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Die Zeiten sind vorbei

Streit um Oranier-Marsch in Nordirland

Foto: Nadia Caimi/JNA PressIMAGO/
Solidaritätsdemonstration mit Portadown am 3. Oktober 2026

Rund 30 Jahre ist es her, da brachte der Marsch des probritischen Oranier-Ordens in Portadown die nordirische Provinz zum Brennen. Es kam zu Straßenschlachten und Morden, vor allem gegen irisch-katholische Zivilisten. Dann war Schluss mit dem Spuk. Die Oranier-Märsche zielen darauf, der Bevölkerung in Nordirland zu signalisieren, wer Herr der Straße ist. Nun gibt es erneut Streit, doch das Machtgefüge hat sich gedreht. Der britische Minister für Nordirland, Chris Bryant, hat den Marsch gänzlich verboten – in den 1990er Jahren hätte er noch Wasserwerfer und Gummigeschosse geschickt.

Rückblick: Mitte der 1990er Jahre hatten die Anwohnerinnen und Anwohner der irischen Garvaghy Road in Portadown das diskriminierende Spektakel endgültig satt. 1995 versuchten sie mit Sitzblockaden die Polizei dazu zu bringen, den Marsch umzuleiten – »re-route« war ihre Forderung. Als die damals noch »königliche« nordirische Polizei RUC den Marsch tatsächlich stoppte, explodierte die Gewalt des probritischen Mobs. Paramilitärs verübten in der gesamten Provinz Anschläge, blockierten Straßen und Häfen. Mehrere irische Katholiken wurden getötet. Viele Jahre prügelten britisches Militär und Polizei den Ordensmännern den Weg frei. So ging es Jahr für Jahr bis zum Dreifachmord von Ballymoney am 12. Juli 1998. Kurz zuvor war das Karfreitagsabkommen unterzeichnet worden, und Nordirland blickte eigentlich einer friedlichen Zukunft entgegen. Als die neugegründete Parades Commission dem Oranier-Marsch eine Marschroute ohne die Garvaghy Road zuwies, eskalierte erneut die Gewalt. In Ballymoney legten loyalistische Milizionäre Feuer im Haus einer katholischen Familie, drei Jungen im Alter von acht, neun und zehn Jahren starben. Dann war für 30 Jahre Schluss mit dem Marsch.

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Deshalb kam es überraschend, dass die Parades Commission kürzlich den Marsch über die Garvaghy Road unter strengen Auflagen erlaubte. Die Bewohner hatten die Horrornächte der 1990er Jahre nicht vergessen. Seit dem 27. September bewachen sie ihre Straße. Täglich ziehen die Oranier aufs neue los, werden jedoch von der Polizei gestoppt. Die Solidarität mit den Bewohnern der Garvaghy Road ist enorm. Mary Lou ­McDonald, Kopf der irischen Linkspartei Sinn Féin, und Parteiurgestein Gerry Adams besuchten die Proteste. Michelle O’Neill, Parteivize und Erste Ministerin in Nordirland, kam ebenfalls und stellte sich schützend vor die Anwohner, ebenso das HipHop-Trio Kneecap aus Belfast.

Der Oranier-Orden und die mit ihm verbandelte Democratic Unionist Party (DUP) kochen vor Wut. Sie pochen auf ihr Recht zum Marschieren. Den Verlust ihrer einstigen Macht nehmen sie nicht wahr. Jahrzehnte war der Orden mit der institutionellen Politik verschmolzen und prägte das Regionalparlament Stormont. Doch der Wind hat sich gedreht und bläst heute denjenigen entgegen, die an der britischen Überlegenheit gegenüber der irischen Bevölkerung in Nordirland festhalten. Selbst Polizeichef Jon Boutcher ist nicht willig, für die Ewiggestrigen die Knüppel schwingen zu lassen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 14.10.2026, Seite 3, Ansichten

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