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Masern

Comeback made in USA

Sechs US-Bundesstaaten rufen Gesundheitsnotstand wegen Masern aus

Von Michael Kohler
USA
Foto: Everett Collection/IMAGO
Pennsylvania 1963: Ein Kind wird gegen Masern geimpft

Die Entwicklung kommt nicht überraschend. Bereits 2025 gab es in den USA zahlreiche Masernausbrüche mit insgesamt 2.289 Erkrankungen. Mehr als jeder zehnte Patient musste stationär behandelt werden. Quarantänemaßnahmen wurden erforderlich, Arztpraxen und Notaufnahmen gerieten an ihre Grenzen. 2026 war die Vorjahreszahl bereits im Juli überschritten, mittlerweile sind über 4.000 Erkrankungen registriert und sechs Todesfälle. Der höchste Wert seit 35 Jahren. Was nicht verwundert, die Impfquoten sind deutlich unter die für die sogenannte Herdenimmunität erforderlichen 95 Prozent gefallen. Gründe für diese Entwicklung sehen Beobachtende auch in der Impfskepsis des schwurbelnden Gesundheitsministers und mehr noch in konstant sich widersprechenden Aussagen des US-Präsidenten, der sich als größter Medizinmann aller Zeiten zu profilieren sucht.

Die USA müssen nun befürchten, ihren hart erarbeiteten Status als masernfreies Land zu verlieren. Der Republikanischen Partei könnte das bei den Zwischenwahlen am 3. November um die Ohren fliegen. Die Masern gelten als weithin unterschätzte Krankheit. Sie werden fälschlich als »Kinderkrankheit« angesehen, als etwas, das zur Kindheit dazugehöre und nicht weiter gefährlich sei. Ihr Erscheinungsbild – Fieber und der typische rote Hautausschlag – erinnert an alltägliche Kinderkrankheiten. Erfahrungen mit der tatsächlichen Schwere der Krankheit fehlen in den Industrienationen, weil die großen Impfkampagnen der letzten Jahrzehnte schwere Verläufe selten gemacht haben.

Scharlatane hatten infolgedessen mit gezielten Verharmlosungen und Falschinformationen leichtes Spiel. Tatsächlich aber gehören die Masern zu den schwersten und ansteckendsten Krankheiten – nicht ohne Grund sind sie in fast allen Ländern mit entwickelten Gesundheitssystemen streng meldepflichtig. Sowohl Mittelohr- als auch Lungenentzündungen sind häufige Sekundärinfektionen, letztere die häufigste Todesursache bei Kindern mit Masern. Bei etwa einem von 1.000 Erkrankten tritt eine akute Enzephalitis (Hirnentzündung) auf und führt oft zu dauerhaften Hirnschäden. Besonders gefürchtet ist die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE), eine umfassende Gehirnentzündung, die oft erst sechs bis acht Jahre nach der Infektion auftritt. Sie verläuft immer tödlich. Das Risiko ist bei Säuglingen und Kleinkindern am höchsten.

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Vor Einführung der Masern-Mumps-Röteln-Impfung (MMR) infizierten sich in den USA jährlich bis zu vier Millionen Menschen mit Masern. Rund 48.000 Erkrankte mussten stationär behandelt werden und etwa 500 starben. Ähnlich die Verhältnisse in Deutschland: In der BRD wurde die Masernimpfung ab 1973/1974 von der Stiko empfohlen, in der DDR ist sie 1970 als Pflichtimpfung eingeführt worden – 50 Jahre, bevor Jens Spahn die Pflicht 2020 für die BRD einführte. Fast jedes Kind infizierte sich bis zum Jugendalter mit Masern. Für Westdeutschland bedeutete das etwa 500.000 bis 700.000 Masernfälle jährlich. Etwa 10.000 bis 20.000 Krankenhaus­behandlungen pro Jahr wurden erforderlich. Amtliche Statistiken wiesen ca. 100 bis 300 Todesfälle jährlich durch Masern aus. Spätfolgen wie SSPE wurden nur unvollständig erfasst, obwohl sie bei einem von 1.000 bis einem von 3.000 infizierten Kleinkindern auftreten.

Vor dem Zweiten Weltkrieg und Anfang des 20. Jahrhunderts lagen die Todeszahlen noch um ein Vielfaches höher. Sie sanken jedoch bereits vor Einführung der allgemeinen Impfung durch bessere medizinische Versorgung und Ernährung deutlich. Aber auch heute noch bestehen dramatische Unterschiede zwischen reichen und armen Ländern: Wo Ernährung, Hygiene und intensivmedizinische Betreuung auf hohem Niveau sind, treten Komplikationen fast ebenso häufig auf wie in armen Ländern, in Krisengebieten oder in Regionen mit Mangelernährung, doch die Sterblichkeit beträgt nur 0,1 bis 0,3 Prozent. In sogenannten stabilen Entwicklungsländern ist sie mit einem bis fünf Prozent mehr als zehnmal so hoch. Hundertmal so hoch (also zehn bis 30 Prozent) ist die Mortalität in Krisen- und Flüchtlingsgebieten oder bei starker Mangelernährung. Hier stirbt bis zu jedes dritte erkrankte Kind.

Tatsächlich ereignet sich auch ganz aktuell die schlimmste Masernepidemie nicht in den USA, sondern – kaum bemerkt – in Bangladesch. Seit Mitte März wurden etwa 180.000 Fälle und 1000 Tote gezählt, die meisten Kinder. Bis vor wenigen Jahren galt das Land als Impfvorreiter. In der Coronazeit mussten jedoch Impfprogramme eingestellt werden, die brutale Niederschlagung der Proteste gegen die autoritäre Regierung 2024 verschärfte die Lage. Die Impfrate ist auf 59 Prozent gefallen.

Bangladesch ist leider kein Einzelfall. 19 europäische und zentralasiatische Länder erlebten 2025 ein Comeback der Masern. Der WHO-Austritt der USA im Januar 2026 eröffnet düstere Aussichten: Das riesige Minus bei den Finanzmitteln vernichtet Impfprogramme vor allem in Niedrigeinkommensländern, schwächt die globale Seuchenüberwachung und Früherkennung und fördert durch Falschinformationen impffeindliche Bewegungen weltweit.

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.10.2026, Seite 15, Natur & Wissenschaft

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