatte dominieren und Parteien wie der RN sich mit rassistischen Diskursen profilieren, drängt deren Widerspruch von antielitärer Inszenierung und tatsächlicher Kapitalnähe in den Hintergrund. Doch je näher sie der Regierung kommen, desto offensichtlicher tritt dieser zutage.
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