SS-Gedenken in der Kirche
Von Dieter Reinisch, Wien
Seit dem Umbau des Platzes in der Postgasse im Ersten Wiener Gemeindebezirk hat dieser einen fast südländischen Charme, vor allem an warmen und sonnigen Apriltagen. Zwischen der alten Postzentrale, der ersten Universität Wiens – deren Gebäude heute das Universitätsarchiv beherbergt – und einigen kleinen Bars sowie Restaurants tummeln sich Touristen. Unscheinbar zwischen den Gebäuden eingezwängt: die Barbara-Kirche.
Sie ist ukrainisch-uniert und griechisch-katholisch. Über dem Eingang hängt eine ukrainische Nationalfahne; rechts neben dem Eingang an der Fassade ist eine Gedenktafel für den ukrainischen Dichter und Komponisten Andrij Gnatischin zu erkennen, der hier sechs Jahrzehnte lang bis zu seinem Tod 1995 tätig war.
Viel mehr Einblick bekommen unvorbereitete Besucher aber nicht – in den vergangenen Jahren ist die Kirche nahezu immer versperrt. Nur zu den Gottesdienst- und Messzeiten wird der Eingang geöffnet. Das ist bedauerlich; die Innenausstattung ist sehenswert und künstlerisch wertvoll. Auch im Inneren der Kirche befinden sich einige Gedenktafeln – doch nicht alle sind auf der Website der Stadt Wien auffindbar, auf der sonst alle im Stadtgebiet befindlichen Monumente erfasst sind. Eine, die fehlt, hängt rechter Hand des Eingangs: Sie ist den »Gefallenen für die Freiheit der Ukraine« gewidmet und trägt die Jahreszahl 1981.
Der genaue Wortlaut: »НА ВІЧНУ СЛАВУ – ПОЛЯГЛИМ ЗА ВОЛЮ УКРАЇНИ. Den Gefallenen für die Freiheit der Ukraine zur ewigen Ehre. Association of Ukrainian Former Combatants in Great Britain, Brotherhood of Veterans of I. UD, Brotherhood ›Brody-Lew‹, 1981.«
Die »Association of Ukrainian Former Combatants in Great Britain« bestand hauptsächlich aus ehemaligen Soldaten der Waffen-SS-Division »Galicia«. Die Bezeichnung » I. UD«, also »1st Ukrainian Division«, ist die späte Umbenennung der Waffen-SS-Division »Galicia« im Jahr 1945. »Brody-Lew« ist eine Veteranenbruderschaft – ebenfalls von ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS-Division »Galicia«.
Kurz gesagt: Die auf der Tafel genannten Verbände gehören zum Veteranenumfeld dieser Waffen-SS-Division beziehungsweise der späteren »1st Ukrainian Division«. In Österreich fällt die öffentliche Ehrung von SS-bezogenen Veteranen in den Rechtsrahmen des NS-Verbotsgesetzes, des Abzeichengesetzes und des Vereinsgesetzes. Die Tafel ist damit nicht nur ein kirchliches Erinnerungsobjekt, sondern ein Fall mit juristischer Relevanz. Dies ist wohl der Grund, weshalb sie die Stadt Wien nicht in ihrer Gedenktafeldatenbank führt. Eine schriftliche Anfrage an die Stadtverwaltung blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
In den vergangenen Jahren wurde die Barbara-Kirche ein Zentrum des Banderismus in Wien, wie ein Kenner der Szene, der anonym bleiben möchte, gegenüber jW erzählte. Die enge Verbindung des Platzes mit der ukrainischen Diaspora zeigt sich auch an einer Petition an die Stadt Wien, die die Umbenennung in »Ukrainerplatz« fordert. In der Petition heißt es: »Seit Anfang des Krieges, 24. Februar 2022, ist dieser Platz ein Treffpunkt und Sammelort für alle Ukrainer in Österreich, alle Freiwilligen, alle Vertriebene aus der Ukraine sowie für alle gutherzigen Leute, die den Ukrainern, den Vertriebenen aus der Ukraine und den Soldaten in der Ukraine helfen wollen.« Für die ukrainische Gemeinde sei dieser Platz »zum Hauptquartier aller Ukrainer (geworden)«.
Laut Quellen, die anonym bleiben wollen, wird im Umfeld der Kirche regelmäßig Geld für die ukrainische Armee gesammelt. Seit dem 1. Januar 2023 wird in Wien vor dem Parlament alljährlich an den Geburtstag des ukrainischen Hitlerkollaborateurs Stepan Bandera gedacht. Die Mobilisierung zum ersten Bandera-Marsch vor drei Jahren begann unmittelbar nach dem Gottesdienst in der Barbara-Kirche.
Organisator der Märsche in Wien ist der »Mirja Sport-, Kultur-, Wirtschafts- und Integrationsverein«. Er ist verantwortlich für die meisten ukrainischen Straßenaktionen in Wien. Darunter auch der Protest gegen die Buchvorstellung des Sammelbands »Der Bandera-Komplex« der jW-Autorin Susann Witt-Stahl am 11. Oktober 2025.
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