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Zurück zu antikapitalistischen Wurzeln
Das queere Stadtmagazin Siegessäule ist nun eine Genossenschaft, wurde also in die Hände der Leserinnen und Leser überführt
Die Transformation »Deutschlands größter queerer Zeitschrift« von einem Verlag zweier Frauen in eine Genossenschaft ist abgeschlossen. Mit der Überführung in die neuen Eigentumsverhältnisse verabschieden sich die langjährigen Verlegerinnen Gudrun Fertig und Manuela Kay. Die beiden Frauen hatten den Verlag, zu dem neben der Siegessäule auch das Lesbenmagazin L-Mag, queere Branchenmagazine sowie eine Tourismusplattform gehören, im Jahr 2012 übernommen.
Die Siegessäule ist das wohl älteste queere Magazin Europas. Es erschien erstmalig 1984 in Westberlin noch mit dem Untertitel »Monatsblatt für Schwule«. Heute lautet er: »We are queer Berlin«. Das Heft ist werbefinanziert und wird kostenlos über einige hundert Abgabestellen in Berlin verteilt. Die Druckauflage liegt knapp unter 50.000 Exemplaren.
Die ehemalige Geschäftsführerin Gudrun Fertig schrieb in einem Abschiedsartikel, der Verlag sei Anfang September an die Genossenschaft Queere Medien zum symbolischen Preis von vier Euro verkauft worden. »Mit diesem grandiosen Meilenstein« lasse sich gut Abschied nehmen. Mit der Genossenschaft im Rücken werde vieles, was für die Zukunft des Verlages nötig sei, »leichter fallen«. Rendite stehe »per se nicht im Vordergrund«, so Fertig. Ihr Rückblick zum Start als Koverlegerin fällt gemischt aus. Es sei gut gewesen, »dass man anfangs nicht weiß, was alles so im Wege stehen kann«. Die queere Community sei in vielerlei Hinsicht zerstritten.
Andererseits habe sich Fertig mit dem Projekt einen Lebenstraum erfüllt: »guten Journalismus, Einsatz für die LGBTIQ*-Community und möglichst faire Bedingungen innerhalb des Unternehmens schaffen«. Das seien ihre Themen gewesen. Zuletzt sei das gesellschaftliche Klima jedoch immer rauer geworden mit »Gegenwind bis hin zu direkten Angriffen von sogenannten Medien aus dem rechtspopulistischen Spektrum«. Sie frage sich, was der Verlag und »wir als Community anders machen können, um diesen enormen Rechtsruck zu verhindern«.
Gudrun Fertig kam 2003 als Volontärin zur Siegessäule und war zunächst beim L-Mag, später als Onlinechefredakteurin tätig. Die ebenfalls scheidende Manuela Kay war schon 1996 zur Siegessäule gekommen. Auch sie äußerte sich zur Übergabe der Verlagstätigkeiten und erinnert an die Anfeindungen gegen Frauen aus Teilen der Schwulenszene: »Dass zwei Lesben einen der größten queeren Medienverlage der Welt führen, wurde in der Community nicht nur mit Jubel aufgenommen.« Sie diagnostizierte »eine bestimmte Art schwuler Frauenfeindlichkeit«.
Gleichzeitig sei ihr immer wichtig gewesen, nicht zu vergessen, »auf wessen Schultern wir stehen«. Im Falle der Siegessäule sei das die »linke, rebellische Schwulenszene Westberlins« gewesen, aus der heraus die Zeitschrift 1984 gegründet worden sei. Mit der Übernahme des Verlags durch eine Genossenschaft gehöre dieser nun »wieder der Community und nicht einzelnen.« Die Siegessäule kehre »damit zurück zu ihren (antikapitalistischen) Wurzeln als kollektives Communityprojekt«, so Kay.
Blickt man auf die erste Ausgabe der Siegessäule vom April 1984 zurück, wird die Aktualität vieler Themen deutlich: schwul-lesbischer Film bei der Berlinale, Gleichberechtigung in Europa sowie ein Angriff von Neonazis auf Herbert Rusche, den ersten offen schwulen Bundestagsabgeordneten. Allerdings wird bereits ein dunkles Kapitel der Schwulenbewegung jener Zeit deutlich: die Versuche pädophiler Akteure, innerhalb der Bewegung Einfluss zu gewinnen. So weist eine Meldung auf die Flucht des mehrfach wegen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche verurteilten Schriftstellers und Journalisten Peter Schult hin. Der Verlag Rosa Winkel warb per Anzeige für den Titel »Knaben, die Männer lieben, die Knaben lieben«.
In einem Bericht aus dem Jahr 2016 über die Verbindungen der Berliner Grünen bzw. deren Vorgänger »Alternative Liste« zur Pädophilenbewegung heißt es, in der Siegessäule seien »von der Gründung 1984 bis 1994 über 20 ›pädofreundliche‹ Artikel« zu finden. Das war allerdings vor der Zeit der nun scheidenden Gudrun Fertig und Manuela Kay.
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